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Bühne frei für den Burgherrn von Rimbach

Die Lichtenegger Burg steht im Rampenlicht von Bayerns Theaterwelt – weil Walter Kolbeck ein Experiment wagte.
Von Michael Gruber

Sein Himmel auf Erden wartet in der Requiste: Walter Kolbeck spielt den Brandner Kaspar im Erfolgstück des Lichtenegger Bundes, der ohne ihn auf einem Burgfelsen verblasst wäre. Fotos: Gruber
Sein Himmel auf Erden wartet in der Requiste: Walter Kolbeck spielt den Brandner Kaspar im Erfolgstück des Lichtenegger Bundes, der ohne ihn auf einem Burgfelsen verblasst wäre. Fotos: Gruber

Rimbach.Über dem alten Burgturm fallen die Sonnenstrahlen auf die Bühne, sie bringen den Schnee auf den Baumkronen zum Glitzern, als wüsste der Himmel, wer da unter ihm stapft. Ein Mann mit weißem Rauschebart und Treckingjacke wandert den Schlossberg mit knirschenden Schritten hinauf. Knapp 700 Meter lang ist der Waldweg über Rimbach, der zur Burgruine Lichtenegg führt, und wer ihn mit Walter Kolbeck geht, der bekommt das Paradies auf Erden zu sehen. Es überwintert in einem kleinen Geräteschuppen, neben Schminkspiegeln und einem Regal mit Kerschgeist. Neun Holzmodule stehen da, mit prachtvollen Ornamenten verziert, knapp 4,50 Meter hoch und zwei Meter breit sind sie. Stolz blickt Kolbeck auf die Kulisse, die den Brandner Kaspar auf der Bühne ins Jenseits blicken lässt. „20 Minuten haben wir in der Umbaupause Zeit, um die riesige Wand aufzustellen“, sagt Kolbeck. Mit einem Akkuschrauber und dem Werkzeuggürtel geht er dem Technik-Team dann zur Hand – obwohl er selbst als Brandner Kaspar die Hauptrolle auf der Burg spielt. Im Fall von Walter Kolbeck muss man aber sagen: gerade deshalb.

4000 Tickets in zwei Tagen

Ein Schluck Kerschgeist vertreibt den Boandlkramer und sorgt für langes Leben, egal ob man Brandner oder Kolbeck heißt. Fotos: Gruber
Ein Schluck Kerschgeist vertreibt den Boandlkramer und sorgt für langes Leben, egal ob man Brandner oder Kolbeck heißt. Fotos: Gruber

Zwei Tage hat es gedauert, bis die sieben Inszenierungen des Lichtenegger Bundes vom „Brandner Kaspar und dem ewign Leben“ im Juli und August 2018 restlos ausverkauft waren – insgesamt 4000 Tickets hatte die Laienschauspieltruppe aus Rimbach nach dem Verkaufsstart im Herbst 2017 zu vergeben. Das dritte Jahr in Folge gibt es die berühmte Erzählung des rüstigen Brandners zu sehen, der den Boandlkramer mit einer Flasche Kerschgeist und einem Kartentrick überlistet, bis ihm das ewige Leben am Ende doch wie ein Fluch erscheint. Die Laientruppe lockt mit dem Stück längst auch anspruchsvolle Theatergänger aus den Großstädten vor Rimbachs Burgfried. Unter den Schirmherrn schart sich die Prominenz aus Wirtschaft und Politik: Siemenschef Joe Kaeser, Landtagspräsidentin Barbara Stamm, Minister wie Helmut Brunner. Letzten Sommer genehmigte sich der Regensburger Bischof Rudolf Vorderholzer ein Stamperl Kerschgeist mit dem Hobby-Ensemble, das mit der Inszenierung von Regisseur Johannes Reitmeier den Aufstieg ins große Rampenlicht geschafft hat. Ohne Walter Kolbeck jedoch, würde oben auf dem Schlossberg nur ein einziger Felsbrocken auf bessere Zeiten warten. „Zum Gedenken an Pfarrer Otto Menzinger und Gerhard Notz – die Schöpfer der Burgfestspiele“, steht auf der Inschrift. Es ist der eine Stein, mit dem Kolbeck eine vergessene Theatergemeinde ins Rollen brachte.

Der Fels und ein Biss auf Granit

„Die ersten Burgschauspieler sind hier kurz nach dem Weltkrieg drauf gestanden und haben ihre Dialoge aufgesagt“, erinnert sich Kolbeck, als er über das Theatergelände schreitet. Vor ihm türmt sich eine Tribüne für 500 Zuschauer, das Bühnenpodest, auf der die Hütte des Brandners wartet. Alles selbst geleimt, geschraubt und gezimmert, wie das Kassenhäuschen, Zeughaus, der Verkaufstand, wo die Gäste in der Umbaupause Häppchen und Kerschgeist bekommen. 150 Mitglieder zählt der Theaterverein heute, mit eigenen Ausschüssen für Technik, Spiel, Werbung und Bauangelegenheiten. Bis heute leitet Kolbeck die Truppe – als erster Vorstand, Gründungsmitglied und „Mädchen für alles“ mit bald 75 Jahren.

Premiere auf Burg Lichtenegg

1985 sah es am Schlossberg anders aus: Unter der Burg stand ein Felsen und Kolbeck, der sich damals in eine Idee verliebt hatte: Die Burgfestspiele in Rimbach sollten wiederauferstehen. Als Sänger im Notz’scher Bayerwald-Chor stieß der damals 42-Jährige auf die Geschichte des Theaterbunds, der nach dem Tod des Dorfpfarrers Menzinger auf Eis lag. Im Dezember trommelte er 100 Laienschauspieler aus dem Dorf für ein großes Experiment zusammen: Mit viel Euphorie zog der Pionier mit seinem Gefolge im Sommer 1986 vor das Publikum für die große Neuauflage des Mittelalterstücks. Gespielt haben sie auf dem Felsen. Und sie bissen auf Granit. Keine Bühne, die Kostüme waren notdürftig zusammengenäht, der einzige Hingucker: ein gutes Dutzend Tiere, Rösser, Greifvögel, Ziegen, die Kolbeck im Dorf zusammenlieh. Ständig mussten die Schauspieler verarztet werden, mal stiegen ihnen die Hengste auf die Füße, mal verschwanden sie ganz von der Bildfläche: „Bei einer Aufführung sollte die Burgdame von einem Kutscher abgeholt werden“, erinnert sich Kolbeck. „Nur der saß unten im Dorfwirtshaus und hat sich seine Maß schmecken lassen.“ Ein paar Kilometer weiter gab es den Drachenstich und den Trenk. Die Drehbücher waren veraltet und weil die Lichttechnik fehlte, fanden die Stücke Nachmittags statt. „Das Projekt war eigentlich zum Scheitern verurteilt“, sagt Kolbeck - Ende der 80er sei der Lichtenegger Bund im „Tal der Tränen“ gelandet.

„Unsere Geburtsstunde war der Moment, als Johannes Reitmeier für uns die Regie für den Mühlhiasl übernahm.“

Walter Kolbeck

Bis ein Mann es wagte, sich vom alten Stoff zu trennen und mit Stücken wie dem Mühlhiasl oder dem Räuber Heigl ein neues Kapitel des Laientheaters aufzuschlagen, eines mit Ecken und Kanten, die das Publikum so noch nicht kannte. „Unsere eigentliche Geburtsstunde war der Moment, als Johannes Reitmeier für uns die Regie für den Mühlhiasl übernahm“, sagt Kolbeck. Der gebürtige Bad Kötztinger steht heute als Autor, Regisseur und Intendant an der Spitze der Tiroler Kammerspiele und begleitet die Rimbacher „Libus“ seit seiner Studienzeit auf der Bühne. Mit ihm wurden die Kulissen abstrakter, die Rollen und die Stücke gewagter. Hinter dem Mühlhiasl prangte ein wuchtiges Mühlrad, im Rücken des Räuber Heigl tauchten fünf Klone auf, die für ihn sprachen. Auch der Erzengel Michael begegnet dem Brandner Kaspar im aktuellen Stück als ein androgynes, feminines Wesen, der mit alten Rollenbildern bricht. „Auf einmal boten die Stücke mehr als einfache Unterhaltung“, sagt Kolbeck. „Viele Leute gingen heim und mussten erst einmal ein paar Tage über die Geschichten nachdenken.“ Darin sieht er auch die Aufgabe des Theaters: Spaß soll es machen, aber Anspruch haben, die Menschen ins Grübeln bringen. So wie der Brandner Kaspar, der das Paradies im ewigen Leben sucht. Sich am Ende aber nichts sehnlicher wünscht, als zu sterben.

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„Das Stück handelt vom Leben und vom Tod und der Frage, was danach kommt“, sagt Kolbeck, „das fasziniert die Menschen.“ Für den Libu-Chef stellt der Brandner Kaspar die Frage nach dem Glauben an eine höhere Kraft, nach dem sich das Publikum sehnt. „Die Leute wünschen sich ein Paradies. Für ein paar Stunden bekommen sie es hier. Dann gehen sie nach Hause, schauen auf ihr Handy und sehen die andere Realität.“

Ein Leben für das Lampenfieber

Walter Kolbeck als Brandner Kaspar Foto: Wutz
Walter Kolbeck als Brandner Kaspar Foto: Wutz

Er selbst sei ein christlicher Mensch - nur die Kirche, die sieht Kolbeck so kritisch wie andere Institutionen, die den Glauben des Einzelnen missbrauchen. Genau den brauche es aber, um eine Gesellschaft zusammenzuhalten, findet Kolbeck. Ob er selbst ans Paradies glaubt? Er lässt den Blick über die Bühne schweifen. „Die Frage ist vielmehr – an was soll man denn sonst glauben?“, sagt er. Sein Paradies holt er im Sommer jedenfalls wieder vom Geräteschuppen auf die Bühne, wenn er zur Premiere 2018 ins Kostüm des Brandner Kaspars schlüpft. Und auch wenn er im Jahr 2019 das Alter vom Brandner erreicht – so lange das Lampenfieber herhält, muss der Himmel über Rimbach noch warten. „Wenn ich auf die Bühne steig, läuft mir heute noch der kalte Schweiß über den Rücken. Bis ich in der Rolle bin“, sagt Kolbeck mit einem Leuchten im Blick. „Dann muss ich oft lachen, weil ich nicht mehr spielen muss, sondern der Brandner bin. Wenn ich das nicht mehr fühle, dann ist es vorbei.“

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