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Zukunft

Angst vorm Sanieren ist fehl am Platz

Siegfried Wagner erzählte im ersten Cocobello-Gespräch in Waldmünchen, warum sich Engagement in der Altstadt lohnt.
Von Petra Schoplocher

Siegfried Wagner sen. war der erste Interviewpartner der Cocobello- Gespräche. Zum dünn gesäten Publikum, das sich für die Erfahrungen beim MGH-Umbau interessierte, war auch Markus Ackermann. Fotos: Schoplocher
Siegfried Wagner sen. war der erste Interviewpartner der Cocobello- Gespräche. Zum dünn gesäten Publikum, das sich für die Erfahrungen beim MGH-Umbau interessierte, war auch Markus Ackermann. Fotos: Schoplocher

Waldmünchen.Am Anfang stand eine Schwärmerei: „Diese Dichte, diese Kompaktheit...“ – Johannes Haslsteiner kam gar nicht davon los, die Vorzüge der „zweifellos schönsten Altstadt im Landkreis“ zu preisen. Um genau diese zu revitalisieren und ihr das Qualitätsimage zu geben, das ihr zusteht, sind er und sein Kollege Peter Haimerl angetreten. Die Altstadt sei die Identität Waldmünchens, unterstrichen die städtebaulichen Berater zum Auftakt des ersten „Cocobello-Gesprächs“.

In dieser Reihe sollen Bürger zu Wort kommen, die sich bereits in der Altstadt engagiert haben. Mit dem Ziel, (zukünftigen) Hausbesitzern die Angst vor Sanierung zu nehmen, den Hilfestellungsapparat vorzustellen und „zu zeigen, dass es funktionieren kann“.

Architekt Johannes Haslsteiner zeigte Pläne.
Architekt Johannes Haslsteiner zeigte Pläne.

Johannes Haslsteiner ist überzeugt, dass es gelingen kann, die Attraktivität der Altstadt zu steigern. Sie sei Lebens- und sozialer Raum und mit den entsprechenden Konzepten auch hochwertiger Wohnraum. Haslsteiner sprach von der Altstadt als dem Tafelsilber einer Kommune, um das sich zu kümmern nicht zuletzt Aufgabe der Bürger ist. Sowohl der Architekt als auch Bürgermeister Markus Ackermann appellierten an die Solidarität der Waldmünchener – beim Einkauf und in der Wahrnehmung. Es dürfe eben nicht immer nur heißen, „das alte Glump g’hört wegg’rissen!“.

Offene Tür: Cocobello bei Nacht. So offen die Tür auch war, allzu viele Interessierte drängten sich nicht ins Innere.
Offene Tür: Cocobello bei Nacht. So offen die Tür auch war, allzu viele Interessierte drängten sich nicht ins Innere.

Den frisch gebackenen Ehrenbürger Siegfried Wagner senior hatte Johannes Haslsteiner als ersten Gesprächspartner gewinnen können. Seine Ausführungen und Einschätzungen hätten ein größeres Publikum verdient gehabt, kamen die Anwesenden später unisono überein. So aber hörten ausschließlich diejenigen, die ohnehin ein Objekt saniert haben oder gerade dabei sind, von Wagners fortwährendem Kampf. Das heutige Mehrgenerationenhaus sei das dritte Gebäude, das er saniert habe, informierte er. Fertig ist er noch nicht. „Das Flachdach müsst Ihr Euch mal anschauen...“, wandte er sich an die Architekten.

Erste Idee nicht finanzierbar

Projekt: Darum ging es (auch): Siegfried Wagner hat das frühere Cafe Feichtmayr saniert, heute MGH.
Projekt: Darum ging es (auch): Siegfried Wagner hat das frühere Cafe Feichtmayr saniert, heute MGH.

Bei rund einer Million lag 1998 der erste Kostenvoranschlag für die Komplettentkernung des früheren Café Feichtmayr, das aus zwei zusammengebauten Häusern besteht. Dieser „nicht finanzierbare“ Vorschlag sah den Abriss eines Gebäudeteils vor. Als sich 2007 eine Nutzung als Mehrgenerationenhaus aufzeigte, entschloss sich das Ehepaar Wagner zu einer bedarfsorientierten Sanierung. 2016 erfolgte ein zweiter Schritt, unter anderem wurden im Erdgeschoss aus vier Ebenen zwei gemacht. „Von Wirtschaftlichkeit brauchen wir bei so einem Gebäude nicht zu sprechen“, sagte Wagner zu den baulichen Besonderheiten. Dennoch: Auf Nachfrage von Haslsteiners, wie er sein Engagement in der Rückschau bewerte, unterstrich der frühere Bauunternehmer: „Nur positiv“ und bestätigte nur allzu gerne einen Begriff, den der Architekt einmal gehört habe, den der „Seelenrendite“.

Er habe sich den Aufwand immerhin einigermaßen ausrechnen können („Der Bauingenieur, der genau sagt, was ein Umbau kostet, muss erst noch geboren werden“). Außerdem trauere er finanziellen Dingen nicht nach, wenn er – wie beim MGH – sehe, dass etwas Schönes und Gutes daraus entstanden ist. Initiativen wie die von Siegfried Wagner würden helfen, den Teufelskreis zu durchbrechen, den Bürgermeister Markus Ackermann in den Fokus rückte und Johannes Haslsteiner auf diese Formel herunterbrach: Keine Leute, kein Handel, keine Leute. Damit lag er mit Wagner, der für eine gegenseitige Befruchtung von Marktplatz und Altstadt eintrat, auf einer Länge. Für Ackermann ist Dreh- und Angelpunkt, dass sich die Bürger solidarisch mit ihrer Stadt zeigten. „Die Verantwortung liegt bei jedem Einzelnen“, appellierte er.

Das Tafelsilber

Ausstellung: Eine Ausstellung geht auf die Sanierung des Gasthauses Kamm ein. Peter Haimerl interessiert‘s.
Ausstellung: Eine Ausstellung geht auf die Sanierung des Gasthauses Kamm ein. Peter Haimerl interessiert‘s.

„Die Altstadt ist für uns das Tafelsilber“, stellte Johannes Haslsteiner heraus. Er ging sogar so weit, zu sagen, dass es keine Alternative zur Altstadt gebe. Elf Bauberatungen stimmten ebenso zuversichtlich wie die seiner Wahrnehmung nach um sich greifende Bereitschaft für neue (Wohn)Konzepte. „Das Potential ist da“, meinte er, mitunter sogar Feuer und Leidenschaft. Optimistisch ist auch Peter Haimerl. „Das stimmt mich mutig“, fasste er das Gehörte zusammen. Er regte eine Art Stammtisch an, an dem Ideen in lockerer Atmosphäre diskutiert werden. Ein Lösungsansatz könne auch der Versuch sein, Einfamilienbauhausinteressenten Richtung Altstadt „umzulenken“.

Unter den Zuhörern war Hans Bücherl, der über Jahre hinweg immer wieder investiert hat. „Eigentum verpflichtet“, findet der Bäckermeister, der entgegen vieler Stimmen ein Haus in ein Café umgewandelt hat. Zwar gingen Kostenvoranschläge und Rechnungen auseinander, aber schließlich habe er einen Wert geschaffen, was bei der Beurteilung solcher Projekte gerne vergessen würde. Den Begriff „Seelenrendite“ formulierte er anders: „Ich habe immer ein gutes Gefühl, wenn ich dran vorbei gehe.“

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