MyMz
Anzeige

Erinnerungen

Das bleibt vom Westen – „Fischstäbchen“

25 Jahre nach dem Mauerfall erzählt DDR-Aussiedler Andreas Thomas seine Geschichte – Teil 2: Wie die Eschlkamer ihm das neue Leben leicht machten.
Von Andreas Thomas

  • Im Waldcafe in Grafenwiesen gab’s am 16. Juni 1989 zur Begrüßung Fischstäbchen mit Kartoffelsalat von der Wirtin. Zur Erinnerung essen Andreas und Karin Thomas jedes Jahr im Juni Fischstäbchen.
  • 8. Juni 1989: kurz vor der Abfahrt zum Bahnhof Görlitz mit Familie
  • Heute präsentieren sich Thomas und Karin Thomas zufrieden mit ihren beiden Kindern Marcel und Beatrice mit ihren Ausreisedokumenten
  • Die Ausreisedokumente aus der DDR

Eschlkam. Beruflich wurde ich nach unserer Ausreiseantragstellung in der DDR immer mehr schikaniert. So wurde ich als Heizer sieben Tage die Woche von 2 Uhr früh bis nachts 23 Uhr eingesetzt. Bei einer Situation war ich im Umkleideraum in der Firma von zwei Kollegen in Bedrängnis gesetzt, von denen bekannt war, dass sie für die Staatssicherheit arbeiten, Einer wollte mich zusammenschlagen. Einer der beiden mischte sich aber ein und hielt ihn zurück.

Wenn dies wirklich geschehen wäre, was hätte ich machen sollen? Anzeigen – wer hätte mir geglaubt. Ich erzählte die Geschichte zwar dem obersten Leiter. Ich wollte das nicht nochmal erleben. Wie sich später herausstellte, lobte mich der Betriebsleiter in höchsten Tönen, dass ich es fast nicht glauben konnte.

Fleißig, höflich. Er war jedenfalls nicht so einer, der mich schikanierte. Ganz im Gegenteil zum Bereichsleiter der Firma, der durch sein aggressives Auftreten in der ganzen Firma unbeliebt war. Er beurteilte mich genau gegenteilig. Nur durch Krankheit konnte ich mich dem entziehen.

Im Mai 1989 erhielten wir den so genannten Laufzettel. Eine Bescheinigung, dass man keine Schulden hat. Das war für uns ein Hinweis, dass jetzt bald was passiert. Wir spendeten unserer Kirche Geld, kauften Sachen für den Neustart. Bei einer Abschiedsfeier, schon einige Tage bevor wir rausflogen, meinte ein Kollege noch: „Dass, die Grenze aufgeht, werden wir und unsere Kinder nicht erleben, vielleicht unsere Enkel.“ Das Wunder geschah- Im selben Jahr ging noch die Grenze auf. Am 8. Juni 1989 sind wir dann mehr oder weniger aus der DDR „rausgeflogen“.

Der Zug ging am 8. Juni um 9 Uhr

Am 8. Juni 1989, früh so gegen 9 Uhr musste ich den Wehrpass abgeben. So gegen 10 Uhr erfuhren wir, dass unser Zug um 20.15 Uhr abfährt, bekamen die Aberkennung der Staatsbürgerschaft der DDR – von da an, waren wir staatenlos. Wir haben schnell das restliche Geld verkauft und verschenkt, unsere Sachen hatten wir im Vorfeld schon bereit, gestellt, denn wir wussten, dass es dann ganz schnell gehen muss.

Ein Kollege hat sich Mittag einfach freigenommen und uns mit dem Auto das Gepäck zum Bahnhof gefahren, dadurch hat er sich auch unbeliebt gemacht, aber das war ihm egal.

Von den Familien Abschied nehmen, war nicht einfach. Alle kamen mit zum Bahnhof Görlitz. Als der Zug kam, der schon fast voll aus Polen in den ersten Bahnhof an der deutsch-polnischen Grenze einfuhr, waren wir fix und fertig. Wir hatten immer noch Angst, im Zug gekappt zu werden, dazu hatte ich Schwarzgeld (von meiner Schwarzarbeit, das ich mir zu zehn Prozent in D-Mark auszahlen hatte lassen) in der Hose eingenäht. Es folgte eine sehr „rücksichtsvolle Grenzkontrolle“ gegen 4 bis 5 Uhr früh. Die Kinder hatten geschlafen, mussten dennoch den Waggon verlassen, da ungenügend Licht war. Stehend mit Sohn (5) bis Frankfurt a. M., die Frau und Tochter (3) konnten wenigstens sitzen.

Keiner wollte an der Grenze die Listen in dreifacher Ausführung der aufgeführten Gegenstände sehen, die wir mitnahmen. Wir empfanden das als Schikane der Görlitzer Behörden. Sie schauten aus dem Fenster, sahen zum ersten Mal den Grenzzaun, fuhren in die Bundesrepublik, sie konnten es kaum fassen, dass es nun so weit war.

Bei der Ankunft in Frankfurt a. M. am Freitag um 8 Uhr früh hat uns eine Katholische Schwester beim Umsteigen in den Zug nach Gießen geholfen. Vor lauter Nervosität haben wir den Kinderwagen am Bahnhof vergessen. Am Montag erfolgten dann die Behördengänge.

Wir waren dann nach Anmeldung eine Woche im Aufnahmelager Gießen, hier bekamen wir gleich ein Zimmer. Wir schauten uns Gießen an, kauften uns eine Semmel mit ein Paar Wiener Würstl. Im Lager schämten wir uns für manche Landsleute, die mit nichts zufrieden waren, die Zigarettenkippen nur vor die Tür warfen.

Und bald gab’s Arbeit

Das Gepäck von Gießen aus, ging nach Aiterhofen bei Straubing, wo wir Bekannte hatten. Denn da war meine Mutter mit meiner Großmutter und vielen anderen nach der Flucht sehr gut aufgenommen worden. Da wollten wir eigentlich hin.

Am 16. Juni 1989 sind wir nach Grafenwiesen ins „Waldcafe“ gekommen, weil in und um Straubing keine Unterkunft zu finden war. Das war für uns zuerst wie das Ende der Welt, denn in Reichenbach in der Oberlausitz waren wir doch 4000 Menschen.

Wir wurden in Grafenwiesen am Bahnhof abgeholt, wurden sehr freundlich aufgenommen, die Wirtin schenkte uns einen Kinderwagen. Abends gab es „Fischstäbchen mit Kartoffelsalat“. Das schmeckte sehr gut. So ist es bei uns Tradition geworden, dass es am 8. Juni immer Fischstäbchen mit Kartoffelsalat“ gibt.

In Grafenwiesen bekam ich eine Arbeitsstelle beim Architekten Baumann, die Kollegen waren verwundert, dass ich gleich im Maleranzug erschien, mit Spachtel in der Hose. Ich war in diesem Punkt schon sehr gut vorbereitet.

Ich suchte nach einer Wohnung, da sagte mein Arbeitskollege Jakob Stauber zu mir: „Komm nach Eschlkam!“ Er wisse eine Wohnung im „Zwackhaus“ in der Further Straße, dafür sind wir dem „Jackl“ heute noch dankbar. Die Kosten für Unterkunft in Grafenwiesen mussten wir selbst zahlen – für drei Monate 5267,56 D-Mark. Es ist ein Mythos, dass wir alles umsonst bekamen! Die Starthilfe betrug 45 DM für die ganze Familie und ein Übersiedler-Kredit von 7000 DM. Nur durch viel Arbeit konnten wir das alles zurückzahlen.

Die tollen Eschlkamer

Ein Glücksfall war für uns, dass wir in Eschlkam so tolle Nachbarn hatten. Viele unterstützten uns mit Möbeln, Spielzeug und Bekleidung. Bis dahin völlig fremde Eschlkamer klingelten und fragten, was wir so brauchen könnten. Gerade unser ehemaliger Nachbar, Alois Breu, der frühere Bürgermeister von Eschlkam, half uns besonders bei der Integration. Am Feuerwehrball lernten wir viele Eschlkamer kennen und traten Vereinen bei. Jetzt konnte ich endlich meine politische Meinung sagen ohne Gefahr, eingesperrt zu werden.

Als wir am 5. 1. 1999 Einsicht in die Akten der Staatssicherheit bekamen (1994 beantragt) waren wir schon gespannt was uns so erwartet. War mein Freund und Kollege Hartmut in der DDR ein Zuträger? Gott sei Dank nicht. Dennoch gab es Überraschungen. So begann meine Akte schon 1978, kurz nach meinem 14. Geburtstag! Persönliche Briefe, die mich nie erreichten bzw. unsere Bekannten von mir nie erhielten, Fotos von Freunden aus Berlin (West) und eine überwachte Lebensführung füllten die Unterlagen.

Es ist ein unheimliches Glück auch gewesen, dass ich nicht verhaftet wurde. Gründe gab es nach den Akten genug (ungesetzliche Verbindungsaufnahme, Sammlung von Nachrichten, Devisenvergehen, staatsfeindliche Hetze…). Man kann nur Gott danken, das dies nicht passierte.

Die Personen die uns überwachten bzw. die Informationen sammelten, sind weitestgehend bekannt und reichten vom Pfarrer bis in das familiäre Umfeld. Einige haben den Wohnort gewechselt und wohnen jetzt zum Teil in den alten Bundesländern. Andere haben wieder Karriere gemacht. Wie klein die Welt ist, sieht man daran, dass einer dieser Herren aus unseren Stasi-Akten in einer Stadt im Landkreis Cham wohnt.

Eine Entschuldigung erhielt ich nur von dem am früheren Wohnort ansässigen Polizisten, der den Grundstein zu meinen Akten gelegt hatte, sowie von Familienangehörigen.

Rückblickend können wir nur sagen, dass es der richtige Schritt in unserm Leben war, auch wenn Deutschland wieder eins ist. Mir würde es heute noch schwer fallen, den Leuten über den Weg zu laufen, die uns beschimpft haben, weil wir nicht in der DDR bleiben wollten.

„In Deutschland geboren“

Bereits in der DDR habe ich Mitte der 80er Jahre erzählt, dass man uns die Kinder entziehen wollte. Dies hatte damals keiner glauben wollen. Unverständnis empfand ich, als ich bei einem Besuch Anfang der 90er Jahre von einer Frau hörte „…das haben wir nicht gewusst“. Doch das hatte sie!

Szenen, dass man mich zusammenschlagen wollte, sind und bleiben im Kopf. Und ich habe Sätze gehört, dass man mich in der Wiege schon erschlagen hätte sollen, weil ich ein Vaterlandsverräter sei. Aber das prallte eher ab. Mein Vater ist nicht in der DDR geboren, sondern in Deutschland. Diese Lebenserfahrungen haben natürlich auch Spuren in mir hinterlassen. Vertraute Kontakte zu knüpfen, das dauert bei mir heute eben etwas länger.

Unsere Zukunftsprognosen der DDR-Behörden, wie Obdachlosigkeit und Armut, sind nicht eingetreten. Wir bekamen alle Arbeit und ein Dach über dem Kopf. Unsere Kinder bekamen mit je nur einer Bewerbung eine Lehrstelle. Heute leben wir mit vier Enkelkindern ein relativ zufriedenes Leben.

Meine Eltern sind Anfang der 90er Jahre uns gefolgt und leben nun mit in unserem Eigenheim. Meine Frau arbeitete anfangs in der Gastronomie, seit 17 Jahren in der Firma Allemann in Grafenwiesen. Ich wechselte 1991 in die Firma Kiefl nach Runding. Um mich beruflich weiterzuentwickeln wechselte ich 2004 zur Maler-Firma Hartmann in Bad Kötzting- Lederdorn.

Menschen, die geholfen haben

Nachdem wir 2005 unverschuldet einen Unfall hatten, bin ich jetzt im Ruhestand. In dieser Zeit erlebten wir wahre Freunde, welche uns beim Hausumbau und Umzug halfen. Auch derFirma Hartmann bin ich heute noch dankbar für ihre Hilfe. Es war eine schwere aber auch schöne Zeit, wir möchten keine Stunde missen.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht