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Bittersüß durch das Jahr 2013

Vielleicht reicht es als Ziel für 2014, einfach zu leben und gesund zu bleiben, meint Monika Kammermeier aus Eschlkam. Sie selbst will kleiner werden.
Von Monika Kammermeier

„Gott sei Dank!“, hat sie in diesem Jahr oft gedacht, erzählt Monika Kammermeier. Foto: Benjamin Franz

Eschlkam.„Welches sind Ihre Ziele für die nächsten 20 Jahre?“ Ein Tischnachbar hat mir die Frage auf einer Jahresabschlussfeier gestellt. Verblüffend, aber berechtigt. Ich kann mir vorstellen, diesen Zeitraum noch zu erleben. Und wie, mit welchen Voraussetzungen, mit welchen Ideen, Wünschen oder gar Visionen?

Meine Ziele werden andere sein als von jemandem, der die große Flutkatastrophe an der Donau erleben musste. Der sein warmes, gemütliches Zuhause den lehmbraunen Wassermassen hilflos überließ. Diese Menschen müssen mit schlimmen Erinnerungen fertig werden und sich völlig neu orientieren. Schmutzige, nasse, nach Heizöl riechende Räume tauchten auf, nachdem die zähe Brühe ihr Haus zerstört wieder freigab. Die Flutopfer haben mein tiefes Mitgefühl.

Wassermassen und kein Schiff

Wie real die Hochwassergefahr Anfang Juni bei Straubing war, erlebte ich auf meinem Weg zu der Einrichtung Sankt Hildegard bei Kirchroth. Die A 3 war überflutet. Am Damm der Donau standen wir mit den geistig beeinträchtigten Bewohnern und blickten besorgt über die sich dahinwälzenden Wassermassen, die in einer nie gesehenen Breite nach einer Biegung bedrohlich auf einen zukamen. „Kein Schiff da“, sagte einer. Man wartete, ob es einen Alarm zur Evakuierung geben würde. Er blieb aus, Gott sei Dank.

Bei vielen Anlässen in diesem Jahr dachte ich: „Gott sei Dank.“ Weder Wasser noch Wind beraubten mich um mein Zuhause und auch kein Krieg. Es ist schön, in einem friedlichen Land leben zu können. Das wissen vor allem diejenigen zu schätzen, die aus ihrem Land, wie zuletzt Syrien, fliehen mussten – in eine ungewisse Zukunft, in einen fremden Sprachraum, in eine fremde Kultur.

Was für uns gewöhnlich ist, ist für sie Luxus. Zum Beispiel fast täglich seine gewohnten Speisen haben zu dürfen oder sein Lieblingsessen. Denkt einer von uns daran, wie viel Heimat und Trost in einem warmen, vertrauten Mahl stecken kann? Asylsuchenden und ihren Kindern ist das hier nicht gegönnt. Es wäre eine längst fällige Geste, wenn unsere Asylsuchenden sich selbstbestimmt versorgen könnten und keine Essenspakete mehr aufoktroyiert bekämen.

2013 war das Jahr des Papstwechsels. Der neue Papst Franziskus prägte mit programmatischen Worten ein neues Leitmotiv: „Ach wie sehr möchte ich eine arme Kirche und eine Kirche der Armen.“ Es macht sehr neugierig, welche Wurzeln diese Worte noch schlagen werden. Vielen ist dieser Mann sympathisch. „Hoffentlich lebt er lange genug, um seine großen Ziele umzusetzen“, lautet manch frommer Wunsch.

Man kann andere Sorgen haben und große, die sich um das eigene Überleben drehen oder um das naher Angehöriger. Dann sind viele Dinge nur noch zweitrangig. So verstand ich auch die Aussage einer Freundin zur NSA-Affäre, als ich sie dazu befragte. „Mei, de mit ihrem Kindergarten do, glaubst es. Des juckt mi ned, sollen’s doch einelurn überall, wo s’es ned lassn können, i hab andere Baustellen.“ Nach kurzem Zögern sagte sie: „Freilich is des ned in Ordnung, dass alles ausgspitzelt wird.“ Mich beschäftigte diese NSA-Geschichte. So bin ich absolut der Meinung, dass es ein Recht auf Privatsphäre gibt, und dass dieses Datenhamstern demokratiefeindlich ist. Wer fand jemals das Treiben der Stasi normal? Das Tun der NSA hat ganz andere Dimensionen.

Menschen, die sympathisch waren

Die Kötztinger Umschau schickte mich zu einem Interview mit ehemaligen ASA-Agenten, die im Kalten Krieg auf den Hohenbogentürmen für die NSA Daten sammelten. Gefühle von Befremden und Misstrauen begleiteten mich. Dann das Händeschütteln, das Aufnehmen erster Fühlung, und schon lernte ich Menschen kennen die sympathisch waren, Menschen, die intelligente Gesprächspartner waren, mit denen man sich austauschen konnte, die viele Freunde hier haben. Meine Einstellung korrigierte sich.

Pralinen sind Feinde

Meine Feinde sind ganz andere. Sie sind hausgemacht und am besten vom Ödenturm: Pralinen. Wenn ich die zwischen die Zähne kriege, sie mit einem zarten Krachen zerbeiße, ihr Inhalt kühlschmelzend den Gaumen einnimmt – dann schießen sie mit voller Wucht direkt in das Belohnungszentrum. Den Feind zum Freund machen ist in diesem Fall eine vertrackte Korrektur der Einstellung.

Für eine Einstellungsänderung, die die Welt bewegte, stand Nelson Mandela. Seine Vision war der Sieg über die Apartheit. Sie trug ihn durch 27 Jahre Gefängnis hindurch. Es ist etwas Außergewöhnliches, dass wir diesen „Giganten der Geschichte“ (Angela Merkel) erleben durften. Mandela starb am 5. Dezember. Wie nahe Spaß, Freude und Ernstes beieinander sein können, konnte man an der Trauerfeier sehen. Tanzen und lachen war dort nicht verpönt, im Gegenteil.

Weil der Tod zum Leben gehört, und das Leben so nahe am Tod sein kann, erinnere ich mich an ein Mädchen in unserem Landkreis, das am 20. Dezember ein Jahr alt wurde. Es ist die kleine Magdalena. Mit 700 Gramm kam sie zur Welt. Sie ist gesund und eine zarte, aber starke Kämpferin. Dieses Mädchen hat einfach das Ziel zu leben, zu genießen und zu tun, was ansteht: demnächst nämlich das Laufen lernen. Lachen, sich freuen und „Mama“ sagen kann sie schon. Und sie will selbstverständlich groß werden.

Meine Ziele für die nächsten 20 Jahre sind an dieser Stelle ein Geheimnis. Eines sei verraten: Ich will kleiner werden, zumindest was die Kleidergröße betrifft. Ob das ein 20-Jahres-Ziel sein wird? Hoffentlich nicht. Vielleicht reicht es für 2014, für Sie, für mich und für alle anderen: einfach zu leben, gesund zu bleiben und das zu tun, was ansteht.

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