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Feierstunde

Als Waldmünchen Geschichte schrieb

Hunderte Menschen erinnerten in Höll an die symbolische Grenzöffnung vor 30 Jahren. Auch dieser Tag hatte seine Botschaften.
Von Petra Schoplocher

  • Altlandrat Ernst Girmindl hatte als „Eintrittskarte“ ein Stück Grenzzaun dabei. Dieses und die Zeitzeugenberichte sorgten dafür, dass auch der Festakt zu „30 Jahren symbolische Grenzöffnung“ Zeug zum Gänsehautfeeling hatte. Foto: Schoplocher
  • Herzliche Geste(n): Landrat Franz Löffler, sein Vor-Vorgänger Ernst Girmindl und Pavel Faschingbauer, der Ex-Landrat von Domažlice und ebenso Zeitzeuge
  • Die Jugend: Nicht nur diejenigen, die vor 30 Jahren schon dabei waren, fanden am Sonntag den Weg an die Grenze. „Es ist schon interessant, was wir so erzählt bekommen“, sagen die Jungen. Foto: Schoplocher
  • Halina Krüger hatte ihr Firmengelände an der Grenze für die Feierstunde zur Verfügung gestellt. Die Initiatoren Anton Ruhland (rechts) und Hans Beer dankten ihr dafür mit einem Blumenstrauß. Foto: Schoplocher

Waldmünchen.Deutsche und Tschechen, Bayern und Böhmen, Seite an Seite, im Gespräch, in einer herzlichen Umarmung. Dass diese Szenen am Sonntagnachmittag ganz selbstverständlich waren, lag auch an einem Januartag vor 30 Jahren. Am 26. Januar hatte sich damals die Grenze zwischen Höll und Liskova für ein paar Stunden geöffnet – das Freudenfest, zu dem rund 15 000 Menschen diesen symbolischen Akt machten, ist längst Geschichte.

Diesen denkwürdigen Tag in Erinnerung zu rufen, war der Wählergemeinschaft Waldmünchen Land (WWL) „mitsamt allen Bewerbern von CSU, WUL und LJW“ ein Anliegen, und so konnte deren Sprecher Anton Ruhland in der Nähe des Grenzübergangs mehr als 200 Menschen begrüßen. Ein buntes Völkchen aus Zeitzeugen und Neugierigen, von beiden Seiten der Grenze. Ein Hallo hier, eine freundschaftliche Geste da, Sinnbild dessen, was Landrat Franz Löffler später so beschrieb: „Wir gehören zusammen!“

Ernst Girmindl sprach vor großem und interessiertem Publikum und erinnerte an eine Schlagzeile von damals: Ein Stück Himmel ist auf die Höll gefallen. Foto: Schoplocher
Ernst Girmindl sprach vor großem und interessiertem Publikum und erinnerte an eine Schlagzeile von damals: Ein Stück Himmel ist auf die Höll gefallen. Foto: Schoplocher

Seiner Meinung nach war dieses Signal, das die je 7000 bis 8000 Deutschen und Tschechen an jenem 26. Januar 1990 in die Welt sandten, mit ausschlaggebend für die Eröffnung eines offiziellen Grenzübergangs gut ein halbes Jahr später. „Alle haben gespürt, dass an diesen 15 000 Menschen keiner mehr vorbeikommt.“

Kommentar

Grenzwertig

Das Wichtigste vorab: Diese Veranstaltung war unglaublich wichtig. Obwohl sie es natürlich nicht schaffen konnte, die Stimmung von damals wiederzubeleben....

Auch Ernst Girmindl, der damals Landrat war, betonte die Rolle der Bürger bei dieser samtenen Revolution. „Ohne deren Bereitschaft, selbst Hand anzulegen, wäre es nie soweit gekommen“, war er sich sicher. Als er ein paar Tage nach dem 26. Januar erneut an die Grenze kam, war der Zaun weg. Girmindl hatte das wohl bewegendste Erinnerungsstück des Tages dabei. Ein Stück Grenzzaun in einer Schachtel, die die Aufschrift trägt: „Nie mehr als Hindernis zwischen unseren Nationen.“

„Ich bin sehr glücklich, dass ich diese Zeit erlebt habe“: Pavel Faschingbauer, der frühere Landrat des Kreises Domažlice, war einer der Redner. Foto: Schoplocher
„Ich bin sehr glücklich, dass ich diese Zeit erlebt habe“: Pavel Faschingbauer, der frühere Landrat des Kreises Domažlice, war einer der Redner. Foto: Schoplocher

Pavel Faschingbauer, früherer Landrat des Kreises Domažlice, zeigte sich „glücklich, dass ich diese Zeit erlebt habe“ und dafür, dass die Menschen gute Freunde geworden sind.

Happy End war unvorstellbar

Franz Löffler, damals städtischer Ordnungsamtsleiter und somit Zeitzeuge, versuchte, die Grundstimmung in den Jahren vor der Grenzöffnung ins Bewusstsein zu rufen. Dass der Bund das ehemalige Zollhaus in Höll 1987 verkauft habe, sei eindrucksvoller Beleg dafür, dass alle glaubten: Diese Grenze wird nie mehr geöffnet.

Geschichte

Der Grenzzaun verschwand als erstes

Die Menschen warteten vor 25 Jahren schon ungeduldig auf die Öffnung des Grenzübergangs Höll bei Waldmünchen nach Tschechien.

Ein Bild aus der historischen Schatzkiste: Vorgespräche für den Tag der symbolischen Grenzöffnung, links vorne Franz Löffler Foto: Hans Beer
Ein Bild aus der historischen Schatzkiste: Vorgespräche für den Tag der symbolischen Grenzöffnung, links vorne Franz Löffler Foto: Hans Beer

Der Landrat hob den Weitblick und das Engagement der beiden damaligen Bürgermeister Dieter Aumüller und Josef Frei (Klenci) hervor, die ab Herbst 1989 versuchten, Verbindungen zu knüpfen. Die entsprechenden Signale aus Tschechien seien damals sehr bewegend gewesen. An jenem 26. Januar selbst habe ihn ein Plakat am meisten berührt, erzählte er. Auf dem stand: Dobrý den Europa!

Am Rand der Veranstaltung blieb genug Raum für grenzüberschreitende Gespräche. Foto: Schoplocher
Am Rand der Veranstaltung blieb genug Raum für grenzüberschreitende Gespräche. Foto: Schoplocher

„Wir haben die Chancen genutzt“, spannte Franz Löffler den Bogen zur Gegenwart. Das sei eine begeisternde Botschaft, die er mit Hinweisen auf den längst als solchen etablierten gemeinsamen Wirtschaftsraum, viele Freundschaften und Kooperationen untermalte. „Vielleicht haben wir unsere tschechischen Freunde auch unterschätzt“, merkte er nachdenklich an. Eine zweite Botschaft des 26. Januar 2020 sei, dass „wir nur gemeinsam bestehen können“ und jeden Tag für ein friedliches Europa zusammenstehen müssen.

Bürgermeister Markus Ackermann sprach von den Beziehungen zwischen den beiden Regionen als Musterbeispiel für ein funktionierendes Europa. Dies sei umso bemerkenswerter, als dass zum Zeitpunkt der Grenzöffnung zwischen Deutschland und Tschechien das härteste Sozialgefälle des Kontinents geherrscht habe. Von einem Tag auf den anderen wurde das Grenzland „vom Ende der westlichen Welt in die Mitte Europas katapultiert“, verdeutlichte er. Wenn er an den 26. Januar 1990 zurückdenke, sehe er aber vor allem auch Menschen mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Geschichte

Als der Eiserne Vorhang dicht war

Der Waldmünchner Fotograf Hans Beer stellt dem Bayerwald-Echo Fotos zur Verfügung, als in Höll die Welt noch zu Ende war.

Die Musiker aus dem Chodenland setzten den Anfangs- und Schlusspunkt und riefen zum Mitsingen auf. Foto: Schoplocher
Die Musiker aus dem Chodenland setzten den Anfangs- und Schlusspunkt und riefen zum Mitsingen auf. Foto: Schoplocher

Das Stadtoberhaupt verwies auf die Verzahnungen in vielen Bereichen, zahlreiche Projekte und gut funktionierende Netzwerke. Für ihn mache es keinen Unterschied, ob er nach Klenci oder Rötz zu einem Termin fahre. Er appellierte, die Beziehungen weiter zu pflegen.

Auch alte Zeitungsausschnitte riefen die Geschichte und den 26. Januar 1990 in Erinnerung. Foto: Schoplocher
Auch alte Zeitungsausschnitte riefen die Geschichte und den 26. Januar 1990 in Erinnerung. Foto: Schoplocher

Ackermanns Kollege Jan Bozděch gab schmunzelnd zu, als Zeitzeuge nicht geeignet zu sein, weil er damals erst drei Jahre alt gewesen sei. Er könne aber versichern, dass das Miteinander-ins-Gespräch-Kommen für seine Generation sehr wichtig war und ist. Er dankte herzlich für die Zusammenarbeit.

Kindheitstraum wurde wahr

Anton Ruhland betonte mehrfach, mit welch großer Dankbarkeit er an diesen Tag zurückdenke, an die freundschaftliche Art und Weise, mit der die Tschechen ihnen begegnet sind und was er in der Folge an dicken und echten Freundschaften erleben durfte. Für ihn persönlich sei mit der Grenzöffnung ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen. Von der heimatlichen Terrasse aus konnte er täglich die Grenze sehen. „Ich wollte nur einmal das Nachbarland betreten...“, schilderte er seine Empfindungen.

Geschichte

Große Verbrüderung an der Grenze

Friedens- und Freudenfest in Waldmünchen mit begeisterten Menschen und ein Beinahe-Umsturz des tschechischen Ministers.

Damals wie heute begleitete der Waldmünchner Sepp Liegl den Tag mit der Kamera. „Zur Vorbereitung“ hat er sich die alten Filme angesehen und war sofort wieder emotional „drin“. Foto: Schoplocher
Damals wie heute begleitete der Waldmünchner Sepp Liegl den Tag mit der Kamera. „Zur Vorbereitung“ hat er sich die alten Filme angesehen und war sofort wieder emotional „drin“. Foto: Schoplocher

Mit Erinnerungen den Tag vor 30 Jahren waren auch viele Waldmünchner gekommen, nicht wenige hatten im Vorfeld alte Fotos studiert. So wurde erzählt von der „irren“ oder Volksfeststimmung, wurden Dimensionen eines Urknalls oder einem Stück Weltgeschichte bemüht. Und immer wieder wurde gezeigt: Wir gehören zusammen.

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