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Heimat

Chamer Steine erzählen Geschichte(n)

Zwei Kinder entdecken am Reichsburg-Gelände eine Inschrift. Der Historische Verein ruft zu einer „Aktion Steinfunde“ auf.
Von Ernst Fischer

Auf Steinsuche: Dr. Wolfgang Schoyerer (li.) und Florian Gruber vor einem historischen Grenzstein, der sich am Fuße des Galgenbergs unter der Reichsburg versteckt  Foto: Ernst Fischer
Auf Steinsuche: Dr. Wolfgang Schoyerer (li.) und Florian Gruber vor einem historischen Grenzstein, der sich am Fuße des Galgenbergs unter der Reichsburg versteckt Foto: Ernst Fischer

Cham.Geschichte ist kein Kinderspiel. Aber manchmal doch! Paul (13) und Pia (8) Soukop zum Beispiel: Sie haben in Cham-Altenstadt bei Streifzügen in der Nachbarschaft eine rätselhafte Inschrift auf einem Felsbrocken entdeckt. Erstmal weiß keiner, was der Stein bedeutet - auch Dr. Wolfgang Schoyerer und Florian Gruber nicht. Aber das soll sich ändern. Gruber und Dr. Schoyerer stehen an der Spitze der Chamer Regionalgruppe des Historischen Vereins. Und sie haben sich durch die Entdeckung von Pia und Paul zu einer Initiative inspirieren lassen, bei der jeder im ganzen Landkreis mitmachen kann. „Aktion Steinfunde“, so nennt Florian Gruber die neueste Idee des Historischen Vereins. Die Motivation dazu erklärt er so: „Es gibt so viele Steine in unserer Landschaft, die früher einmal eine bestimmte Bedeutung hatten, aber heute nicht mehr wahrgenommen werden.“ Sein Ziel: „Wir wollen sie wieder bekannt machen.“

Und nicht zuletzt sollen die Zeugen unserer Geschichte sorgfältig dokumentiert und schließlich auch unter Schutz gestellt werden. „Leute, die so einen Stein kennen, sollen sich bei uns melden!“ Dazu ruft der Historische Verein zum Mitmachen auf. Gruber verspricht: „Für Neuentdeckungen gibt’s eine kleine Überraschung.“

Das war die Wiege von Cham

Opa Paul Soukop hat beim Historischen Verein vom Fund seiner Enkelkinder erzählt. „Glückliche Kinder, die noch draußen spielen und so etwas entdecken dürfen“, sagt Dr. Schoyerer. Und Opa Soukop „Das ist ein Paradies.“

Paul und Pia Soukop haben den Stein beim Spielen am Reichsburggelände entdeckt.
Paul und Pia Soukop haben den Stein beim Spielen am Reichsburggelände entdeckt.

Das „Paradies“ ihres Elternhauses liegt für Pia und Paul an der Reichsburgstraße in Altenstadt. Der Name sagt alles. Der Spielplatz jenseits des Gartens ist das Gelände auf den letzten Ausläufern des Buchbergs, wo einmal die Wiege der heutigen Stadt Cham war – eine Reichsburg, die im Jahr 976 erstmals schriftlich erwähnt wurde: „...ad civitas quae Camma dicitur“ (...eine Burg, die Camma genannt wird). Die Burg wurde bis 1204 Mittelpunkt der Markgrafschaft Cham und war mit Burgmannen der Diepoldinger Markgrafen besetzt. Danach ging die Markgrafschaft an Herzog Ludwig I. über und die Burg wurde danach aufgegeben. Die Stadt Cham entwickelte sich weiter westlich im Regenbogen, wo sie mehr Platz fand (mehr dazu auf der heutigen Seite „Wir im Bayerwald“).

Inschrift auf einem Stein am Chamer Reichsburggelände
Inschrift auf einem Stein am Chamer Reichsburggelände

Und heute? Da ackern Bauern das Feld, wo sich einmal die Reichsburg ausbreitete. 180 mal 300 Meter groß ist die ovale Fläche, die beim Landesamt für Denkmalpflege als Bodendenkmal unter der Nummer D-3-6742-0060 verzeichnet ist: „Früh- und hochmittelalterliche Wüstung der Reichsburg Cham mit zugehöriger Wallanlage.“

Wurzeln

Hier stand einst die Wiege Chams

Die Geschichte der Reichsburg droht in Vergessenheit zu geraten. Es gibt Leute, die wollen sie wieder ans Licht bringen.

Der Wall ist aus der Nähe noch heute gut zu erkennen, auch wenn inzwischen neue Baugebiete, Bäume und Gestrüpp den Blick von Weitem verdecken. Dr. Wolfgang Schoyerer zeigt uns den Weg zu der Wiege der Stadt. Der Mann, der zuletzt nach den Kelten am Lamberg gegraben hat, ist jetzt dabei, die Spuren der Chamer Reichsburg wieder freizulegen. Zwei Mal wurde im vergangenen Jahrhundert von Archäologen auf dem Areal gegraben, 1938 und 1976.

Der Historische Verein sucht alte Steine

  • „Steinfunde“:

    So heißt eine Aktion des Historischen Vereins. Pia und Paul (Foto) haben einen rätselhaften Stein entdeckt.

  • Inschrift:

    Die Buchstaben H, A. V und R sind in den Fels in Altenstadt gemeißelt. Die Vermutung: ein alter Rechtler-Grenzstein

  • Mitmachen:

    Grenzstein im Chamer Stadtpark (Foto). Wer mehr weiß: sammler1924@gmail.com, Tel. 01 74/8 51 27 17

Dr. Schoyerer hält sich an einen Ergebnisbericht des Landesamtes für Denkmalpflege. Kurz zusammengefasst: Der Wall war einmal umlaufend, jetzt ist nur noch im Norden ein 50 Meter langes Teilstück mit 18 Meter Breite und bis 7,5 Meter Höhe gut erhalten. Von ehemaligen Baustrukturen auf der Innenfläche ist oberflächlich nichts erhalten. Und der Graben im Westen ist vollständig verfüllt.

Die Geisterstunde einer Glocke

Das hat etwas damit zu tun, dass die heutige Stadt längst hier heraufgewuchert ist bis zu dem Ort, wo sie einmal geboren wurde. Hier thronen inzwischen die quadratisch-weißen Flachdachvillen der neuen Chamer High-Society über der Stadt, wie Trutzburgen des 21. Jahrhunderts. Ihre Adressen aber erzählen Chamer Geschichte(n): Reichsburgstraße, Zur Schwedenschanze, Galgenfeld, Am Galgenberg. Ganz oben auf dem 451 Meter hohen Hügel stand einmal der Galgen. Unten am Ufer des Regens, wo heute die Brücke der B 20 den Fluss überquert, da war einmal der Köpfplatz. 1835 wurde hier der letzte Delinqent hingerichtet, eine Frau aus Furth im Wald, die ihren Mann vergiftet hatte.

Historischer Grenzstein im Chamer Stadtpark
Historischer Grenzstein im Chamer Stadtpark

Noch eine Geschichte aus Altenstadt, einer ersten Außensiedlung der Burg mit kleinem Hafen. wo später das neue Cham nicht mehr genügend Platz hatte. Hier standen einmal drei Kirchen: St. Maria Magdalena in Siechen, St. Nikolaus in Altenstadt und St. Georg auf dem Reichsburg-Gelände. Im Dreißigjährigen Krieg haben die Schweden („Schwedenschanze“) die Georgskirche zerstört und die Glocke in den Fels-Abgrund zum Chambfluss geworfen, wo sie in einer Lohe versank. Der Volksmund erzählt: Die Glocke soll noch heute läuten, alle drei Jahre am Georgitag (23. April). - Aber nur Sonntagskinder können sie hören.

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