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Sucht

Auf 93 Einwohner kommt ein Spielautomat

In Cham stehen überdurchschnittlich viele Spielautomaten. Das macht sich bei der Suchtberatung der Caritas bemerkbar.
Von Tanja Fenzl

„Glücksspiel-Sucht betrifft jedes Alter, jedes Geschlecht und alle Schichten“: Die Leiterin der Caritas-Suchtberatung in Cham, Angelika Betz (links) und die Neue im Team, Sozialpädagogin Julia Prasch, unterstützen Hilfesuchende. „Die Leute kommen, wenn der Leidensdruck zu groß wird. Oder, weil Angehörige sie drängen.“ Foto: tf
„Glücksspiel-Sucht betrifft jedes Alter, jedes Geschlecht und alle Schichten“: Die Leiterin der Caritas-Suchtberatung in Cham, Angelika Betz (links) und die Neue im Team, Sozialpädagogin Julia Prasch, unterstützen Hilfesuchende. „Die Leute kommen, wenn der Leidensdruck zu groß wird. Oder, weil Angehörige sie drängen.“ Foto: tf

Cham.180 Geldspielgeräte gibt es allein in der Stadt Cham. Im Schnitt teilen sich hier 93 Einwohner einen der Automaten, die in keinem guten Ruf stehen. Damit liegt die Stadt deutschlandweit (!) ganz weit vorne. Zum Vergleich: In Regensburg „teilen“ sich 280 Einwohner einen Automaten, in Straubing 262, in München 620, in Roding liegt das Verhältnis bei 1: 390. So kommt es nicht von Ungefähr, dass die Neue bei der Caritas-Suchtberatung, Julia Prasch, sich vor allen Dingen mit Glücksspielsucht zu beschäftigen hat. Diese Form der Abhängigkeit steigt im Landkreis seit Jahren konstant, weiß die Leiterin der Suchtberatung, Angelika Betz.

Woher kommt‘s? Betz glaubt, dass die Nähe zu Tschechien und den dortigen Glücksspiel-Etablissements eine Rolle spielen könnte. „So ganz genau können wir den Grund bisher nicht eingrenzen.“

Bauausschuss setzte ein Zeichen

Immerhin: Auch die Stadt hat die Gefahr erkannt. So lehnten erst kürzlich die Mitglieder des Chamer Bauausschusses den Vorbescheidsantrag eines Anbieters für eine weitere Spielhalle in der Darsteiner Straße ab. „Wir wollen ein Zeichen setzen“, hieß es.

Nicht nur Männer sind von Glücksspiel fasziniert. Auch Frauen können oft nicht mehr mit dem Zocken an Automaten aufhören.Foto: Marijan Murat/dpa
Nicht nur Männer sind von Glücksspiel fasziniert. Auch Frauen können oft nicht mehr mit dem Zocken an Automaten aufhören.Foto: Marijan Murat/dpa

In den vergangenen Jahren stieg die Zahl der Geräte in Cham kontinuierlich an. Der Verein Arbeitskreis gegen Glücksspielsucht Unna ermittelt alljährlich die aktuellen Zahlen und Vergleichswerte. Demzufolge lag das Automaten-Einwohner-Verhältnis noch vor zehn Jahren in Cham bei 1: 154, im Jahr 2000 sogar bei 1: 593. Damals gab es gerade einmal 25 Glücksspielautomaten in der Kreisstadt. Kein Wunder, dass auch die Zahl derer, die wegen Glücksspielsucht zu den Beratern der Caritas kommen, zunimmt. Im vergangenen Jahr betreuten Betz und ihre Kollegen 37 betroffene Männer und Frauen. Denn: Frauen sind ebenso gefährdet wie Männer. „Glücksspiel macht keinen Unterschied in Sachen Herkunft, Geschlecht oder Alter“, sagt Betz. Ihre neue 28-jährige Kollegin betont ebenfalls: „Bei meinen Klienten sind alle Schichten vertreten.“

Die Suchtberatung der Caritas

  • Angebote

    Die Mitarbeiter der Caritas-Suchtberatung bieten Hilfestellung und Beratung bei den verschiedensten Formen von Sucht: Alkohol- und Drogenmissbrauch, Essstörungen wie Bulimie oder Anorexia, Glücksspiel, Mediensucht.

  • Essstörungen

    Hier sind zumeist Frauen betroffen. Im vergangenen Jahr suchten zwölf Klienten die Beratungsstelle auf.

  • Glücksspiel

    Der Bereich Glücksspielsucht nimmt seit Jahren stetig zu. 2017 suchten 37 Personen bei der Caritas-Suchtberatung Hilfe,

  • Öffnungszeiten

    Die Suchtberatung der Caritas ist von Montag bis Donnerstag von 9 bis 12 und von 13 bis 16 Uhr erreichbar, am Freitag von 9 bis 12 und 13 bis 16 Uhr. Unter Telefon (0 99 71) 84 69 15 wird der richtige Ansprechpartner vermittelt.

Das Problem: Die Sucht mache sich erst relativ spät im „normalen Leben“ bemerkbar. „Häufig kommen die Betroffenen dann, wenn der Leidensdruck schon sehr groß ist. Wenn zum Beispiel der Schuldberg über den Kopf wächst.“ Häufig kämen die Glücksspielsüchtigen gar nicht aus eigenem Antrieb, sondern auf Druck von Angehörigen. „Das Belohnungssystem bei den Automaten funktioniert leider sehr gut“, erklärt Betz, wieso praktisch jeder in diese Sucht abrutschen kann –und lange glaubt, die Sache im Griff zu haben. „Wenn man verliert, meint man, mit einem einzigen Gewinn alle Verluste wieder hereinholen zu können.“ Außerdem sei die Sucht in der Gesellschaft wenig akzeptiert. „Kaum jemand versteht, wie man so hohe Summen einfach so verspielen kann.“ Deshalb sei die Schamgrenze sehr hoch bei den Betroffenen, sich Hilfe zu holen. Dazu komme, dass die Sucht nach außen hin erst recht spät offensichtlich wird. „Ein Alkoholkranker fällt in der Arbeit auf, wenn er eine Fahne hat. Bei einem Glücksspielsüchtigen merkt das erst einmal kaum jemand.“

Kaum eine Chance für Süchtige

Und: „Die Automaten stehen wirklich an den verschiedensten Orten. Oft auch in ganz normalen Gaststätten, der Süchtige hat kaum eine Chance, ihnen auszuweichen.“ Betz und Prasch kennen Betroffene, die ihr ganzes Leben am Spiel ausrichten und die Familie darüber vernachlässigen.

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Die Lösung? Natürlich wäre es hilfreich, wenn es weniger Automaten gäbe. Andere Orte haben es vorgemacht: In Regensburg beispielsweise nimmt die Zahl der Automaten pro Einwohner seit 2012 stetig ab. Und auch in anderen Orten kehrt sich das Verhältnis langsam um. Der Beschluss des Bauausschusses Cham könnte vielleicht die Initialzündung in diese Richtung gewesen sein. Der Antragsteller zog inzwischen seine Anfrage zurück.

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