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Opferhilfe

Appell: Das Schweigen brechen

Der Weiße Ring macht „Sexualisierte Gewalt“ zum Thema des Tages der Kriminalitätsopfer am 22. März.

Die zunehmenden Gewalttaten in der Partnerschaft, der Ehe und innerhalb der Familie beunruhigen Klaus Kozuch, den Außenstellenleiter des Weißen Rings im Landkreis Cham. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Die zunehmenden Gewalttaten in der Partnerschaft, der Ehe und innerhalb der Familie beunruhigen Klaus Kozuch, den Außenstellenleiter des Weißen Rings im Landkreis Cham. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Cham.Alle acht Minuten wird ein Mensch in Deutschland Opfer von sexualisierter Gewalt. Das geht aus der Kriminalitätsstatistik der Polizei hervor, die allein für das Jahr 2018 knapp 64 000 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung festhält.

Aber das sind nur die Fälle, die von der Polizei erfasst wurden - die Dunkelziffer liegt sehr viel höher. Nicht einmal jede 15. Tat wird bei der Polizei angezeigt, das belegen kriminologische Studien. Der Weiße Ring, Deutschlands größte Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität, geht deshalb von bis zu einer Million Taten pro Jahr aus. Nicht alle acht Minuten, sondern vermutlich in jeder einzelnen Minute des Tages wird demnach ein Mensch Opfer von sexualisierter Gewalt. Doch viel zu oft schweigen die Betroffenen über das Erlebte: aus Angst, aus Unwissenheit, aus Scham, aus falsch verstandener Loyalität, weil die meisten Taten in den privaten vier Wänden geschehen.

„Sexualisierte Gewalt ist extrem schambehaftet und wird noch immer gesellschaftlich tabuisiert“, sagt Klaus Kozuch, Außenstellenleiter des Weißen Rings im Landkreis Cham. „Viele Betroffene bringen nicht die Kraft auf, den sexuellen Übergriff zu thematisieren, vor allem, wenn er in den eigenen vier Wänden geschieht. Opfer sollten sich jedoch nie selbst die Schuld für das Verhalten des Täters geben.“ Sexualisierte Gewalt an Mädchen und Jungen findet täglich und überall, häufig auch innerhalb der eigenen Familie, statt. Schätzungen zufolge erfährt jedes fünfte Mädchen und jeder neunte Junge vor dem 18. Geburtstag (mindestens) einmal sexuelle Gewalt, die der Gesetzgeber als Straftat einstuft – also Nötigung, Missbrauch, Exhibitionismus oder Vergewaltigung. Nicht selten beeinflusst das Erleiden sexualisierter Gewalt den gesamten weiteren Lebensverlauf.

Häusliche Gewalt nimmt zu

Was Klaus Kozuch sehr beunruhigt, sind die Gewalttaten in der Partnerschaft, der Ehe, innerhalb der Familie, die sogenannte Häusliche Gewalt. Hier vermischen sich oft sexualisierte und andere körperliche oder psychische Gewalt. Aus seiner Erfahrung häufen sich diese Taten auch im Landkreis Cham.

Was hier Menschen, die in häuslicher Vertrautheit zusammenleben, angetan wird, lässt sich kaum beschreiben. Es wird geschlagen, gewürgt, getreten und mit Gegenständen aufeinander losgegangen. Partner schreien sich an, beleidigen mit obszönen Worten und bedrohen in abscheulichster Weise – ohne Rücksicht auf Kinder. Sind sie nicht Teil der Auseinandersetzung, erleben sie das alles häufig mit. Oft müssen sie, meist mit der Mutter, die Flucht vom gewalttätigen Partner ergreifen und sich in vielen Fällen nicht nur vorübergehend eine andere Bleibe suchen. Das Erlebte kommt mit einer Wucht und verändert alles Bisherige.

Die zurzeit 14 Kriminalitätsopferhelfer/innen im Landkreis haben schon seit längerem zu 80 Prozent mit der beschriebenen Häuslichen Gewalt zu tun. Sie sind für die Hilfesuchenden da. Sie hören ihnen zu, begleiten sie zu Behörden, Polizei, Anwalt oder Gericht, zeigen ihnen Wege auf, wieder ohne Angst leben zu können. Sie helfen zusammen mit anderen Hilfsorganisationen den Betroffenen, und das sehr oft im Stillen und im Hintergrund.

Mit dem 29. Tag der Kriminalitätsopfer am 22. März will der Weiße Ring das Schweigen brechen: Aktionen in ganz Deutschland und auch im Landkreis Cham sollen die Öffentlichkeit für das Thema „Sexualisierte Gewalt“ sensibilisieren und Betroffenen Mut machen, sich Hilfe zu holen.

Die Kriminalitätsopferhelfer im Landkreis Cham wollten sich deshalb am 22. März um 18.30 Uhr auf der Blauen Brücke in Cham, zusammen mit vielen Helfern anderer Hilfsorganisationen, treffen. Jeder Teilnehmer sollte „sein Licht“ mit zur Brücke bringen, um symbolisch zu zeigen, dass Opferhelfer im Landkreis Cham in der Lage sind, für Opfer die Dunkelheit leuchten zu lassen, Helfer sichtbar zu machen und als Brücke zu dienen.

Veranstaltung abgesagt

Leider musste diese Veranstaltung, bei der auch Landrat Franz Löffler und Bürgermeisterin Karin Bucher ein Grußwort sprechen wollten, wegen der Corona-Krise abgesagt werden, bedauert Klaus Kozuch.

Der Weiße Ring wurde 1976 in Mainz gegründet als Gemeinnütziger Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern und zur Verhütung von Straftaten. Er ist Deutschlands größte Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität. Der Verein unterhält ein Netz von rund 2900 ehrenamtlichen, professionell ausgebildeten Opferhelferinnen und -helfern in 400 Außenstellen, beim Opfer-Telefon und in der Onlineberatung.

Der Weiße Ring hat mehr als 100 000 Förderer und ist in 18 Landesverbände gegliedert. Er ist ein sachkundiger und anerkannter Ansprechpartner für Politik, Justiz, Verwaltung, Wissenschaft und Medien in allen Fragen der Opferhilfe. Der Verein finanziert seine Tätigkeit ausschließlich aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden und testamentarischen Zuwendungen sowie von Gerichten und Staatsanwaltschaften verhängten Geldbußen. Der Weiße Ring erhält keine staatlichen Mittel. Kontakt: Klaus Kozuch, Leiter Weißer Ring im Landkreis Cham, Tel. 0151/55 16 46 41; weisserring-cham@t-online.de

Zum Tag derKriminalitätsopfer

  • Ziel:

    Der Aktionstag soll das Bewusstsein für Opferbelange in Deutschland stärken und Informa-tionen zu Prävention, Schutz und praktischen Hilfen geben. Inzwischen ist der Aktionstag fester Bestandteil im Kalender von Institutionen aus den Bereichen Politik, Justiz und Verwaltung aber auch Vereinen und Schulen geworden.

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