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Geschichte

Anno dazumal im Bayerwald

Heimatforscher Hans Aschenbrenner zeigt, wie das Leben auf den Höfen im Bayerischen Wald vor über 100 Jahren ausgesehen hat.
Von Helga Brandl

Heute gibt es wohl kaum mehr einen solchen Winter wie damals, als die Kühe im Bayerwald durch meterhohen Schnee stapften. Fotos: Aschenbrenner
Heute gibt es wohl kaum mehr einen solchen Winter wie damals, als die Kühe im Bayerwald durch meterhohen Schnee stapften. Fotos: Aschenbrenner

Neukirchen b. Hl. Blut.Schei is gwen, aber hirt – s‘ Leb’n im Bayerischen Wald vor 150 Johrn.“ Mit diesem Thema begeisterte Heimatforscher und Träger der Neukirchener Bürgermedaille Dr. Hans Aschenbrenner die große Zuhörerschar, die sich zum gleichnamigen Vortrag im Gasthof „Zur Linde“ auf Einladung des OGV Neukirchen b. Hl. Blut einfand. Anhand von imposantem Bildmaterial aus alter Zeit gab es Neues zu erfahren und erstaunlich viel Altes wiederzuerkennen.

Landwirtschaft gibt es im Bayerwald seit dem Sesshaftwerden der Menschen vor etwa 7000 Jahren, sie gilt als ältester Wirtschaftszweig überhaupt, erzählte der Referent im Vorspann. Aschenbrenner selbst hat um 1950 auf dem elterlichen Hof ohne Bulldog, stattdessen aber mit Sense oder Wachl, Gabel, Rechen und einem Kuhgespann gearbeitet. Ausführlich erklärte der Referent die Fülle an Schwarz-Weiß-Bildern und bot beeindruckende Ausschnitte aus dem damaligen Zeitgeschehen.

Die „gute alte Zeit“

Die „Kirm“, ein riesiger Korb, war einer der wichtigsten Gegenstände. Fotos: Aschenbrenner
Die „Kirm“, ein riesiger Korb, war einer der wichtigsten Gegenstände. Fotos: Aschenbrenner

Die Prinzregenten-Zeit galt allgemein als die „gute alte Zeit“ – das möge in der Stadt zugetroffen haben, aber nicht auf dem Land. Dort waren die Lebensbedingungen schwer und die Arbeit knochenhart. Das Industriezeitalter änderte ab etwa 1850 das Leben der Menschen. Es war die größte Umwälzung, ja Revolution in der Menschheitsgeschichte. Es entstanden Bergwerke, Verkehrswege und Verkehrsmittel wurden gebraucht. Hunderttausende Menschen zog es in die Stadt. Aber das Leben auf dem Land war nach wie vor rein bäuerlich geprägt.

Die Aussaat auf den Feldern erfolgte bis in das 20. Jahrhundert hinein mit der Hand.  Fotos: Aschenbrenner
Die Aussaat auf den Feldern erfolgte bis in das 20. Jahrhundert hinein mit der Hand. Fotos: Aschenbrenner

Die Familien waren kinderreich und die Häuser in keinem guten Zustand. Im Bayerischen Wald lebten 90 Prozent der Bevölkerung von und mit der Landwirtschaft. Nach der Kornkammer Bayerns, dem Gäuboden, bot das Hügelland des Vorwaldes noch verhältnismäßig gute Möglichkeiten für eine Landwirtschaft. So war im Hohenbogenwinkel Landwirtschaft einigermaßen möglich. Doch in den höheren Lagen ab 800 Meter und langen Wintern wurde es problematisch.

In eine raue Urwaldgegend kamen die ersten Siedler im 13. und 14. Jahrhundert hierher. Das Roden im Urwald war eine mühsame Arbeit. Die Siedler rodeten nur so viel an Ackerland, dass sie das für den eigenen Bedarf nötige Getreide selbst erzeugen konnten. Für die Bauern war die Autarkie das Grundprinzip: Alles, was man brauchte, musste selbst erzeugt werden.

„Weibsleut“ hatten es hart

Mistausfahren mit der „Schloipfa“ Fotos: Aschenbrenner
Mistausfahren mit der „Schloipfa“ Fotos: Aschenbrenner

Die damalige bäuerliche Wald- und Landwirtschaft im Böhmerwald und im Bayerischen Wald ist mit der heutigen kaum vergleichbar. Bis vor etwa 200 Jahren betrieben die Waldbauern die Landwirtschaft in einer ganz anderen Form als heute: zum einen durch Riedern oder Reuten, zum anderen durch Flachsanbau, der die Grundlage für die Weberei bildete. Viele Ried-Orte in den Landkreisen Regen und Kötzting und Reut-Orte im unteren Wald bezeugen diese Wirtschaftsform. Der Flachsanbau war hier sehr verbreitet und bildete die Grundlage für die Weberei.

Die dominierende Arbeit auf einem Bauernhof war die Feldarbeit, die von den Jahreszeiten und vom Wetter bestimmt wurde. Nach ihr richtete sich der tägliche Arbeitsablauf. Pflügen und Eggen mit den Ochsen, das Säen mit der Hand, die Heu- und Getreideernte mit Rechen, Gabel und Sense waren die bestimmende Arbeit im Sommer. Alle mussten kräftig zupacken. Eine erste Erleichterung brachte da die Dampfdreschmaschine.

Beim Flachsbrechen um 1930 wurden Pflanzenfasern gebrochen, etwa um Bast herzustellen.  Fotos: Aschenbrenner
Beim Flachsbrechen um 1930 wurden Pflanzenfasern gebrochen, etwa um Bast herzustellen. Fotos: Aschenbrenner

Als Bauern galten die Hofbesitzer , die allein durch Landwirtschaft existieren konnten. Inhaber kleinerer Hofstellen waren auf einen Nebenerwerb angewiesen. Meist wohnten drei Generationen mit Geschwistern zusammen, dazu kamen die „Ehalten“, also Mägde und Knechte, denen kein Urlaub zustand. Dafür gab es 20 Bauern-Feiertage und Umritte (wie Leonhardi oder Wendelini). Viele Menschen standen jedoch nicht auf der Sonnenseite des Lebens.

Frauen hatten es weitaus härter als Männer und die „Kirm“ war das wichtigste Utensil der „Weibsleut“. Kochen, Brotbacken, Vorratshaltung, Waschen und Flicken kamen zu den üblichen Stallarbeiten hinzu. Da wundert es nicht, dass die Hochzeit der Höhepunkt im Leben einer Frau war.

Das Leben auf dem Bauernhof

  • Stube:

    Zentrum eines Bauernhauses war die „Stum“. Sie war der einzige Raum, der im Winter warm war.

  • Stüberl:

    Ein Austrags-Stüberl war die Bleibe für den letzten Hinterbliebenen einer Bauersfamilie.

  • Technik:

    Die Arbeit auf dem Bauernhof war sehr zeitaufwendig und schwer, bis die Technik Einzug hielt.

Großmutter kümmert sich um die Kinder und spendet hier Trost - 1925 Fotos: Aschenbrenner
Großmutter kümmert sich um die Kinder und spendet hier Trost - 1925 Fotos: Aschenbrenner

Mit dem Dengeln der Sense verrichteten zumeist die Großväter eine gewissenhafte Arbeit. Der Boden lieferte nur das Wichtigste zum Leben. Deshalb bauten sich die damaligen Bauern mit der Viehwirtschaft ein zweites Standbein auf. Doch auch die Viehwirtschaft stellte sich damals noch ganz anders dar: Die Rinder waren um ein Drittel kleiner als heute und die Milchleistung wurde mit 1000 Litern pro Jahr angegeben. Das Jungvieh war den ganzen Sommer über auf der Waldweide.

Sachl im Böhmerwald, ein Kleinanwesen um 1890 Fotos: Aschenbrenner
Sachl im Böhmerwald, ein Kleinanwesen um 1890 Fotos: Aschenbrenner

Bei der Waldarbeit hat sich bis nach dem letzten Krieg nicht viel geändert. Erst die Motorsäge revolutionierte ab 1960 die Arbeit der Holzhauer. Weil es kaum Straßen und nur schlechte Waldwege gab, zogen Pferde im Winter das Holz. Das Triften war eine gute Gelegenheit, Blöcher und Scheiter aus den abgelegenen Waldungen zu bringen. Mit dem Jahrhundertsturm im Böhmerwald um 1870, den die Schriftsteller Karel Klostermann und Paul Friedl („Baumsteftenlenz“) in ihren Büchern beschrieben haben, kam der Reichtum in den Wald.

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