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MZ-Serie

Abi in den Zeiten der Beatles

Einem Domspatzen stand nach der Reifeprüfung die Welt offen – auch wenn er zum Film wollte. Erinnerungen eines Chamers.
Von Alexander Metz

1966: Regensburger Domspatzen mit Truck Branss (li.), dem Regisseur des Films „Chöre der Welt“.

Cham.Es war im Juni 1966: Die Beatles tourten durch Deutschland, von Bravo, unserer Jugendzeitung, die jeder kannte, aber keiner las, initiiert. Das war sensationell. Ich hätte gern ein Beatles-Konzert besucht, zumal sogar unsere so konservative Goetheverehrerin und Deutschlehrerin, die Zapfo, diese Pilzköpfe, wie sie sie wegen ihrer Frisur nannte, mochte. Das gestand sie uns einmal im Deutschunterricht.

Das Abitur war geschafft, und das gar nicht einmal so schlecht. Mathe Eins, Musik Zwei, Deutsch Drei, Latein Drei, Religion Eins. Das war für mich sensationell. In der zwölften Klasse hatten wir Mathe und Religion abgeschlossen, in der dreizehnten Latein, und Musik statt Griechisch.

Für Religion hatte ich einfach 50 Seiten Wort für Wort auswendig gelernt. So war das mit unserem Internatsleiter und Religionslehrer, dem Nitsche, mehr oder weniger ausgemacht. Wer alles so niederschrieb, wie es im Buch stand, hatte gute Chancen, einen Einser oder mindestens einen Zweier zu bekommen Dieses Religionsbuch, es nannte sich „Unterrichtswerk für katholische Religionslehre an Gymnasien in Bayern“, aber hatte mich vollends davon abgebracht, Theologie zu studieren, um Priester zu werden.

Vom „Irrglauben“ in der Welt

Das Foto zeigt den Buben Ludwig Alexander Metz am ersten Tag mit dem Engel im Arm, den ihm seine Chamer Pflegemutter mitgegeben hatte. Er ist bald zerbrochen, aber Alex nicht. Foto: Metz

Alleine schon das sich tolerant gebende Religionsbuch für die Mittelklasse steigerte meine Aversion gegen die Lehre und die Dogmen meiner Mutter Kirche und was diese aus der Botschaft Christi gemacht hatte. Da wurden generös und pseudotolerant andere Religionen behandelt, kamen dabei jedoch immer wie arme Armleuchter davon. Die alten Ägypter verehrten einen Falken als Gott, den Horus. Wie verwerflich! Welch primitive Tierreligion! Und wir verehren eine Taube, dachte ich mir, den Heiligen Geist. Und sind nicht unsere Kirchen voll von Tierdarstellungen? Stier, Drache, Schlange, Lamm, Taube, Ochs und Esel. Und an der Kanzel wartet ein Adler auf Beute. Müsste dann nicht auch unsere Religion von Andersgläubigen als eine primitive Tierreligion eingeschätzt werden?

Die einfältigen Inder lassen eine Perlenkette durch die Finger gleiten und plappern dabei „O mani padme hum“, lehrte uns das Buch. Und was ist mit unserem Rosenkranz?, hätte ich am liebsten gefragt, ließ es aber besser bleiben.

„Wie Kant und andere Kleingeister versuchten sie die Wahrheit Gottes in das Prokrustes-Bett ihrer vorgefassten Schemata zu zwängen.“ Solche Sätze mussten wir auswendig lernen und wiedergeben. In mir sträubte sich alles, Kant einen Kleingeist zu benennen. Ich tat es trotzdem und bekam eine Eins.

Der Autor und sein Buch

  • Vita:

    Ludwig Alexander Metz wurde 1946 in Cham geboren und hier als uneheliches Kind bei einer Pflegemutter „versteckt“. Die Mutter war die Tochter aus einem Landshuter Brauerei-Gasthof, der Vater ein Zwangsarbeiter aus Serbien.

  • „Der versteckte Bua“:

    Das war der Titel eines Buches, in dem Metz seine Kindheit der Nachkriegszeit in Cham beschreibt. Eine Serie mit diesen Geschichten hat viel Resonanz gefunden.

  • „Der zerbrochene Engel“ schildert seine Erlebnisse bei den Domspatzen von 1955 bis 1966.

  • Vertrieb:

    Das Buch ist erschienen bei Books on Demand (BoD) und in einer Paperback-Ausgabe (11,99 Euro) erhältlich im Buchhandel.

Das Deutschabitur war eine absolute Pleite für mich. Und eine Schande. Das Thema ging um die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie. Und weil ich in Geschichte und Deutsch meist nicht aufgepasst hatte, sondern im Unterricht lieber Szenen für den Film „Ein Kampf um Rom“, den ich als künftiger Regisseur drehen wollte, auf Papier skizzierte und so ein interessiertes Mitschreiben vorgaukelte, wusste ich so gut wie gar nicht, wo die Oder- und Neißelinie und damit die Grenze zwischen Polen und Deutschland nach der Teilung durch die Alliierten verlief.

Nur meine kluge Einsicht, dass, wer den Krieg beginnt und noch dazu verliert, sich mit den Begebenheiten zufriedengeben müsse, und die Tatsache, dass der milde gestimmte Korrektor alle Augen einschließlich derer der Hüh-ner zudrückte, bescherte mir einen ebenso milden Dreier.

Alexander mit dem schwarzen Talar und dem weißen Chorhemd Foto: Metz

Das Leben aber meinte es damals gut mit uns, was die Berufsaussichten betraf. Es reichte schon, an einem humanistischen Gymnasium und noch dazu am Musikgymnasium der Regensburger Domspatzen sein Abitur gemacht zu haben, um bei der Arbeitssuche überall begehrt zu sein. Das galt auch für den Militärdienst bei der Bundeswehr. Gerade, dass sie dir nicht einen roten Teppich ausrollten. Für den Jahresbericht der Schule musste man als Abiturient angeben, welchen Studiengang man zu wählen beabsichtigte. Und das war mein nächstes Problem. Theologie kam nun nicht mehr in Frage, obwohl ich dereinst ein so frommer Junge war und unbedingt Priester werden wollte. Somit war der Traum meiner Mama, an die ich nur noch selten dachte, zerplatzt.

Die Sache mit den Mädels

Pilot bei der Luftwaffe war auch schon gestrichen, weil der weitblickende Musterungsarzt mir eine weiche Leiste, seine flache Hand in ebendiese nackte schlagend, bescheinigte und mich damit bestimmt vor dem Absturz mit einem Starfighter, den man im Volksmund aus gutem Grunde den Witwenmacher nannte und den uns der Verteidigungsminister Strauß beschert hatte, retten wollte.

Psychologie interessierte mich sehr, fühlte ich doch, dem Beruf eines Priesters damit sehr nahe zu kommen, ohne darauf verzichten zu müssen, mein Erbgut zu verteilen, und wenn es ginge, auch etwas großzügig. Mein Traumberuf aber war Filmregisseur. Und ich war mir da ziemlich sicher, dass die Welt auf mich und vor allem auf meine Filme wartete. Der Italienische Meister des Films Fe-derico Fellini war mein großes Vorbild, und Rolf Thiele, der etwas exzentrische deutsche Filmemacher.

Filmregisseur, das aber traute ich mich bei der Umfrage nicht anzugeben. Film klang doch immer etwas unseriös. Die Frauen beim Film seien alle Matschakerln, meinte meine Tante Maja, die letzte Jungfrau von Niederbayern. Nur der Schwerenöter, unser Musiklehrer, hatte sein Gespür für mein filmisches Talent unter Beweis gestellt, als er im Unterricht sagte: „Und der Alexander wird bestimmt einmal als Filmregisseur von den schönsten Frauen umschwärmt werden.“

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Das lief runter wie Öl. Ich fühlte mich geschmeichelt, zumal mein Leben, was Mädchen betraf, abgesehen von den Mädchen meiner frühen Kindheit, bisher eine absolute Nullrunde war. Ich war noch immer eine männliche Jungfrau. Und das noch mit zwanzig. Das sollte aber auch noch eine Weile so bleiben. Medizin hätte mich auch brennend interessiert. Aber ich fiel schon fast in Ohnmacht, wenn ich im Schaufenster vom Buchleitner-, Napf- oder Metzger-Metzger in Landshut einen Schweinskopf oder abgehackte Schweinepfoten sah. Und bei einer Spritze kollabierte ich, wenn ich nur an eine solche dachte.

„Der zerbrochene Engel“: Der 71 Jahre alte Alexander Metz präsentiert sein zweites Werk. Foto: Fischer

Die Beratung des Herrn Hallberger, der eines Tages zu uns in die Klasse kam, um uns als Berufsberater Möglichkeiten des Studiums und des Berufs aufzuzeigen, brachten mich nicht wirklich weiter. „Meine Damen und Herren“, begann Herr Hallberger mit einem gewissen Lallen monoton seine auswendig gelernte Rede in unserer nur von jungen Männern besetzten Klasse. „Drei Punkte rufe ich Ihnen zu: Erstens, was wollen Sie werden? Zweitens, wie wollen Sie‘s werden? Und drittens, eine Frage an die Spaßvögel unter Ihnen, werden Sie‘s dann auch wirklich? Hahaha!“ Der Bimbo mit der Lächerlefze, der ja manchmal wirklich auch originell sein konnte, fragte den Herrn Hallberger, scheinheilig Interesse vorgaukelnd, wie man Berufsberater werden könne, und hatte damit alle Lacher der Klasse auf seiner Seite.

Ich gab in meiner mir angeborenen Schüchtern- und Bescheidenheit bei der Umfrage also an, Psychologie studieren zu wollen. Und das wurde im Abschlussbericht auch abgedruckt. Dass aber alles ganz anders kommen würde, hätte ich damals nicht gedacht.

Zunächst stand der Zeiger des Schicksals voll auf Film. Wir drehten im Juni 1966 zwei Filme für das Farbfernsehen, das es noch nicht einmal gab: „Chöre der Welt – Die Regensburger Domspatzen“ und „Regensburger Domspatzen singen Weihnachtslieder“. Das Farbfernsehen wurde erst im August 1967 bei der Funkausstellung in Berlin gestartet.

In den Bavaria-Filmstudios

Regie führte Truck Branss. Das war der Regisseur der einst berühmten Hit-Parade mit Dieter Thomas Heck. Bei den Aufnahmen stand ich nicht nur wie die anderen kleinen und großen Spatzen vor der Kamera, sondern machte mich nützlich, wo immer ich konnte, und gewann so die Sympathie der Regieassistentin, die ich kühn zu einem Kaffee einlud, obwohl sie gut zehn Jahre älter war als ich. Ihr Doppelname verriet, dass sie bereits verheiratet war. Sie fand mich süß und sprach für mich beim Chef des ZDF in München vor. Mit ihrer Hilfe wurde mir die Stelle eines dritten Aufnahmeleiters angeboten, die ich gerne annahm, obwohl ich damit Hansdampf in allen Gassen war.

Damit erfüllte sich für mich ein Jugendtraum. Schon immer wollte ich in den Bavaria Filmstudios arbeiten, wenn man beim Film überhaupt von Arbeit sprechen kann, bei einer Tätigkeit, die eigentlich nur Spaß macht. Ich war in den Ferien schon ein paar Mal um das Studiogelände herumgeschlichen, hatte mich an den Zaun der Bavaria Film gedrückt und sehnsüchtig zu den Studiohallen hinübergeguckt. Nun durfte ich in einem der Studios, und zwar im größten, als dritter Aufnahmeleiter bei der Produktion der ZDF-Silvester Show 1966 mit dem sinnigen Titel „Es funkeln die Sterne“ mitwirken. Aber das ist eine andere Geschichte.

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