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MZ-Serie

Das Leben nach den Schul-Tyrannen

Die große Freiheit unter dem neuen Direktor bei den Domspatzen war nicht immer ein Genuss, erzählt Alexander Metz diesmal.
Von Alexander Metz

Die Domspatzen auf Konzertreisen: hier ein Auftritt mit den Nürnberger Symphonikern im Jahr 1965 Foto: Metz
Die Domspatzen auf Konzertreisen: hier ein Auftritt mit den Nürnberger Symphonikern im Jahr 1965 Foto: Metz

Cham.Es war eine neue Welt, in die sich unsere Schule und unser Internat verwandelt hatten. Die Erzieher der Generation „Quem deus amat, eum castigat“ (Wen Gott liebt, den züchtigt er) waren verschwunden. Der Nitsche verstand es als Internatsleiter, uns an einer längeren Leine als bisher üblich zu halten und zu führen, ohne die Werte christlicher Erziehung zu verletzen.

Auch der Schultyrann Dr. Cyrill Barden war von einem neuen Schuldirektor abgelöst worden, der viel Verständnis für die Chorarbeiten zeigte und sogar die Idee verfolgte, einen weltlichen Chor für Konzertreisen, Rundfunk-, Schallplatten- und Fernsehaufnahmen und einen kirchlichen Chor für die Verpflichtungen im Dom zu etablieren.

Der alte Scheef war gestorben und seinen Verdiensten um die Musica sacra und das Motu proprio entsprechend feierlich beerdigt worden. Sein Nachfolger, den wir von Anfang an auch den Scheef nannten, zeigte sich zurückhaltend taktvoll, wirkte anfangs eher schüchtern, trat vorsichtig tastend in die Welt der Domspatzen ein. Er kümmerte sich vorrangig um die kirchlichen Aufgaben des Chores. Mit uns, den Männerstimmen, ging er sehr wertschätzend um.

Die öffentlichen Auftritte des Konzertchores studierte weiterhin die Ente ein, der schon zu Lebzeiten seines Onkels diese Aufgabe übernommen hatte, und dirigierte sie auch. Das Kaffleben war erfüllt mit Musik, Singen im Dom, Konzertreisen, Schallplatten- und Fernsehaufnahmen. Mit dem neuen Scheef fuhren wir nach Rom, um vor dem Papst Paul VI. persönlich zu singen.

Ich war zum Schulsprecher gewählt worden und Kulturreferent in der Schülermitverwaltung. Somit konnte ich die Konzerte auswählen, die wir am Abend im Neuhaussaal besuchen durften, und auch Filme auf einem 16mm Siemens Tonprojektor vorführen, nicht nur im Hause selbst, sondern auch außerhalb bei den Englischen Fräulein. Darum wurde ich von den anderen durchaus beneidet.

Die „Brücke“ zu Cham

Unsere Klasse war auf elf Mann zusammengeschrumpft. Gut die Hälfte waren Wiederholer. Nur wenige hatten es ohne Ehrenrunde bis zum Abitur geschafft. Meine schulischen Leistungen waren mittlerweile so gut, dass ich sogar Schülern der Unterklasse und auf Konzertreisen Nachhilfeunterricht erteilen durfte. Auch unsere Lehrer schienen unter der neuen Schulleitung geradezu aufzublühen.

Auf Konzertreisen zählten wir nun zu den Großen und genossen als solche gewisse Privilegien. Dazu gehörten Männerstimmentreffen nach dem Konzert zu vorgerückter Stunde.

Alexander mit dem schwarzen Talar und dem weißen Chorhemd Foto: Metz
Alexander mit dem schwarzen Talar und dem weißen Chorhemd Foto: Metz

Beim Ede, wie wir unseren Deutsch-und Englischlehrer nannten, erhielt ich meinen ersten Einser für einen Deutsch-Aufsatz mit dem Titel „Welchen Film würden Sie einem guten Freund empfehlen?“ Ich hatte den Antikriegsfilm „Die Brücke“ von Bernhard Wicki gewählt, der in meiner alten Heimatstadt Cham gedreht worden war. Der Einser in Deutsch beflügelte mich so sehr, dass ich mich kühn dazu bereit erklärte, auf Konzertreisen Berichte für die Mittelbayerische Zeitung zu schreiben.

Ich fühlte mich so richtig wohl und war als Schüler des Musikgymnasiums der Regensburger Domspatzen rundum glücklich und zufrieden. Das galt auch für die Konzertreisen.

In Osterfelde blieben wir zwei Tage. Am Tag der Ankunft gaben wir ein Konzert, der nächste Tag war als Ruhetag eingeplant. Das Schicksal schien es gut mit uns zu meinen, mit mir und meinem noch immer allerbesten Freund Werner. Bei der Quartierverteilung wurden wir zusammen aufgerufen und von einem jungen Paar abgeholt. Wir hatten ein Doppelquartier. Und das am Ruhetag! Besser konnte es nicht kommen, glaubten wir, nicht ahnend, was da tatsächlich kommen sollte.

Der junge Mann erinnerte vom Aussehen nicht nur wegen seiner Haartolle ein wenig an Elvis Presley, er gab sich auch bei jeder Bewegung betont lässig. Dazu gehörte, dass er beim Sprechen seinen Glimmstängel erst gar nicht aus dem Mund nahm. Seine Partnerin war so eine Mischung aus Marilyn Monroe und Gina Lollobrigida und wollte in der Art, wie sie ihren Kaugummi kaute, auch extra lässig rauskommen.

Alle, die noch auf die Quartierzuteilung warteten, beäugten neidisch, dass Werner und ich von diesem exzentrisch wirkenden Paar zu einem knallroten Porsche ohne Verdeck geführt wurden. Uns blieb selbst fast die Spucke weg. Wir quetschten uns mit unseren Koffern auf die Rückbank des Wagens. Mehr als ein lässiges „Hi“ sagten beide jedoch nicht zu uns. Er drehte noch vor dem rasanten Start sein Autoradio auf volle Lautstärke und beschallte Osterfelde mit Rock’n’ Roll. Werner und ich schauten uns immer wieder an, ohne ein Wort zu verlieren. Es waren Blicke der Begeisterung. Noch!

Alle Serienteile finden Sie hier.

Das Foto zeigt den Buben Ludwig Alexander Metz am ersten Tag mit dem Engel im Arm, den ihm seine Chamer Pflegemutter mitgegeben hatte. Er ist bald zerbrochen, aber Alex nicht. Foto: Metz
Das Foto zeigt den Buben Ludwig Alexander Metz am ersten Tag mit dem Engel im Arm, den ihm seine Chamer Pflegemutter mitgegeben hatte. Er ist bald zerbrochen, aber Alex nicht. Foto: Metz

Nicht lange ging die Fahrt, dann stoppte der Wagen vor einem kleinen, einstmals sicher gelb gestrichenen Einfamilienhaus der Arbeiterklasse, dem eine neue Farbe gutgetan hätte. „Ende der Reise“, meinte unser Chauffeur und seine Zigarette wackelte bei jedem Wort, also dreimal. Werner und ich schauten uns etwas enttäuscht bis entsetzt an, kletterten dann doch mit unseren Koffern etwas umständlich aus dem Wagen und folgten dem Monroe-Lollobrigida-Verschnitt ins Haus. Dort erwartete uns eine bescheidene Hausfrau, sie wirkte eher unsicher, verschreckt, und zwei nicht gerade von Schönheit ausgezeichnete Mädchen, die wir auf etwa 14 bis 16 einschätzten. Es waren die jungen Schwestern unserer Monroe-Lollo-Gina. Ihr Macker blieb teilnahmslos vor der Türe stehen und paffte weiter seine Zigarette.

Die Mama war eine Frau, die sich sehr bemühte, eine heile Welt in ihr bescheidenes Heim zu zaubern. Blumenstöcke am Fenster, die verhinderten, selbige zu öffnen, Kunstblumen auf dem Wohnzimmerschrank, kitschige, bunte Porzellanvasen hier und dort, Häkeldeckchen auf dem das Zimmer beherrschenden Esstisch, ein gehäkeltes Deckchen auch auf der Rückenlehne des Papa-Sessels.

Der Papa kam auch schon bald nach Hause. Es war Mittagszeit. Er war klein, untersetzt und cholerisch. Seine Begrüßung war: „Hier stinkt’s!“

Die knusprigen Kartoffelpuffer servierte uns die arme Frau frisch aus der Küche, einen jeden einzeln. Sie musste sich zusammenreißen, um nicht zu weinen. Ihr Alter hatte kein einziges gutes Wort für sie übrig.

Werner und ich wären am liebsten sofort verschwunden, so peinlich war das alles. Uns war eines klar, in diesem Hause bleiben wir nur so lang wie nötig und so wenig wie möglich

Werner war ohnehin nicht gut drauf. Er hatte sich kurz vorher in Bottrop in die Tochter seiner Quartiereltern verliebt. Sein Blick war glasig, und jede Frage musste ich wiederholen, ehe mit einer Antwort von seiner Seite zu rechnen war. Ich wusste aber, wie man ihn aus dieser seiner Lethargie befreien konnte. Ein Gruselfilm war die Lösung. Ich schmiedete einen Plan. Den freien Tag sollten wir in Essen verbringen, um dort den Hammer-Film „Das Haupt der Medusa“ zu sehen. In Werners Gesicht kehrte bei diesem Vorschlag wieder Leben zurück.

Der Autor und sein Buch

  • Vita:

    Ludwig Alexander Metz wurde 1946 in Cham geboren und hier als uneheliches Kind bei einer Pflegemutter „versteckt“. Die Mutter war die Tochter aus einem Landshuter Brauerei-Gasthof, der Vater ein Zwangsarbeiter aus Serbien.

  • „Der versteckte Bua“:

    Das war der Titel eines Buches, in dem Metz seine Kindheit der Nachkriegszeit in Cham beschreibt. Eine Serie mit diesen Geschichten hat viel Resonanz gefunden.

  • „Der zerbrochene Engel“ schildert seine Erlebnisse bei den Domspatzen von 1955 bis 1966.

  • Vertrieb:

    Das Buch ist erschienen bei Books on Demand (BoD) und in einer Paperback-Ausgabe (11,99 Euro) erhältlich im Buchhandel.

Wir erklärten unserer Quartiermutter, dass wir nach dem Konzert noch eine Männerstimmenbesprechung hätten und deshalb nicht gleich nach Hause kämen. Sie nahm uns das ab und versprach, für uns belegte Brote und Tee ans Bett zu stellen. Ein Bett aber suchten wir im Wohnzimmer vergeblich. Da war nur eine Klappcouch zu sehen. Die stand direkt neben der Küchentür.

Es war bereits Mitternacht, als Werner und ich in das Haus am Rande der Stadt zurückkehrten. Ganz leise öffneten wir die Haustür und die Wohnzimmertür, um ja nicht die Quartiermutter und ihre Töchter zu wecken, und schon gar nicht den Stinkstiefel von einem Hausherrn.

Die Nacht in einem V-Bett

Da war nun unser Bett gerichtet. Es war tatsächlich das Sofa. Es stand mitten im Raum vor dem Esstisch. Aufgeklappt hatte es unverkennbar die Form eines Vs. Zwei Kissen, zwei Zudecken, ein Laken. Insgesamt maximal 99 Zentimeter breit für zwei junge Männer.

Nicht, dass ich ein Problem gehabt hätte, das Lager mit meinem besten Freund zu teilen, es war das V des Bettes und die Enge, die uns den Schlaf raubte. So sehr sich jeder von uns auch bemühte, sich nach außen zu drehen, der Werner links und ich rechts, wir stießen immer wieder mit den Köpfen zusammen oder klebten körperlich aneinander.

„Der zerbrochene Engel“: Der 71 Jahre alte Alexander Metz präsentiert sein zweites Werk. Foto: Fischer
„Der zerbrochene Engel“: Der 71 Jahre alte Alexander Metz präsentiert sein zweites Werk. Foto: Fischer

Kleben im wahrsten Sinne des Wortes; denn die Fenster des Zimmers ließen sich wegen der Topfblumen nicht öffnen. Die Luft war noch immer vom Zigarrenqualm des Alten geschwängert. Es war stickig und heiß in dem Raum. Außerdem hatte uns der starke Tee, den uns die herzensgute Frau des Hauses gebraut hatte und den wir durstig und gierig tranken, den Schlaf vollends geraubt. Als Werner mir zum weiß-Gott-wievielten-Male die Vorzüge seiner von ihm verehrten und innigst geliebten Quartiertochter aus Bottrop geschildert hatte, schlief ich in den Morgenstunden endlich ein. Am nächsten Morgen rollten wir uns wie gerädert aus dem Bett.

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