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Masche

Abzocke mit dem fliegenden Baby

Die Drückerkolonne der Björn-Steiger-Stiftung verunsichert in Cham Eltern mit der Mär vom Frühchen-Transport in Todesgefahr.
Von Johannes Schiedermeier

  • Mit amtlich aussehenden Fahrzeugen und Dienstkleidung wirken die Drückerkolonnen der Björn-Steiger-Stiftung äußerst seriös. Foto: Schiedermeier
  • Die Chamer Notaufnahme ist mit einem speziellen Baby-Behälter ausgerüstet. Damit kann Rettungsassistent Patrick Schwarz jederzeit im Notfall gefahrlos Säuglinge transportieren. Foto: Schiedermeier

Cham.Die beiden Herren im gemütlich beheizten Vorraum des Edeka-Supermarktes sind bestens geschult. In ihren rot-weißen Jacken mit der Aufschrift „Björn-Steiger-Stiftung – Leben retten“ und mit dem gleichfarbigen Dienstwagen auf dem Parkplatz in Nunsting wirken sie amtlich. Dazu kommt noch das Emblem, das aussieht, als ob zwei rote Kreuze irgendwie aneinandergeraten wären.

Mit dem Roten Kreuz sind die beiden Spendensammler auch wirklich aneinander geraten– dazu später. Die beiden Herren sprechen ganz gezielt Familien mit Kindern an und junge Frauen. Denen erzählen sie dann die Story vom Frühchen, das nur mit dem einzig wirklichen Babyrettungswagen „Felix“ überleben kann. Die beiden Herren sind ausgesucht freundlich und sprudeln reizüberflutend, während sie das Ganze mit Bildern aus ihrer amtlich weiß-roten Mappe unterlegen. Sie können aber auch anders. „Als ich sagte, dass ich kein Interesse habe, da hat der Mann zu mir gesagt: Sie werden schon noch Interesse bekommen, wenn niemand Ihr Frühchen transportieren will“, ärgert sich eine junge Frau nach dem Gespräch.

Der Echo-Reporter sitzt eine halbe Stunde nebenan im Café und bekommt die Masche hautnah mit. Dann naht – wie bestellt – der stellvertretende Leiter des Chamer Rettungsdienstes. Dominik Lommer hat selber Kinder und trägt einen Einkaufskorb. Er passt gut ins Beute-Schema und wird prompt angesprochen. Angebot zum Schnäppchenpreis: Der einzig wahre Frühchen-Transport für nur 120 Euro Spende pro Jahr. Das alles zweck- und ortsgebunden und deswegen nur jetzt und hier möglich. Ganz nebenbei tischt der Spenden-Jäger haarsträubende Behauptungen auf, aus denen Dominik Lommer gemeinsam mit dem Echo-Reporter später ein Gesprächsprotokoll gefertigt hat, in das Stellungnahmen des BRK eingeflossen sind (siehe Ausführungen im Kasten unten).

Der Besuch der Björn-Steiger-Drückerkolonnen ist nicht der erste im Landkreis Cham. Immer wieder in unregelmäßigen Abständen tauchen sie in Supermärkten auf. Bereits im August 2014 hatte das Bayerwald-Echo die Stiftung in Stuttgart mit dem Auftreten ihrer Drücker in Miltach konfrontiert.

Reflexartig hatte der Stiftungssprecher Thomas Pflanz damals sofort reagiert: „Das ist bestimmt ein Missverständnis!“ Die Zeitungen sind allerdings inzwischen voll von den Missverständnissen der Spendeneintreiber. So hatte ein Mitarbeiter sauer auf eine Ablehnung reagiert und eine Dame mit dem Spruch konfrontiert: „...dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Unfalltod..“ Sehr bedauerlich, so die Reaktion der Stiftung. Man versprach Besserung.

In Miltach hieß es dann plötzlich, dass der Babyrettungswagen in Deggendorf stationiert werden soll und beim normalen Transport Babys durch die Luft fliegen. Anna Eberchart, Pressesprecherin der Stiftung, bedauerte „die Reaktion auf unsere Spendenaktionen“. Aber auch hier müsse ein Missverständnis vorliegen. Die Mitarbeiterin habe allenfalls gesagt, dass der Kopf des Frühchens gegen die Wand des Inkubators rutschen könne. Natürlich wünsche man keine Falschinformationen durch die Mitarbeiter und werde die Reaktionen zum Anlass für verstärkte Kontrollen nehmen. Wie unser Gesprächs-Protokoll unten zeigt, ist da wohl was schiefgegangen. Wahrscheinlich liegt ein bedauerliches Missverständnis vor.

Die Argumente der Babyretter

  • Gespräch

    Der stellvertretende Rettungsdienstleiter des BRK, Dominik Lommer, sprach mit dem Verkäufer der Björn-Steiger-Stiftung.

  • Gesprächsnotiz

    Aus dem Gespräch im Edeka-Markt in Nunsting haben wir gemeinsam folgende Gesprächsnotiz gefertigt:

  • Argument 1

    „Im Baby-Notarztwagen werden die Frühchen quer transportiert, weil durch die Fliehkräfte beim „herkömmlichen“ Transport das Gehirn in die Fontanelle gepresst werden kann.

  • Stellungnahme BRK

    Der Transport erfolgt in Fahrtrichtung mit geeigneten Sicherheitseinrichtungen (nach DIN). Über derartige Auswirkungen ist uns nichts bekannt.

  • Argument 2

    Deswegen dürfte ein Rettungswagen nach „Bundesrettungsgesetz“ auch nur 20 Kilometer pro Stunde fahren und könnte somit nicht transportieren.

  • Stellungnahme BRK

    Ein Bundesrettungsgesetz gibt es gar nicht. Der Rettungsdienst ist in Ländergesetzen geregelt. Im Bayerischen Rettungsdienstgesetz steht nichts Derartiges.

  • Argument 3

    Der Babyrettungswagen kommt der Region zugute. Die Stationierung erfolgt in der Regel an Kinderkliniken. Wo genau, kann nicht beantwortet werden – wahrscheinlich aber Regensburg oder Amberg.

  • Stellungnahme BRK

    Genau deswegen nimmt jeder „normale“ Rettungswagen dort (an den Kinderkliniken) entsprechendes Fachpersonal und z. B. den Intensivtransport-Inkubator auf und führt diese Transporte durch. Die Stationierung eines derartigen Rettungswagens ist an den Kliniken schon deswegen nicht vorgesehen, weil er 24 Stunden vorgehalten werden müsste, um alle paar Tage einen Einsatz zu fahren. Diese Einsätze können aber mit dem Inkubator und Spezial-Personal von jedem beliebigen Rettungswagen gefahren werden.

  • Argument 4

    Die Anfahrtswege sind nicht zu weit, weil „die Rettungsdienste diese Transporte ablehnen“ und die Eltern somit „selbst in die Klinik fahren“ müssen. Dies sei auch schon von mehreren Eltern bestätigt worden.

  • Stellungnahme BRK

    Eine Ablehnung erfolgt keinesfalls und ist nach Gesetz nicht möglich! Sollte Zeit die entscheidende Rolle spielen, sind auch wir sehr gut ausgestattet, um diese Transporte durchzuführen.

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