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Glaubensserie

Bei ihm dürfen Soldaten weinen

Alois Berzl war Leutnant. Dann wechselte er den Dienstherrn und wurde Militärpfarrer. Den Einsatzbefehl eines Seelsorgers beschreibt er so: da sein.
von Christine Strasser, MZ

Alois Berzl war im Regensburger Priesterseminar. Der Militärpfarrer sieht die Menschen hinter den Soldaten.
Alois Berzl war im Regensburger Priesterseminar. Der Militärpfarrer sieht die Menschen hinter den Soldaten.Foto: Gabi Schönberger

Regensburg.Der Satz kommt mit solcher Wucht, dass er vor dem Schottenportal der Kirche St. Jakob in Regensburg wie Gewehrfeuer klingt. „Soldaten müssen die Fehler der Politiker mit dem Leben bezahlen“, sagt Alois Berzl und meint das als Schuss vor den Bug der Mächtigen. Denn die müssen sich darüber im Klaren sein, dass ihre Entscheidungen ebenso lebenswichtig wie lebensbedrohlich sind.

Eine unmittelbare Folge der Weltpolitik hatte der heute 50-jährige Berzl seit frühester Jugend vor Augen. Von seinem Elternhaus aus sah er als Bub die Türme der tschechischen Abhörstation auf dem Cerchov. Aufgewachsen ist Berzl mit drei Brüdern und einer Schwester in Oberdörfl. Eine Einöde bei Furth im Wald, wie er erklärt. Eine andere Kindheitserinnerung sind die amerikanischen Panzer, die an die tschechische Grenze fuhren. Berzl war vier Jahre alt, als er die sah.

Ohrring überzeugte

Nach dem Abitur 1985 wurde Berzl eingezogen. Seine Heimat zu verteidigen auch mit der Waffe, erschien ihm notwendig. Neben dem Bewusstsein, dass Grenzen geschützt werden müssen, bekam Berzl in seiner Jugend noch etwas anderes mit: tiefe Religiosität. Sein Onkel war Priester. Wegen seines Beispiels trug sich Berzl schon früh mit dem Gedanken, selbst Priester zu werden. Doch der Gedanke schlief wieder ein, als sich Berzl nach dem Abitur für sieben Jahre bei der Bundeswehr verpflichtete und die Offizierslaufbahn einschlug. Dann kam ein Einschnitt in Berzls Leben. Sein Onkel, der Pfarrer, starb und Berzl dachte wieder über seinen Wunsch, Priester zu werden, nach. Ein Militärpfarrer riet ihm, sich das Seminar in Regensburg einmal anzuschauen. Was Berzl überzeugte? „Der erste Seminarist, den ich traf, trug einen Ohrring mit einem Kreuz“, erzählt er. Im November 1992 begann Berzl mit dem Theologiestudium.

Die Sommerfeste sind ihm in Erinnerung geblieben. Der Regens sei mit einem Bauchladen herumgegangen und habe Zigarren angeboten, erzählt er und schmunzelt. Noch eine Sache fällt ihm wieder ein, weil sich daran bis heute nichts geändert hat. „St. Jakob ist immer kalt“, sagt er und blickt auf das Portal der Seminarkirche. Zwölf Figuren, denen die Aufnahme ins Himmelreich verwehrt wurde, sind zu sehen. Kuppler, Verbrecher, Prostituierte, Gaukler, Tänzerinnen, Prasser und Faule zählen dazu.

Die Zeit im Priesterseminar war für Berzl nicht nur einfach. „Ich war neun Jahre älter als der Jüngste im Kurs“, erzählt er. Seine Lebenserfahrung sei eine andere gewesen als die eines Abiturienten, der vom Klosterinternat ins Priesterseminar gekommen sei. „Das war manchmal ein bisschen schwierig.“ Wer Berzl zuhört, hat trotzdem das Gefühl, dass dieses Mehr an persönlicher Reife ein Plus für seine Arbeit als Seelsorger war. Der Priester nickt. „Auch ich war einmal jung, auch ich habe einmal Fehler gemacht.“ Wieder schweift der Blick ab auf das Portal, auf die Figuren der Ausgestoßenen. Als Seelsorger ist seine wichtigste Aufgabe, da zu sein, sagt Berzl später. Nicht nur in Notzeiten oder wenn etwas schiefgelaufen ist, sondern immer. Berzls Gemeinde sind Soldaten und deren Familien, denn er schlug nach der zweiten Dienstprüfung den Weg eines Militärpfarrers ein. Er ist also weiter auf Kasernenhöfen unterwegs. Keine große Sache, findet Berzl. Er habe nur den Dienstherrn gewechselt und eine andere Verantwortung übernommen. Er sieht Parallelen zwischen Priestern und Soldaten. Beide haben eine große Verantwortung. Beide machen ihre Arbeit nicht des Geldes wegen. Der Einstieg als Militärpfarrer wurde Berzl dadurch erleichtert, dass ihm militärische Strukturen und Dienstgrade vertraut waren.

Kaffee, Bier oder auch mal Stärkeres

Es ist Berzl wichtig, dass er auch Ansprechpartner für die Daheimgebliebenen ist. Beispielsweise für die Ehepartner, die den Alltag mit den Kindern allein meistern müssen. Die beim Kaffeekränzchen erfahren müssen, dass ihnen auch von Freundinnen wenig Verständnis entgegengebracht wird. Berzl erzählt von einer Mutter, die beiden Kinder eineinhalb und drei Jahre alt, der Mann im Einsatz in Afghanistan. Eine Bekannte habe gefragt: „Was willst Du denn? Dein Alter ist weg und verdient einen Haufen Geld.“ Berzl hat der Mutter zugehört. Ihre Verzweiflung ernst genommen.

Am Anfang seiner Laufbahn war der Militärpfarrer Berzl in Ingolstadt stationiert. Er gab an der Pionierschule lebenskundliche Seminare. Vor allem die ungetauften Soldaten stellten spannende Fragen. „Weil es um die Grundlagen ging“, erläutert Berzl. Mit ganz grundlegenden Fragen war Berzl auch während eines sechsmonatigen Auslandseinsatzes in Afghanistan konfrontiert. Als Berzl in Kabul war, starben in der Nähe von Kundus zwei Soldaten – auch eine starke Belastung für Berzls Einheit.

In Kabul tat Berzl das, was er immer tut. „Ich war da.“ Er trank mit Soldaten einen Kaffee, ein Bier oder „auch mal etwas Stärkeres“. Beim ihm dürfen die Soldaten schreien und weinen. „Für einen Soldaten, der vom Selbstverständnis her ein starker Mann ist, ist es nicht leicht, Schwäche zuzulassen“, gibt Berzl zu bedenken. Er erinnert sich an die Fahrt durch Kabul. „Wir haben ein Kind mit blonden Haaren und blauen Augen am Straßenrand gesehen. Es war schmutzig von oben bis unten und hatte nur Sandalen an“. Berzl stockt, dann erzählt er weiter. „In Afghanistan kann es im Winter bitterkalt werden. Auch ein gestandenes Mannsbild friert bei dem frostigen Wind. Im Jeep ist es dank der Heizung warm. Aber wie kann es einem Soldaten nichts ausmachen, wenn er ein Kind so draußen sieht, womöglich genauso alt wie das eigene?“

Warum Gott Krieg zulässt? Berzl sagt, weil wir als freie Menschen geschaffen wurden – und nicht als Hampelmänner Gottes. Gott mache uns ein Angebot. Die Entscheidungen treffen wir selbst. Wir haben unsere Zukunft selbst in der Hand. Ihm sei klar, dass das keine befriedigende Antwort für eine Mutter sei, deren Kind gestorben ist, oder eine Frau, die ihren Mann verloren hat. „Aber in so einer Situation kann man nie eine befriedigende Antwort geben“, betont Berzl. Jeder Waffeneinsatz sei eine schwierige Entscheidung. Ein Soldat müsse sich darauf verlassen können, dass die Politiker, die ihn in den Einsatz schicken, verantwortungsvoll handeln.

Für Berzl ist das Ende seines Einsatzes absehbar. Derzeit ist er im Natooberkommando in Belgien tätig. Im August hört er als Militärpfarrer auf, denn er war zwölf Jahre im Dienst. Länger darf man die Arbeit nicht tun. Der 50-Jährige übernimmt dann eine Gemeinde bei Amberg.

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