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Projekt

Auf vier Hufen von Athen nach Kassel

Auf ihrer 3000 Kilometer langen Reise stoppen vier Wanderreiter Stop in Waldmünchen. Am 9. Juli wollen sie Kassel erreichen.

Zehn Tage hoch zu Ross stehen den Wanderreitern noch bevor. Foto: wbs
Zehn Tage hoch zu Ross stehen den Wanderreitern noch bevor. Foto: wbs

Waldmünchen.Man sieht ihnen weder die lange Wegstrecke, noch die vielen Strapazen, noch die mittlerweile 90 Tage in freier Natur an. Und doch haben sie eine ganz besondere Geschichte zu erzählen: Am Donnerstag machte eine kleine bunt gemischte Truppe aus vier Pferden und sechs Menschen unterschiedlicher Nationen einen eintägigen Stopp in Blumlohe bei der Wanderreitstation der Familie Bauer. Welche Geschichte sie zu erzählen hatten, ist mehr als erstaunlich.

Tina, Peter, Zsolt und David kennen sich eigentlich erst seit dem Start der langen Tour. Diese soll sie zusammen mit ihren Pferden von Athen bis nach Kassel führen. Der „Athens-Kassel-Ride 2017“ startete tatsächlich am 9. April in Athen vor der historischen Kulisse der Akropolis. Die Tour führt die begeisterten Wanderreiter durch insgesamt acht Länder auf einer gesamten Wegstrecke von rund 3000 Kilometern. Das Ziel ist Kassel, wo die Reiter am 9. Juli erwartet werden.

Pferd ist Symbol der Documenta

Tina Boche ist in Argentinien mit Pferden aufgewachsen und hat eine eigene Reitschule. David Wewetzer ist Berliner und hat schon viel Erfahrung mit langen Wanderritten. Er ritt 2010 von der Ostsee in den Süden. Der Ungar Zsolt Szabo züchtet ungarische Pferderassen und organisiert seit 15 Jahren Reittouren. Und der Schweizer Peter von der Gugten hat mit seinem 26 Jahre alten Araber Flash bereits über 30 000 Kilometer im alpinen Gelände zurückgelegt. Der ganze Tross wird begleitet von zwei jungen Schotten, die Kunst studiert hatten, und das Projekt filmisch begleiten. Sie fahren auch die Pferdetransporter.

Aber warum reitet man gerade von Athen nach Kassel? Der Kreis schließt sich, wenn man die internationale Kunstausstellung „Documenta“ ins Spiel bringt. Seit vielen Jahren hat jede gelungene Documenta ein Symboltier. Es waren schon Schweine oder ein weißer Hund mit rosafarbenem Bein. Oft haben diese Symbole provoziert oder ein politisches Statement abgegeben. In diesem Jahr wurde nun eben das Pferd zum Symbol der Documenta erklärt. Der schottische Künstler Ross Birrell lässt professionelle Long-Distance-Reiter von Athen nach Kassel reiten – und zwar mehr oder weniger auf der Route, die auch Flüchtlinge nach Deutschland nahmen, als die Balkanroute noch offen war.

„Wir haben die Grenze von Tschechien überquert und uns für eine Pause in Blumlohe entschieden.“

Tina Boche, Wanderreiterin

Die Documenta 2017 wurde am Tag des Abritts in Athen eröffnet, in Kassel fand die Documenta im Jahr 2014 statt. Damit war die Route quasi vorgegeben. Birrells Kunstprojekt produziert die Bilder im Spannungsfeld politischer Symbolik. Er schickte nämlich auch noch ein Pferd für einen Film galoppierend über die Fifth Avenue in den Central Park in Anspielung auf europäische Migranten, die einst nach Amerika kamen und die Pferde mitbrachten.

Waldmünchen ist nun zum eintägigen Stopp des ganzen Trosses geworden. Emmi Bauer vom gleichnamigen Ferien- und Reiterhof machte auf die besonderen Gäste aufmerksam. Die heftigen Regenfälle am Donnerstag zwangen die Truppe dazu, den Tag in Blumlohe zu verbringen, wenngleich hier sowieso eine Übernachtung geplant war. Bereits 90 Tage fast nur im Sattel haben die vier Wanderreiter auf dem Buckel. „Wir haben die Grenze von Tschechien überquert und uns für eine Pause in Blumlohe entschieden“, erklärt Tina Boche. In zehn Tagen wollen sie in Kassel sein. Täglich werden auf dem Pferd rund 40 Kilometer Wegstrecke zurückgelegt. So ein Pausentag lässt dann aber auch keine Zeit zum Faulenzen: Schließlich müssen Sachen geflickt, die Wäsche gewaschen oder die Sachen aufgeräumt werden.

Das Projekt

  • Hintergrund:

    Der 3000 Kilometer lange Ritt wurde inspiriert von Tschiffely’s Ride. Die Geschichte beschreibt einen Ritt vom Kreuz des Südens zum Polarstern.

  • Organisation:

    Der Initiator der Idee, der schottische Künstler Ross Birrell, traf die Entscheidung, das Abenteuer in Tschiffely’s Ride in unserer modernen Zeit nachzustellen. Durch die LongRiders Guild kam er mit Peter van der Gugten zusammen, der für die Organisation des Rittes verantwortlich ist.

  • Der Ritt:

    Der Ritt begann am 9. April in Athen und endet am 10. Juli in Kassel. Die Wanderreiter passieren dabei die Länder Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien, Österreich und Deutschland.

  • Fortschritt:

    Den Fortschritt der Reiter kann man online einsehen. Unter www.theathenskasselride.eu lesen Sie, wo die Reiter aktuell unterwegs sind.

  • Dokumentation:

    Der Ritt wird filmtechnisch und schriftlich dokumentiert.

In Blumlohe musste ein Pferd beschlagen werden, weil ein Hufeisen locker war. Und dann ist da auch noch die eigene Homepage zu pflegen. Der Tross hat mittlerweile einen Fanclub von bis zu 3000 Leuten, die sich über die einzelnen Etappen genau informieren wollen. Mit Hilfe von GPS-Tracking lässt sich genau nachverfolgen, wo sich die Reiter gerade befinden. Wer will kann die Truppe für ein paar Tage mit dem eigenen Pferd zu begleiten. Der weitere Weg führt zunächst entlang der Grenze auf dem Fernwanderweg E 6, bevor es dann auf dem „Golden Kassel Trail“ weitergeht.

Probleme an der Grenze zur EU

Leider ist die Tour ein wenig in Zeitverzug geraten, so dass manche geplante Stationen ausgelassen werden mussten und manchmal auch auf die Pferdetransporter zurückgegriffen werden musste. Ein Grund dafür liegt in den Grenzübertritten und dem damit verbundenen bürokratischen Aufwand. „Wir saßen sechs Tage zwischen Serbien und Kroatien fest. Der Wiedereintritt in die EU war alles andere als einfach“, erzählt Boche.

„Wir saßen sechs Tage zwischen Serbien und Kroatien fest. Der Wiedereintritt in die EU war alles andere als einfach.“

Tina Boche, Wanderreiterin

Dass Reiter mit ihren Pferden über die Grenze wollen, stellte ein riesiges Problem dar. Hinzu kam, dass die Gruppe durch das Land reiten wollte, wofür es keine entsprechenden Formulare gab. „Das überforderte das Personal an der Grenze“, sagt Boche. Irgendwann ging es dann doch weiter. Zum Glück waren andere Grenzüberschreitungen weniger problematisch. Und natürlich hatten die Wanderreiter auch viele schöne Erlebnisse auf ihrer bisherigen Tour. Häufig wurde der Tross von der Straße weg eingeladen zu einem Kaffee, aus welchem dann gerne auch einmal ein „Schnapserl“ wurde. Viele helfende und offene Hände hinterließen bei den Reitern einen nachhaltigen Eindruck. Und so werden die ausstehenden zehn restlichen Tage auf dem Rücken der Pferde sicherlich eine Kleinigkeit. (wbs)

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