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Geschichte

Chamer Kultur war ein Steinzeit-Trend

Eine völlig neue Eindeckung: Vor 5000 Jahren gründeten Siedler aus dem Bayerwald neue Kolonien in Österreich.
Von Alexander Binsteiner

Ried im Innkreis, Oberösterreich. Feuersteindolch der Chamer Kultur aus Arnhofener Plattenhornstein, Länge: 9,42 cm.  Foto: Binsteiner
Ried im Innkreis, Oberösterreich. Feuersteindolch der Chamer Kultur aus Arnhofener Plattenhornstein, Länge: 9,42 cm. Foto: Binsteiner

Cham.Die jüngsten Forschungen des deutschen Geoarchäologen Alexander Binsteiner zeigen, dass sich der zentrale Siedlungsraum der Chamer Kultur am Ende der Jungsteinzeit auf Ober- und Niederösterreich ausgedehnt hatte. Die Gründe dafür liegen noch im Dunkeln. Fest steht aber, die Chamer Siedler wanderten um 3000 v. Chr. donauabwärts und besiedelten das Mühlviertel bis an die Enns im Grenzgebiet zu Niederösterreich. Was von den Fachleuten zunächst als einige Streufunde aus Bayern abgetan wurde, entpuppte sich dann aber als regelrechte Kolonisation ganzer Landstriche mit zahlreichen Dörfern und Wehranlagen.

Die Chamer Kultur wurde bereits in den 1950-er Jahren nach der Fundstelle bei Pösing nahe der Kreisstadt Cham benannt. Ausschlaggebend unter den Historikern für die Abgrenzung einer eigenen Kulturgruppe war die typische Verzierungsart der hier gefundenen Gebrauchskeramik mit Kerbleisten und eingestochenen Mustern.

Die Chamer Kultur

Haidershofen an der Enns, Niederösterreich. Reste einer typischen Keramikschale der Chamer Kultur mit sogenannter Kerbleisten- Verzierung aus der Verfüllung des Chamer Grabenwerkes um 3000 v. Chr. Höhe: 11 cm. Foto: Binsteiner
Haidershofen an der Enns, Niederösterreich. Reste einer typischen Keramikschale der Chamer Kultur mit sogenannter Kerbleisten- Verzierung aus der Verfüllung des Chamer Grabenwerkes um 3000 v. Chr. Höhe: 11 cm. Foto: Binsteiner

Die Kerngebiete der Chamer Kultur (um 3400-2700 v. Chr.) lagen in Altbayern und Westböhmen. Das war zumindest bisher die gängige Lehrmeinung. Die Forschungen in Ober- und Niederösterreich zeichnen aber nunmehr ein ganz anderes Bild. Neue Funde im Innviertel, im Oberen- und Unteren Mühlviertel bis an den Unterlauf der Enns an die niederösterreichische Grenze in Haidershofen belegen die Expansion der bayerischen Chamer Kultur über ihren angestammten Lebensraum hinaus.

Der Autor und sein Buch

  • Der Autor

    Alexander Binsteiner hat ein Buch geschrieben: „Homo sapiens auf neuen Wegen – Geschichten zwischen Neandertaler und Ötzi“ (Bogner Verlag, ISBN: 978-3-947035-01-4). Der ehemalige Chefgeologe im Ötzi-Projekt unterhält auf 150 Seiten mit seinen Begegnungen, Recherchen und schildert anschaulich und fachkundig den aktuellen Stand der Wissenschaft über Mondseekultur, Mord an Ötzi, europäische Handelsrouten und vieles mehr. Der Autor aus Wasserburg hat Vor- und Frühgeschichte, Geologie, Paläontologie und Mineralogie studiert. 1993 bis ’96 arbeitete er als Chefgeologe im Ötzi-Projekt an der Uni Innsbruck. Heute ist er freiberuflicher Geoarchäologe.

  • Das Buch

    Die Menschen der Steinzeit waren keine Stubenhocker. Das steht spätestens seit der Entdeckung des Ötzi fest, der auf einem Alpenpass auf über 3000 Meter Höhe starb. Das Buch von Alexander Binsteiner zeichnet die Wanderbewegungen der Steinzeitmenschen nach. Die Ursprünge weiträumiger Rohstofftransporte führen zurück bis in die Zeit der Venus von Willendorf vor rund 30 000 Jahren. Danach verfolgt er die Spuren von Grenzgängern über die Alpenpässe in der Ötzi-Ära ebenso wie die ersten sicher nachweisbaren Handelswege Europas, die über den Böhmerwald bis in das heutige Prag verliefen. Dahinter stecken auch Menschen mit ihren Schicksalen.

Die neuen Chamer Kolonien liegen an den großen Wasserstraßen Donau, Inn, Traun und Enns. Funde von Feuersteingeräten aus den großen Abbaugebieten bayerischer Plattenhornsteine (einer Feuersteinvarietät) in Arnhofen und Baiersdorf, beide Landkreis Kelheim, in den Chamer Siedlungen entlang der Donau belegen ohne jeden Zweifel, dass sich die Menschen zwischen Bayern und Österreich auf dem Wasser fortbewegten und einen schwunghaften Flusshandel betrieben.

Chamer Kolonie an der Enns

Ausgewählte Siedlungszentren der Chamer Kultur: 1 Dietfurt a. d. Altmühl, Lkr. Neumarkt in der Oberpfalz; 2 Riekofen, Lkr. Regensburg; 3 Knöbling, Lkr. Cham; 4 Lopata, Kreis Pilsen; 5 Schlögener Schlinge, Oberes Mühlviertel; 6 Ried i. Innkreis, Oberösterreich; 7 Ansfelden, Bez. Linz-Land; 8 Haidershofen, Bez. Amstetten, Niederösterreich; 9 Steyregg, Bez. Urfahr-Umgebung, Unteres Mühlviertel; 10 Dobl, Lkr. Rosenheim, Oberbayern; 11 Galgenberg, Lkr. Landshut, Niederbayern. Foto: Binsteiner
Ausgewählte Siedlungszentren der Chamer Kultur: 1 Dietfurt a. d. Altmühl, Lkr. Neumarkt in der Oberpfalz; 2 Riekofen, Lkr. Regensburg; 3 Knöbling, Lkr. Cham; 4 Lopata, Kreis Pilsen; 5 Schlögener Schlinge, Oberes Mühlviertel; 6 Ried i. Innkreis, Oberösterreich; 7 Ansfelden, Bez. Linz-Land; 8 Haidershofen, Bez. Amstetten, Niederösterreich; 9 Steyregg, Bez. Urfahr-Umgebung, Unteres Mühlviertel; 10 Dobl, Lkr. Rosenheim, Oberbayern; 11 Galgenberg, Lkr. Landshut, Niederbayern. Foto: Binsteiner

Die aktuelle Materialaufnahme in den Steinzeitsammlungen in und um Haidershofen (Bezirk Amstetten) erbrachte allerdings klare Hinweise, dass an der markanten Ennsschleife eine größere Befestigungsanlage mit einem Grabensystem lag, die eine Landzunge in der heutigen Zellhofersiedlungen abschnürte. Vermutlich gab es hier auch Wälle und Palisaden, hinter denen eine Siedlung der Chamer Kultur lag. Auch auf der Hochterrasse über der Enns fanden sich die Spuren von Chamer Ansiedlungen. Die Zentralsiedlung in Haidershofen und die kleineren Siedlungen auf den Hochflächen bildeten eine wehrhafte Gemeinschaft in strategisch günstiger Lage. Die Ursachen für die Auswanderungswelle der Chamer Kultur können derzeit noch nicht rekonstruiert werden. Es gibt beispielsweise keinerlei Hinweise auf kriegerische Auseinandersetzungen mit der oberösterreichischen Mondseekultur, an deren Endphase die Chamer ins Land kamen. Vielmehr scheint dieser Übergang nach bisherigen Erkenntnissen friedlich verlaufen zu sein.

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