MyMz
Anzeige

Das Geschenk: Familie und Freunde

Claudia Peinelt wurde 2013 zur „Perle“ ernannt. Sie begleitete einen Freund auf seinem Weg durch den Krebs und wurde um eine Lebenserfahrung reicher.
Von Claudia Peinelt

Claudia Peinelt ist der Schreibsucht längst verfallen. Foto: Benjamin Franz

Michelsdorf.Es ist ein Dienstag im Januar. Eigentlich ein ganz normaler Dienstag, eigentlich. Und doch ist er für mich ein Tag geworden, der mich das ganze Jahr hindurch immer wieder daran erinnern ließ, wie wichtig es sein kann, einfach nur neben einem Menschen zu sitzen. Ihn vielleicht manchmal anzulächeln, ihm mal über die Hand zu streicheln und ihm das Gefühl zu geben, dass er nicht alleine diesen Weg gehen muss.

Karla Kolumna

Als „Karla Kolumna“, wie meine Freunde mich gelegentlich nennen, habe immer wieder die Möglichkeit, viele verschiedene Menschen kennen zu lernen. Viele Termine berühren mich, manche machen mich ärgerlich. Ich habe gelernt, dass ich die Menschen so nehmen muss, wie sie sind. Herzlich in ihrer Art oder sehr reserviert, manche lassen es mich spüren, welche Position sie ausüben, und manche sind von der ersten Minute an sympathisch.

Es ist nicht immer leicht, neben Familie und Haushalt die verschiedenen Termine wahrzunehmen. Ehrlich gesagt, es ist manchmal ziemlich stressig. Und es gibt Zeiten, da habe ich mir schon gedacht: Soll das doch schreiben, wer mag, ich habe keine Lust. Mein Mann redete mir dann immer wieder ein, dass ich doch schon längst der Sucht nach dem Schreiben verfallen sei.

Und er hat recht. Ich würde die Kinder vermissen, mit denen ich schon so manche schöne Geschichte geschrieben habe. Mir würden die Menschen abgehen, die ich in den sieben Jahren kennen gelernt habe. Und ich könnte die vielen Erfahrungen, die ich mit Trauer und Freude gemacht habe, nicht mehr fortführen.

Wenn ich zurückdenke, mit welcher Freude ich bei manchen Veranstaltungen begrüßt worden bin, welch großen Dank ich für manche Berichte erhalten habe, und welche Freundschaft sich aus mancher Begegnung ergeben hat. Ich möchte das nicht mehr missen! Natürlich ist nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen. Doch Familie und Freunde und auch die Kollegen tragen dann immer viel dazu bei, dass nach einer Nacht darüber schlafen die Welt für mich meistens wieder in Ordnung ist.

Besonders mein Mann ist der ruhende Pol für mich. Nicht nur, dass er und die Kinder mir den Rücken für meine Arbeit immer wieder frei halten. Sie stehen auch voll und ganz hinter mir, wenn ich jemandem aus unserem Freundeskreis zur Seite stehen möchte.

Ein gutes Beispiel ist ein gemeinsamer Freund. Dieser erkrankte in diesem Jahr erneut an Krebs. Sowohl für meinen Mann als auch für mich war klar, dass wir mit ihm den Weg der Behandlung gehen würden. Dass die Bestrahlungen und die Nachbehandlung so nahe gehen würden, hatte ich mir aber nicht vorgestellt.

Es war also der Dienstag, an dem ich ihn zum Knochenscreening nach Regensburg begleiten konnte. Schon Tage vorher bemerkte ich, dass er eine ziemliche Unsicherheit an den Tag legte. Was, wenn bei der Untersuchung Knochenmetastasen festgestellt würden? Mir tat er leid, doch ich konnte nichts tun. Auch mir wurde immer unwohler. Ich stellte mir immer wieder die Frage, wie ich mich verhalten sollte, wenn er aus dem Arztzimmer kommt und die Ärzte Metastasen festgestellt hätten.

Einem befreundetem Geistlichen schilderte ich meine Ängste. „Egal wie die Diagnose ausfällt, nimm ihn in den Arm. Du kannst nicht mehr tun, als einfach nur für ihn da zu sein“, war sein Ratschlag.

Geigenklänge und Schneetreiben

Um 7.15 Uhr holte ich meinen Freund ab. Er hatte eine CD dabei. Beruhigende Geigenklänge begleiteten uns auf dem Weg nach Regensburg. Parkplatzsuche, der Gang in die Arztpraxis, das Sitzen im Wartezimmer – stets begleitet von Herzklopfen und Angst. Dann endlich wurde er aufgerufen. Ich lächelte ihm zu, drückte seine Hand. Dann ging er durch die Tür. Er bekam etwas gespritzt und musste zwei Stunden spazieren gehen. Die Flüssigkeit sollte sich im ganzen Körper verteilen.

Draußen hatte es zu schneien begonnen. Wir schlenderten durch einen Park. Ich versuchte, meinen Freund abzulenken, ratschte und lachte mit ihm. Mir war zum Heulen zumute – ihm ging es nicht anders.

Am liebsten hätte ich ihn einfach in den Arm genommen, aber gerade das war gar nicht so einfach. Die Nerven waren strapaziert, und eine Umarmung hätte mit Sicherheit Tränen von uns Beiden ausgelöst. Außerdem wollte ich ihm nicht unbedingt meine Angst zeigen. Endlich waren die zwei Stunden vorbei, und wir betraten die Praxis wieder. Nun folgte die nächste Tortur. Millimeter für Millimeter wurden vom Körper Aufzeichnungen gemacht.

Die Zeit im Wartezimmer verging einfach nicht. Mir kam es vor, als würde sich der Zeiger der Uhr nicht bewegen. Ich war so nervös, dass ich alle Viertelstunde zur Toilette musste. Dann endlich ging die Tür auf, und mein Freund kam heraus. Ich konnte in ein Gesicht schauen, dass vor Erleichterung strahlte. „Nichts gefunden“, sagte er. Jetzt musste ich ihn einfach in die Arme nehmen. In Cham wieder angekommen, kurz bevor er ausstieg, drehte er sich zu mir und sagte: „Weißt du eigentlich, was für eine Perle du für mich bist?“ Tränen glänzten in seinen Augen. Es war wie der Geistliche gesagt hatte: Mein Freund war froh, dass jemand für ihn da war. Mehr konnte man in dieser Situation nicht tun.

Viele Male begleitete ich meinen Freund noch zu seinen Bestrahlungen, viele Male musste ich mit ansehen, wie schlecht es ihm ging. Fast war er dabei, sich aufzugeben. Aber das ließ ich nicht zu. Ich holte ihn zu Spaziergängen ab, wir machten Ausflüge mit der Familie und Freunden, gingen in Konzerte und besuchten viele Gottesdienste.

Die Ruhe kehrt zurück

Und plötzlich merkte ich, wie er seine Ruhe wieder fand. Und diese Ruhe ging auf mich über, wenn ich nach anstrengenden Terminen neben ihm in einem Konzert saß oder schweigend neben ihm spazierte. Seine Krebswerte sind besser geworden, unsere Freundschaft hat sich vertieft, und ich bin um eine Lebenserfahrung reicher geworden. Man muss nicht für alles, was man für jemanden tut, mit Geld bezahlt werden. Ein Lächeln, eine Umarmung und eine Ernennung zur „Perle“ sind viel mehr wert.

Mit dieser wunderbaren Erfahrung werde ich auch 2014 mit Freude und einem Lächeln so manche Termine erledigen. Und ich bin dankbar, dass ich meine Familie und meine Freunde als Geschenk erhalten habe.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht