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Wirtschaft

„Damit wir nicht an die Wand fahren“

Der Präsident des Bundesverbandes eMobilität sieht bei seinem Vortrag in Bad Kötzting deutsche Autobauer als „Bremser“.
Von Alois Dachs

Ein Elektroauto wird in Chemnitz bei Energieversorger EnviaM in Halle (Saale) bereits im Jahr 2012 mit Ökostrom geladen. Foto: Jan Woitas/dpa
Ein Elektroauto wird in Chemnitz bei Energieversorger EnviaM in Halle (Saale) bereits im Jahr 2012 mit Ökostrom geladen. Foto: Jan Woitas/dpa

Bad Kötzting.„Die Zeit des Welpenschutzes für die deutschen Autohersteller ist vorbei“, sagt Kurt Sigl. Der frühere Betreiber einer Teststrecke (im Auftrag eines Ingolstädter Autobauers) betreibt eine Enduro-Schule für Elektromotorräder und ist Präsident des Bundesverbandes eMobilität e.V. (BEM).

Die Förderung von Elektroautos ist nur eines, aber ein sehr wichtiges Betätigungsfeld, betonte Kurt Sigl bei seinem Vortrag zur Generalversammlung der Raiffeisenbank.

Keine Rechts- und Finanzsicherheit

Zwei wesentliche „Bremser“ sieht der BEM-Präsident seit Jahren bei den Bemühungen um mehr Elektromobilität. Einerseits gab die Bundesregierung vor rund fünf Jahren eine Absichtserklärung heraus, wonach 2020 in Deutschland eine Million Elektroautos zugelassen sein sollten, die auf 123 „nichtssagenden“ Seiten definierte Erklärung sei aber nicht umgesetzt worden, vor allem nicht auf der Basis erneuerbarer Energien, wie sie vom BEM gefordert werde.

Es sei praktisch gar nicht möglich gewesen, zum Beispiel ein elektrisch betriebenes Motorrad in Deutschland anzumelden und zu versteuern, weiß Kurt Sigl aus leidvoller Erfahrung mit den Finanzbehörden. Die notwendige Rechts-, Finanz- und Planungssicherheit habe es bei der Elektromobilität nicht gegeben und deshalb sei nach dem ersten Hype „das Tal der Tränen“ gekommen. „Die nationale Plattformmobilität ist ein Rohrkrepierer geworden“, stellte Kurt Sigl fest.

e-Mobilität

  • Mitglieder

    Rund 270 Firmen in Deutschland hat der Bundesverband eMobilität e.V. inzwischen als Mitglieder.

  • Elektromobilität

    Elektromobilität soll sich künftig nicht auf Elektroautos beschränken, sondern Fahrräder, Roller, Motorräder und Speicheranlagen für Häuser einschließen.

  • Versorgungsnetz

    Der Ausbau des Versorgungsnetzes über erneuerbare Energien ist eines der Hauptziele neben der Einführung von wesentlich mehr Fahrzeugen mit Elektroantrieb. (kad)

Die deutschen Autohersteller hätten zwar weiter Elektroautos entwickelt, aber der Verband der Autoindustrie bremse beim Thema Elektromobilität „bis heute, wo es nur geht“, sagt Kurt Sigl. Obwohl in Deutschland elf Millionen Zweit- und Drittautos im Durchschnitt pro Tag maximal 27,5 Kilometer fahren, werde die geringe Reichweite der Elektroautos immer als Argument gegen ihren Kauf angeführt. Wie Elektromobilität funktionieren könne, zeige sich bei Pedelecs und E-Fahrrädern, von denen es im Herbst 2016 bereits über drei Millionen gab, wobei allein im Jahr 2016 rund 650 000 verkauft worden seien.

Dramatische Einbrüche drohen

Japan, Frankreich und Amerika setzten inzwischen massiv auf mehr Elektrofahrzeuge und China habe die Entwicklung und Produktion soweit vorangetrieben, dass die Absichtserklärung, künftig 40 Prozent des Weltmarktes an Elektroautos abzudecken, realistisch erscheine. 33 Millionen elektrifizierte Zweiräder werde China in diesem Jahr bauen. Selbst wenn die deutsche Autoindustrie durch die Umstellung 25 Prozent ihrer Arbeitsplätze verlieren würde, wäre das nicht so schlimm als weiterhin den Trend zu Elektroautos zu verschlafen, „denn dann verlieren wir alle Arbeitsplätze“, befürchtet der BEM-Präsident.

Weltweit gebe es momentan nur drei Hersteller von Akkus für Elektroautos, sagte Kurt Sigl. Ein Akku halte acht Jahre, habe dann noch eine Restleistung von 80 bis 90 Prozent, laufe nach einer „Auffrischung“ noch einmal zwölf Jahre – zum Beispiel in Stromspeicheranlagen für das Haus. Nach 20 Jahren werde er recycelt, 95 Prozent der Bestandteile könnten weiter verwendet werden. Autos und Busse mit elektrischen Radnabenantrieben gehört laut Sigl die Zukunft. Die Elektroautos der Paketzusteller seien ein Beispiel dafür, wo die Entwicklung hingehen muss, „damit wir das Land nicht an die Wand fahren“, sagt Sigl.

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