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Region Cham
Sonntag, 24. Juni 2018 20° 4

Umwelt

Chams Gewässer in katastrophalem Zustand

Fast alle Flüsse und Bäche im Landkreis Cham bekommen im Öko-Test die Note Sechs. Die einzige Hoffnung ist der Regen.
Von Michael Gruber

Durch die Wasserlupe sieht LBV-Markus Schmidberger seit Jahrzehnten vor allem eins: Schlamm aus der Landwirtschaft. Für die Wasserfauna ist der steigende Nährstoffeintrag ein Todesurteil.Fotos: Gruber
Durch die Wasserlupe sieht LBV-Markus Schmidberger seit Jahrzehnten vor allem eins: Schlamm aus der Landwirtschaft. Für die Wasserfauna ist der steigende Nährstoffeintrag ein Todesurteil.Fotos: Gruber

Arnschwang.Mit wasserdichten Latzhosen aus Gummi watet Markus Schmidberger durch die kalte Chamb. Er setzt seine Unterwasserlupe an und drückt sie hinab bis zum Flussbett. „Siehst du was?“, fragt er den Reporter –„Nein“ – „Ganz genau. Und da fängt das Problem an.“

Mit seinem Schuh wirbelt der LBV-Chef den Unterwasserboden auf, und in der Lupe taucht das auf, was dort eigentlich zu sehen sein sollte: Kieselsteine, kleine Flussmuscheln, grüne Wasserpflanzen. So viel ist immerhin übrig geblieben vom Urzustand des kleinen Bruders des Regens.

Fischfauna aus den Fugen

Die Verschlammung: Nährstoffeinträge aus Agrarflächen rauben den Fischen wichtige Brutplätze und begraben Wasserpflanzen. Zudem beschädigen Fußbegradigungen und fehlende Schattenspender die Fauna von Fließgewässern.
Die Verschlammung: Nährstoffeinträge aus Agrarflächen rauben den Fischen wichtige Brutplätze und begraben Wasserpflanzen. Zudem beschädigen Fußbegradigungen und fehlende Schattenspender die Fauna von Fließgewässern.

Wie der Flussboden in den Neunzigern ausgesehen hat, ist für Schmidberger heute zur Nostalgie geworden. „Die Sicht auf den Boden war damals noch frei. Inzwischen ist der Chamb-Boden von einer dicke Schlammschicht überzogen, die der Regen aus den landwirtschaftlichen Flächen ins Wasser spült“, erklärt der Biologe aus Nößwartling. „Diese Nährstoffeinträge bringen die Fischfauna, Kleintiere und Wasserpflanzen seit Jahrzehnten aus den Fugen.“

Genau das spiegelt sich auch in der jüngsten Qualitätsbewertung des Bayerischen Landesamts für Umwelt wider. Die Biosphäre der Chamb hat darin die Note Sechs, „unbefriedigend“, erhalten. Vor allem der Bestand der Kleintiere wie Muscheln, Schwämme oder Insektenlarven, von denen sich Fische ernähren, ist nach den aktuellen Monitoringergebnissen erheblich geschrumpft. Den Zustand der Fischfauna und der Wasserpflanzen bewerteten die Behörden als „mäßig“.

Die Chamb: Der Nebenfluss des Regens hat bei der Bewertung des Bayerischen Umweltamtes aus ökologischer Sicht die Note „unbefriedigend“ erhalten. Das Erreichen der EU-Ökoziele bis 2027 sei laut Behörden „unwahrscheinlich“.
Die Chamb: Der Nebenfluss des Regens hat bei der Bewertung des Bayerischen Umweltamtes aus ökologischer Sicht die Note „unbefriedigend“ erhalten. Das Erreichen der EU-Ökoziele bis 2027 sei laut Behörden „unwahrscheinlich“.

Die Chamb ist mit dieser negativen Entwicklung im Landkreis nicht allein: „Der Großteil der Flüsse und Bäche im Landkreis Cham sind aus biologischer Sicht in einem katastrophalen Zustand“, erklärt Dr. Thomas Ring auf unsere Anfrage. Der Leiter der Fachberatung für Fischerei in der Bezirksregierung der Oberpfalz bestätig einen bundesweiten Trend, der auch an unseren Ufern Wellen schlägt. 93 Prozent der Fließgewässer in Deutschland sind ökologisch in einem schlechten Zustand und erhalten nicht mehr die Fische, Kleintiere und Pflanzen, die dort eigentlich zu finden sein sollten, wie aus einer Anfrage der Grünen an die Bundesregierung hervorging. Zudem seien 79 Prozent der fließenden Gewässer durch Ausbau in ihrer Struktur deutlich bis vollständig verändert. Lediglich 6,6 Prozent der bewerteten Flussabschnitte sind nach EU-Kriterien in einem ökologisch guten Zustand.

Die Mehrheit der Gewässer ist in katastrophalem Zustand.“

Dr. Thomas Ring, Leiter Fischereiberatung in der Bezirksregierung der Oberpfalz

Einen dieser Lichtblicke gibt es auch im Landkreis, wo Biologen ihren Topf Gold am Regenbogen gefunden haben. Der Regen stellt mit der Qualität seiner Wasserfauna nach den Messungen der Behörden die einzige Ausnahme mit der Bewertung „gut“ dar. Fischfauna, Wasserpflanzen und Kleintiere flussaufwärts zur Donau liegen nach den Proben der Abteilung von Dr. Thomas Ring im grünen Bereich. „Der Regen ist damit bayernweit eine Ausnahme und zählt bis heute zu den artenreichsten Flüssen im Freistaat“, erklärt der Biologe. Maßstab bei den Messungen seien Referenzwerte eines Fisch-, Tier- und Pflanzenbestandes, wie er in einem biologisch ursprünglichen Zustand zu finden sein müsste. Wobei die Noten beim Weißen Regen bei Bad Kötzting schon anders ausfallen: Die Fischfauna erhält hier die Note „mangelhaft“. Warum ist die Qualität des Wassers hier so viel schlechter? Und woher kommt es, dass der Regen so ein Saubermann ist?

Der Regen ist ein Waldler

Der Regen: Hat im Monitoring der Biologen vorbildlich mit der Note „gut“ abgeschnitten. Deutschlandweit gehört der Regen damit zur Ausnahme. Nur 6,6 Prozent der Fließgewässer erfüllten die ökologischen EU-Kriterien.
Der Regen: Hat im Monitoring der Biologen vorbildlich mit der Note „gut“ abgeschnitten. Deutschlandweit gehört der Regen damit zur Ausnahme. Nur 6,6 Prozent der Fließgewässer erfüllten die ökologischen EU-Kriterien.

„Der Regen wird vom Weißen und vom Schwarzen Regen gespeist und damit von Flüssen, die hauptsächlich durch Waldgebiete fließen und mit wenig Landwirtschaft in Berührung kommen“, erklärt Markus Schmidberger. Anders sei das mit Gewässern wie der Chamb oder der Schwarzach, die in Richtung Norden und Osten an vielen Nutzflächen vorbeifließen, die größtenteils bis zur Uferkante gedüngt werden oder mit Pestiziden belastet sind. Durch die ständig steigenden Niederschlagsmengen gelangten immer mehr dieser Substanzen ins Wasser, wo sie unter anderem den Algenwuchs befeuern, der den Fischen den Sauerstoff raubt, wie Schmidberger erklärt. Eine mögliche Lösung: Mindestabstände der Agrarflächen zu den Ufern. „Diese hat die bayerische Staatsregierung den Landwirten zwar auferlegt. Allerdings nur zur freiwilligen Selbstverpflichtung“, erklärt Schmidberger. Dabei drängt die Zeit: Bis 2027 hat sich Deutschland mit anderen EU-Staaten dazu verpflichtet, alle Gewässer in einen ökologisch „guten“ Zustand zu versetzen.

Ohne die passenden Anreize für Landwirte wird sich in Schmidbergers Augen aber die „Katze weiter in den Schwanz beißen“. „Verantwortlich für das Verhalten der Landwirtschaft sind die Endverbraucher, die mit dem Kauf von Billigwaren den Preisdruck erhöhen. Letztlich ist es aber Aufgabe der Politik, die Rahmenbedingungen zu verändern.“ Bis das passiert, werden Biologen wie er die Lupe in die Hand nehmen und in der Chamb weiter in die Röhre schauen.

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