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Freitag, 21. September 2018 26° 3

Ortstermin

Das Kleinod im Herzen Waldmünchens

Erstmals seit Sanierungsbeginn im Juni ist ein Blick ins Gasthaus Kamm erlaubt. Gewölbe und Dachbalken sorgen für Staunen.
Von Petra Schoplocher

Noch stehen die „Besucher“ des Gasthauses Kamm auf Gewölbesteinen. Das wird sich nach der Sanierung ändern. Deswegen war es Bürgermeister Markus Ackermann (Zweiter von links) wichtig, den Ist-Zustand zu zeigen. Mit ihm informierten (von links) Stefan Schmid, der die komplette Haustechnik plant, Barbara Rappl vom Architekturbüro Greiner und Statiker Anton Landgraf über den Baufortschritt. Foto: Schoplocher
Noch stehen die „Besucher“ des Gasthauses Kamm auf Gewölbesteinen. Das wird sich nach der Sanierung ändern. Deswegen war es Bürgermeister Markus Ackermann (Zweiter von links) wichtig, den Ist-Zustand zu zeigen. Mit ihm informierten (von links) Stefan Schmid, der die komplette Haustechnik plant, Barbara Rappl vom Architekturbüro Greiner und Statiker Anton Landgraf über den Baufortschritt. Foto: Schoplocher

Waldmünchen.Noch braucht es eine gute Portion Vorstellungskraft, um sich vorzustellen, wie der Seminarraum mit 75 Plätzen einmal aussehen wird oder wie unter den imposanten Dachbalken eine Ausstellung präsentiert wird. Denn derzeit gleich das Innere des Gasthauses Kamm einer einzigen Baustelle. Aber was für einer.

Schon der erste Blick nach rechts oder links gibt Gewölbe in rotem Backstein frei und lässt erahnen, welche jahrhundertelange Geschichte das Gebäude erzählen kann. Teilweise können die Keller, die sich unter der Böhmerstraße befinden, bis ins Mittelalter zurückdatiert werden.

Statiker Anton Landgraf (links) und Zimmerer Christian Kraus erläutern die Arbeiten im Dachstuhl. Ein einziger Querbalken sei nicht angefault gewesen, entsprechend aufwendig waren die Ausbesserungsarbeiten. Foto: ps
Statiker Anton Landgraf (links) und Zimmerer Christian Kraus erläutern die Arbeiten im Dachstuhl. Ein einziger Querbalken sei nicht angefault gewesen, entsprechend aufwendig waren die Ausbesserungsarbeiten. Foto: ps

Der Hauptaugenmerk bei dem Ortstermin, mit dem Bürgermeister Markus Ackermann eine Art „Wasserstandsmeldung“ über die bereits getätigten Arbeiten geben wollte, lag aber ganz oben. Dort berichtete Statiker Anton Landgraf von einem „extrem großen Schadensbild“. Die marode Dachkonstruktion habe sich bis in die unteren Geschosse ausgewirkt und Mauern und Wände nach außen gedrückt – An manchen Stellen bis zu 60 Zentimeter weit.

Landgraf legte drei unterschiedliche Ursachen dar. Ursprüngliche Konstruktionsmängel, die vor allem beim Anbau eines neuen Gebäudeteils im Jahr 1808 gemacht wurde, als zwei unterschiedliche (Walm)Dachsysteme miteinander verbunden wurden. Auch unsachgemäße Eingriffe, wie das Entfernen sogenannter Kopfbänder, nahmen in späteren Jahren der Konstruktion ihre Stabilität. Letztlich gaben Feuchteschäden in den Balken dem Dach den Rest.

Diese Wand im Obergeschoss ist die älteste des historischen Gebäudes, dessen Kellergewölbe bis ins Mittelalter zurückreichen. Ob sie wieder verputzt wird oder nicht, steht noch nicht fest. Der Blick auf die Dachbalken soll aber auf alle Fälle frei bleiben. Foto: ps
Diese Wand im Obergeschoss ist die älteste des historischen Gebäudes, dessen Kellergewölbe bis ins Mittelalter zurückreichen. Ob sie wieder verputzt wird oder nicht, steht noch nicht fest. Der Blick auf die Dachbalken soll aber auf alle Fälle frei bleiben. Foto: ps

Ziel sei es laut Landgraf gewesen, die ursprüngliche Tragfähigkeit – berechnet wurde eine Last von 900 Kilogramm pro Meter Holz – ohne das Einziehen von Eisenträgern wieder herzustellen. Dies gelang durch viele erneuerte Holz(steck)Verbindungen. Wenn auch 90 Prozent des Holzes erhalten werden konnten, mussten doch zehn Prozent „neues“ hinzugefügt werden. „Jetzt trägt das Dach wieder wie ursprünglich“, bescheinigte Landgraf der Zimmerei Kraus bestes Arbeiten.

Nah an der Einsturzgefahr

„Es war wirklich höchste Eisenbahn“, bestätigte Markus Ackermann, als der Diplomingenieur Fotos von total morschen Gasthaus-Balken zeigte. „Da war die Einsturzgefahr nicht mehr weit.“ Nach Fertigstellung werde das Dachgeschoss sicher in besonderem Flair erstrahlen, wird der Dachstuhl doch sichtbar bleiben, erzählte Markus Ackermann voller Vorfreude. Die meiste Fläche ganz oben wird für einen Ausstellungsraum für die Jugendbildungsstätte als Nutzerin konzipiert, auch Referentenzimmer sind im Dachgeschoss untergebracht.

Architektin Barbara Rappl erläuterte das weitere Nutzungskonzept, das zwei Seminarräume (einmal für 75, einmal für 30 Teilnehmer) sowie einen Backstage-Bereich mit Teeküche und Garderobe im ersten Stock sowie sanitäre Anlagen im Parterre vorsehe.

Ein wenig mysteriös sieht dieser Blick an die Decke des Treppenhauses derzeit aus. Dank der „Zapfen“ werden Hohlräume verfüllt, um wieder Stabilität zu erzeugen. Überhaupt muss das Mauerwerk an vielen Stellen ausgebessert werden. Foto: ps
Ein wenig mysteriös sieht dieser Blick an die Decke des Treppenhauses derzeit aus. Dank der „Zapfen“ werden Hohlräume verfüllt, um wieder Stabilität zu erzeugen. Überhaupt muss das Mauerwerk an vielen Stellen ausgebessert werden. Foto: ps

Da im Erdgeschoss derzeit ein Übergang vom einen in den anderen Gebäudeteil nicht möglich ist, wird eine spektakuläre Brückenkonstruktion geschaffen, verspricht der Gemeindechef. „Ein Wahnsinn“ werde auch der Blick aus der Cafeteria in Richtung Marktplatz sein, die im Erdgeschoss den größten Platz einnimmt.

Barrierefreiheit und Lift

Der Zugang zum Gasthaus Kamm wird barrierefrei sein, ein Lift sorgt im Inneren dafür, dass auch gehandicapte Gäste überall hinkommen. Auch den Anforderungen des Brandschutzes wird Rechnung getragen. Da die Innentreppen relativ eng sind, wird an der Nordseite ein Treppenturm als zweiter Fluchtweg errichtet.

Dank Dendrochronologie konnten die Dachbalken auf das Jahr 1793 datiert werden und somit das Baujahr des bestehenden Hauses datiert werden, berichtete Anton Landgraf. Bebauung habe es an dieser Stelle „in München vor dem Böhmerwald“ – so der alte Stadtname – aber bereits viel früher gegeben: So seien die Zerstörungen von Gebäuden bei einem Hussiteneinfall 1434, im 30-jährigen Krieg sowie durch vier Stadtbrände nachgewiesen.

Siegfried Wagner von der gleichnamigen Waldmünchener Baufirma im künftigen großen Seminarraum. Dieser ist teils an die alte Stadtmauer gebaut, aus dem Fenster sind in der Verlängerung weitere Stücke bei der Jugendbildungsstätte zu sehen. Foto: ps
Siegfried Wagner von der gleichnamigen Waldmünchener Baufirma im künftigen großen Seminarraum. Dieser ist teils an die alte Stadtmauer gebaut, aus dem Fenster sind in der Verlängerung weitere Stücke bei der Jugendbildungsstätte zu sehen. Foto: ps

Dass das Gasthaus Kamm auch weiterhin Geschichte schreiben kann, findet Markus Ackermann grandios. „So ein Gebäude wird man weit und breit nicht finden“, ist er überzeugt. Sobald es die Baustelle ermöglicht, soll auch die Bevölkerung die Möglichkeit haben, einen Blick ins Innere zu werfen, ehe manches Gewölbe(Geheimnis) überbaut wird und verschwindet.

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