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Schule

Adenauer befreite ihn aus der Hölle

Drei Jahre kämpfte Günther Rehbein ums Überleben: In der Mittelschule Bad Kötzting erzählt er seine tragische Geschichte.
Von Roman Hiendlmaier

  • Aufrecht sitzen, Hände auf die Oberschenkel: Günther Rehbein schildert den Schülern die Haltung, in der er ungezählte Stunden verbrachte. Foto: rh
  • Ungebrochen mit 82: Günther Rehbein hat das DDR-Regime überlebt. Foto: rh
  • Andy Leifeld: „Ich finde es bitter, erst heute erfahren zu haben, dass es nach 1945 solch unglaubliche Verhältnisse auch in Deutschland gab.“
  • Damian Bachelier: „Den Begriff Gulag kannte ich zuvor bereits – dass darin aber auch Deutsche inhaftiert waren, war mir unbekannt.“
  • Leon Sponfeldner: „Ich fand den Vortrag sehr informativ. Über die Verhältnisse in der DDR habe ich gehört, von diesen Ausmaßen aber wusste ich nichts.“
  • Max Pongratz: „Meine Erkenntnis aus dem Vortrag ist, dass man danach mit seinem Leben noch ein ganzes Stück zufriedener ist.“

Bad Kötzting.Konrektor Erwin Molzan war nervös: Wieder hatte die Mittelschule einen Zeitzeugen geladen. Günther Rehbein, 82, Opfer des DDR-Regimes und der sowjetischen Besatzungsmacht, berichtet von seinem Leidensweg. „Aus dem Stand heraus eine Konfrontation mit so unglaublicher Brutalität ist immer schwierig,“ sagt der Konrektor vor der Vorstellung des Zeitzeugen.

Die Sorge des Schullehrers war unbegründet: Den Zeitsprung von rund 60 Jahren binnen Minuten überstanden die Neunt- und Zehntklässler bestens. Knapp 90 Minuten war es mucksmäuschenstill im Klassenzimmer, als als der kleine, schmächtige Mann in bestem Sächsisch die Schüler ins Gera der 50er Jahre führte.

Drei Jahre Kampf ums Überleben

„Ich bin heute bei Ihnen, um Ihnen zu zeigen, welch schreckliche Verbrechen es in der DDR gegeben hat“, begann der 82-Jährige ins Thüringen der 50er Jahre. Als junger Mann hatte er damals über die Verhältnisse im Osten und die Ausbeutung durch die sowjetische Besatzungsmacht geschimpft. Das musste er bitter büßen: Von einem Stasi-Spitzel denunziert, wurde der damals 19-Jährige vom Arbeitsplatz weg verhaftet. Monatelang wurde er als Spion und Aufrührer verdächtigt, verhört, geschlagen, gefoltert, bis er ein falsches Geständnis unterschrieb. Auf dieser Basis wurde er von einem sowjetischen Tribunal 1952 zu 25Jahren Haft verurteilt, zu verbüßen in einem der berüchtigten sowjetischen Lager, Gulag genannt.

In der einem Konzentrationslager ähnlichen Hölle aus Eis und Schnee im sibirischen Workuta überstand Rehbein drei lange Jahre. Er herrschten Hunger, Kälte, überharte Arbeit und Willkür der Aufseher, die bis zu einem Massaker reichte, als Lagerinsassen bessere Bedingungen erstreiken wollten. Seine Familie und Angehörige zu Hause hatten von seinem Schicksal keine Ahnung.

Mit leiser Stimme, und auch nach über einem halben Jahrhundert danach sichtlich bewegt, las Rehbein den Schülern aus seiner Biografie „Gulag und Genossen: Aufzeichnungen eines Überlebenden“ vor. Er schilderte die Verhältnisse in den Lagern und Gefängnissen und zu welch perfiden Grausamkeiten Menschen fähig waren. Die Gräuel plastischer machte ein selbst produziertes Video von Orten seiner Gefangenschaft.

Sein Leben verdanke er dem ersten westdeutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer. „Er hat mir mein zweites Leben geschenkt“. Adenauer hatte in zähen Verhandlungen mit dem sowjetischen Staatschef Chruschtschow bewirkt, dass 1955 deutsche Zwangsarbeiter aus Sibirien in ihre Heimat zurückkehren durften. Rehbein wollte zurück nach Hause, wo er seine Frau und seine Tochter vermutete. Aus Unkenntnis über sein Schicksal hatte die Frau jedoch einen neuen Partner, die gemeinsame Tochter zur Adoption freigegeben.

Bis zur Wende 1989 stand Rehbein jahrzehntelang mit dem DDR-Regime auf Kriegsfuß, wurde bespitzelt, erhielt Arbeitsverbot, musste zwischen 1967 und 1971 sogar erneut in Haft, weil er seinen Denunzianten von 1952 verprügelt hatte.

Das ganz persönliche Happy End

„Habt ihr Fragen?“, beendete Rehbein seine Biografie. Es dauerte eine Weile, bis er eine Reaktion erhält, die Jugendlichen sind sichtlich beeindruckt. Was in ihren Köpfen vorgeht, zeigt die erste Frage, wie das denn zusammenpasse, seine Geschichte und das oft gehörte „Es war doch nicht alles schlecht, damals in der DDR...“

Rehbein wiegt den Kopf, bittet um Differenzierung. „Viele haben nichts gewusst, wissen zum Teil noch heute nichts, oder wollen es nicht...“ sagt er dann. Die Erinnerung an den angeblichen Zusammenhalt der DDR-Bürger basiere auf dieser Unwissenheit, was an der Mauer und in den Gefängnissen passierte, wer wen bespitzelte, plus die stillschweigende Allianz gegenüber „denen da oben“.

Für Rehbein ist Duckmäusertum keine Basis für eine Gesellschaft. „Und weil ihr die Zukunft seid, müsst ihr das wissen, um es einmal besser zu machen.“ Um aufzuklären, sei er trotz seines stolzen Alters jährlich rund 30000 Kilometer kreuz und quer durch Deutschland unterwegs.

Neben dem Zuspruch für seine auch mehrfach ausgezeichnete Aufklärungsarbeit, hat sich 2012 der ganz persönliche Traum des Günther Rehbein erfüllt: Nach einer im TV gesendeten Info-Versammlung erhielt er eine Mail einer Frau aus Karlsruhe, die ihn als ihren Vater erkannt hatte: „Nach 56 Jahren konnte ich sie wieder in meine Arme schließen“, schließt er – und nicht nur die Schüler müssen dabei schlucken.

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