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Interview

Chamer Nationalspieler zieht EM-Bilanz

Bei der EM hat Christian Eidenhardt aus Cham mit seinem Team den Ruf Deutschlands aufpoliert. Nur sein Metzger fehlte ihm.
Von Frank Betthausen

Im Spiel um Platz fünf hielten Christian Eidenhardt (unser Foto) und die Jungs von Nationaltrainer Conny Fritsch lange mit gegen England. Am Ende gab es gegen den Favoriten ein unglückliches 0:2. Foto: KNVB Media
Im Spiel um Platz fünf hielten Christian Eidenhardt (unser Foto) und die Jungs von Nationaltrainer Conny Fritsch lange mit gegen England. Am Ende gab es gegen den Favoriten ein unglückliches 0:2. Foto: KNVB Media

Cham.Eide, was bleibt von der Europameisterschaft in den Niederlanden? Was sind die Momente, von denen du deinen Kindern noch erzählen wirst?

Es gibt so viele Momente, die mir da in Erinnerung bleiben werden. Das geht schon bei der Professionalität des niederländischen Fußballverbands KNVB los. Die Organisation war fantastisch. Die Plätze sind nach jedem Spiel von drei, vier Gärtnern wieder aufbereitet worden... Dazu das ganze Drumherum! Vom Obst über die Getränke bis zur Beschilderung und der Rund-um-die-Uhr-Versorgung im Hotel – das war unfassbar. Das gilt aber auch für die Professionalität unseres Teams, unseres Trainerteams.

Dieses Team schickte Trainer Conny Fritsch am Sonntag im letzten Spiel der EM 2018 gegen England auf den Rasen (untere Reihe, 2. v. l. Christian Eidenhardt). Foto: Eidenhardt
Dieses Team schickte Trainer Conny Fritsch am Sonntag im letzten Spiel der EM 2018 gegen England auf den Rasen (untere Reihe, 2. v. l. Christian Eidenhardt). Foto: Eidenhardt

Das sind Dinge, darüber kann ich noch ewig erzählen. Rein aus sportlicher Sicht war es mein Tor beim 4:0 gegen Dänemark, als ich vom Strafraum-Eck aus volley in den linken Winkel getroffen habe. Das war für mich etwas, das ich nie vergessen werde. Oder: Der Kopfballtreffer von Jonas Malkmus zum entscheidenden 3:2 gegen Spanien im ersten Play-off. Unser Jonas, der mit einer Eins klassifiziert worden ist, also der Spieler im Team mit der größten Behinderung war! Das zu erleben, das war großartig. Dazu kommen natürlich die ganzen Kontakte zu den anderen Mannschaften, die ich mitnehme. Egal, ob das Gary Messett von den Iren ist oder Daan Dikken, der Kapitän der niederländischen Nationalmannschaft.

Was hat das deutsche Team bei der EM stark gemacht, was hat euch ausgemacht?

„Das Teamgefüge war großartig! Wir haben alles gemeinsam gemacht“, sagt Eide. Das Foto zeigt ihn und seine Mitspieler bei einem Ausflug nach Utrecht. Foto: Eidenhardt
„Das Teamgefüge war großartig! Wir haben alles gemeinsam gemacht“, sagt Eide. Das Foto zeigt ihn und seine Mitspieler bei einem Ausflug nach Utrecht. Foto: Eidenhardt

Was uns ausgezeichnet hat und in meinen Augen ausschlaggebend war für dieses sensationelle Abschneiden, das beste in unserer Geschichte, das war, dass wir in allen Bereichen einen wahnsinnigen Teamspirit hatten. Das Teamgefüge war großartig! Wir haben alles gemeinsam gemacht. Vom Tischtennis-Rundlauf bis zum gemeinsamen Fußballschauen am Abend – zum Beispiel das Heimspiel von 1860 München gegen die Sportfreunde Lotte.

„Das war unfassbar, was wir als Team geleistet haben und wie wir uns gegenseitig gepusht haben.“

Christian Eidenhardt

Das war unfassbar, was wir als Team geleistet haben und wie wir uns gegenseitig gepusht haben. Ein Umstand macht das sehr deutlich: Wir hatten am Ende durch die Klassifizierung vier Dreier im Team – und es durfte immer nur einer spielen. Das heißt: Jeder der Aktiven hatte immer nur eine Viertelstunde pro Spiel. Dass diese Spieler nichts gesagt und sich für die Mannschaft eingebracht und die anderen unterstützt haben, das war sensationell. Da kann man schon sagen: Wir waren DIE Mannschaft. DAS Team! Wir waren wirklich Team Deutschland!

Ein Chamer bei der Fußball-EM

Der WDR hat dich in einem Beitrag aus dem EM-Trainingslager im Sauerland als den Spaßvogel der Mannschaft bezeichnet.

Das ist sicher dem Umstand geschuldet, dass ich ein sehr lustiger Typ bin, der auch gerne mal einen witzigen Spruch oder Scherz raushaut und immer – schon morgens beim Frühstück – für gute Laune sorgt. Wobei das schon von der Situation abhängt. Bei einer ernsten Besprechung bin ich nicht der Mannschaftsclown. Meine Absicht ist es, positive Stimmung zu verbreiten – gerade, wenn du drei Wochen aufeinandersitzt.

CP-Fußball: Dahinter verbergen sich ergreifende und tragische Schicksale. Inwieweit schweißt so etwas ein Team zusammen, wie sehr habt ihr bei der EM über eure persönlichen Geschichten gesprochen?

Eigentlich überhaupt nicht. Jeder hier hat seinen Rucksack mit seiner Krankheit oder seinem Unfall zu tragen. Das ist bei so einem Turnier außen vor – auch wenn du dich privat vielleicht einmal mit jemandem darüber unterhältst. Hier konzentrierst du dich auf die tägliche Arbeit. Letztlich hat jeder von uns sein Schicksal. Und es ist ja nicht wie beim Quartett, wo eine Krankheit die andere übertrumpft. Wir haben in den Niederlanden einfach nur unseren Job gemacht.

Wenn du an die Situation in Deutschland denkst: Wie sehr hast du das Gefühl, dass ihr mit Eurem Sport nicht für voll genommen werdet? In anderen Ländern gibt es Profi-Ligen, professionelle Strukturen, der niederländische Verband hat eure Spiele live im Internet übertragen. Und ihr: Organisiert euch weitgehend selbst und musstet am Ende der EM die Wäsche und die Ausstattung zurückgeben...

Noch einmal konzentrieren... Gleich geht es bei der EM raus auf den Platz. Foto: Eidenhardt
Noch einmal konzentrieren... Gleich geht es bei der EM raus auf den Platz. Foto: Eidenhardt

Letztlich sind wir immer noch ein Entwicklungsland im CP-Fußball. Uns gibt es ja erst seit 2013. Hier in den Niederlanden haben wir einen Meilenstein gesetzt. Das Feedback, das wir bekommen haben – sei es vom internationalen Verband, von den Niederländern, von anderen Teams, aber auch von den deutschen Verbänden wie dem DFB oder dem Deutschen Behindertensportverband –, das macht Mut. Die haben das sehr wohl wahrgenommen, dass wir richtig gute Arbeit leisten.

„Letztlich sind wir immer noch ein Entwicklungsland im CP-Fußball. Uns gibt es ja erst seit 2013. Hier in den Niederlanden haben wir einen Meilenstein gesetzt.“

Christian Eidenhardt

Jetzt ist natürlich zu hoffen, dass irgendwann der Schalter umgelegt wird und die Verantwortlichen sagen: Hey, die machen gute Arbeit, die sind mittlerweile auf Augenhöhe mit den Top-Nationen in Europa, die sind mit Eifer dabei und haben ein super Auftreten! Vor diesem Hintergrund führt hoffentlich auf Dauer kein Weg daran vorbei, dass man uns besser wahrnimmt und auch dementsprechend angemessen fördert.

Wohin soll dich dein Weg mit der CP-Nationalmannschaft noch führen? Stichwort Weltmeisterschaft 2019!

Wir haben mit Gordon Litinski einen 44-Jährigen im Team. Ich wäre froh, wenn ich mit 31 seinen Körper hätte! Ich hoffe schon, dass ich möglichst lang auf diesem Niveau spielen kann und dass ich nächstes Jahr dabei bin, wenn wir uns für die WM in Spanien qualifizieren sollten. Ich habe jedenfalls Lunte gerochen. Wir haben so ein fantastisches Team, in dem auch die Jugend eine Chance bekommt. Immerhin haben wir mit Julius Kopf jetzt einen 17-Jährigen in der Mannschaft. So lange mich das Team braucht, so lange es gewünscht wird und ich fit bleibe, möchte ich da noch einiges erreichen und zur Entwicklung dieser Nationalmannschaft beitragen.

Was hat sich das Team für heuer noch vorgenommen?

Christian Eidenhardt (stehend, 2. v. r.) und seine Teamkollegen bejubeln nach dem 3:2 im ersten Play-off gegen Spanien in der Kabine den größten Erfolg in der CP-Geschichte. Platz sechs bei der EM war den Jungs an diesem Tag sicher. Foto: Eidenhardt
Christian Eidenhardt (stehend, 2. v. r.) und seine Teamkollegen bejubeln nach dem 3:2 im ersten Play-off gegen Spanien in der Kabine den größten Erfolg in der CP-Geschichte. Platz sechs bei der EM war den Jungs an diesem Tag sicher. Foto: Eidenhardt

Wir müssen natürlich schauen und gut planen. Schließlich haben wir nur ein sehr geringes Budget. Wir wollen uns auf jeden Fall noch zwei-, dreimal treffen. Ein Lehrgang in Leipzig – bei RB – ist bereits fix. Wir werden dort auch an einem Turnier teilnehmen. Wir müssen halt immer schauen, wie wir das finanzieren. Aber ein Schaden wäre es sicher nicht, wenn wir noch zwei, drei Lehrgänge hinbekämen.

Was hast du bei der EM aus Cham, aus Waldmünchen an Resonanz bekommen?

Ich habe viele Zuschriften beispielsweise vom ASV Cham bekommen, aber auch von Leuten aus Waldmünchen. Wenn ich mit meinen Eltern telefoniert habe, haben sie mir regelmäßig erzählt, wer mir die Daumen drückt oder wer welches Spiel angeschaut hat. Das war für mich sehr, sehr wichtig, weil ich in den Niederlanden auch Cham und meine Heimat repräsentiert habe. Ich denke, das hat es noch nie gegeben, dass ein Fußball-Nationalspieler aus Cham oder Waldmünchen stammt...

Natürlich blieb in Zeist auch genügend Zeit, andere EM-Spiele zu verfolgen. Übrigens: Bei dem Turnier setzte sich im Finale Russland mit 3:2 gegen die Ukraine durch. Foto: Eidenhardt
Natürlich blieb in Zeist auch genügend Zeit, andere EM-Spiele zu verfolgen. Übrigens: Bei dem Turnier setzte sich im Finale Russland mit 3:2 gegen die Ukraine durch. Foto: Eidenhardt

Es war toll, morgens das Handy in die Hand zu nehmen und all die Nachrichten mit den guten Wünschen zu sehen. „Wir sind bei Dir! Wir zählen auf Dich!“: So etwas zu lesen, das war grandios. Und wenn du Gefahr gelaufen bist, bei deiner Leistung von 100 auf 95 Prozent abzuweichen, warst du durch solche Botschaften sofort wieder bei 100!

Ihr wart bei der EM bestens versorgt, euch hat es an nichts gefehlt. Dennoch hast du in einem deiner Tagebuch-Einträge auf unserer Homepage einmal vom berühmten Lagerkoller geschrieben. Wie sehr hast du dich bei allen einmaligen Erlebnissen auf Cham und darauf gefreut, an diesem Dienstag wieder in die Arbeit gehen zu können?

Ich hatte am Montag ja noch frei, weil ich erst in aller Herrgottsfrüh zurück war. Ich habe mich schon sehr auf die Arbeit und meine Kollegen gefreut. Ich war auch am Montagabend gleich wieder im Training bei meinen ASV-Jungs. Du freust dich immer auf dein Zuhause! Es gibt nichts Schöneres, als nach drei Wochen wieder daheim zu sein. Ich habe mir am Montag übrigens auch gleich bei meinem Stamm-Metzger in Waldmünchen noch eine ordentliche Brotzeit geholt. In Zeist gab es jeden Tag Nudeln und Reis – als Sportler brauchst du das, klar! Aber irgendwann willst du einfach auch mal wieder einen Leberkas...

Im Trainingslager im nordrhein-westfälischen Elspe hatte die CP-Nationalmannschaft Besuch von einem Reporter des WDR. Für den Beitrag stand auch Christian Eidenhardt vor der Kamera. Er berichtete von seiner Hirnblutung, die er 2011 bei einem Hallenturnier erlitt, und seiner Freude am Fußball. Hier geht es zu dem gut dreiminütigen Video.

Alle Teile von Eides EM-Tagebuch lesen Sie hier

Der größte Erfolg seit der Teamgründung

  • Jugendleiter:

    Nationalspieler Christian Eidenhardt ist 31 Jahre alt und stammt aus Waldmünchen. Er ist Fußball-Jugendleiter beim ASV Cham und Co-Trainer der U 19-Landesligamannschaft.

  • Kader:

    Seit 2017 gehört der dem Kader der Nationalmannschaft für Fußballer mit Cerebralparese (CP) an. Die Aktiven sind seit der Geburt oder durch Schicksalsschläge wie Schlaganfälle gehandicapt.

  • Turnier:

    Vom 25. Juli bis 5. August spielte Eidenhardt im niederländischen Zeist bei der EM für Deutschland. Die Mannschaft erzielte dort als Sechster den größten Erfolg seit der Teamgründung 2014.

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