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Projekt

Das verlorene Leben im Grenzland

Deutsche und tschechische Jugendliche waren im verschwundenen Dorf Schwanenbrückl und einer Synagoge auf Spurensuche.
Von Petra Schoplocher

Wer die Zeit ins Jahr 1938 zurückdrehen will, muss sich der jüdischen Geschichte stellen. Mit Jakob Wünsch brachte ein Experte für die Einführung in das Judentum den Jugendlichen, Zweiter von links Adam Breuer, Kultur und Glaube auf spannende Weise näher. Foto: Schoplocher
Wer die Zeit ins Jahr 1938 zurückdrehen will, muss sich der jüdischen Geschichte stellen. Mit Jakob Wünsch brachte ein Experte für die Einführung in das Judentum den Jugendlichen, Zweiter von links Adam Breuer, Kultur und Glaube auf spannende Weise näher. Foto: Schoplocher

Waldmünchen.Ronja sagt ihn im Vorbeigehen, diesen Satz, der doch alles vereint, was den Macher des Theaternetzwerks cojc wichtig ist. „Die Geschichte, was war, ist wichtig für das, was gerade ist“, erklärt die 16-Jährige. Gerade hat sie mit 13 anderen Teilnehmers des Projekts „Schwanenmostek“ die Synagoge in Kdyne besucht. Unter dem berührenden Eindruck des Gesehenen und Gehörten erzählt die Schülerin des Bad Kötztinger Benedikt-Stattler-Gymnasiums, warum sie sich für den einwöchigen Workshop angemeldet hat. Sie wolle erfahren, was „da“ damals war – schließlich sind die Handlungsorte des Projekts gar nicht so weit weg.

Die Handlungsorte, neben der Synagoge in Kdyne vor allem das namensgebende Schwanenbrückl, tschechisch Mostek und eines der „veschwundenen Dörfer“, aber auch Pobežovice (Ronsperg) mit seinem Bezug zur Paneuropa-Union. Und es ist die Jugendbildungsstätte Waldmünchen, in der die jungen Deutschen und Tschechen zusammen mit den Projektverantwortlichen Martina Buchna und Marcus Reinert ihr Lager aufgeschlagen haben.

Leben im Jahr 1938

„Schwanenmostek“ – der Titel der Zeitreise ins Jahr 1938 und „Grenzland revisited“, wie der Inhalt konkretisiert wird, ist auf gleiche Weise zusammengesetzt wie „cojc“. Beides sind Kofferwörter aus deutschen und tschechischen Elementen, denn genau darum geht es: Beides zu verbinden. Menschen, Ideen, Kultur und eben auch Geschichte.

Für die Theateraufführungen, Kerngeschäft und Ursprung von cojc, wird sich einer Kunstsprache bedient, damit beide Seiten verstehen können. Für den Alltag in den Jugendbegegnungen wird übersetzt. Wenn nötig, denn bei dem Zeitreise-Projekt waren unter den fünf Deutschen zwei, die auch Tschechisch können.

Wie Ronja aus Bad Kötzting waren auch die übrigen Teilnehmer höchst interessiert und von den Relikten des jüdischen Lebens in Kdyne. Im August 1936 wurde der letzte Gottesdienst in dem von außen unscheinbaren Haus in Nähe des Stadtplatzes gefeiert. Foto: ps
Wie Ronja aus Bad Kötzting waren auch die übrigen Teilnehmer höchst interessiert und von den Relikten des jüdischen Lebens in Kdyne. Im August 1936 wurde der letzte Gottesdienst in dem von außen unscheinbaren Haus in Nähe des Stadtplatzes gefeiert. Foto: ps

Einer von ihnen ist Adam Breuer, der ein richtiger Fan von cojc ist und schon bei mehreren Aktionen dabei war. „Es wäre geradezu ein Unding, nicht mitzufahren“, sagt der einzige Waldmünchener im Camp. Dabei hatte er „Schwanenmostek“ zunächst schon abgehakt, weil er dachte, in dieser Woche zwei Schulaufgaben schreiben zu müssen. „Ich hab’ mich aber glücklicherweise im Kalender verschaut“, grinst der 15-Jährige. Er habe zwar versucht, noch Klassenkameraden für die Woche zu gewinnen, aber ohne Erfolg. „Die wissen nicht, was sie verpassen“, meint er. Eine Schulbefreiung zu bekommen – die tschechische Seite hat schon Ferien – sei kein Problem gewesen, erzählt er.

Besonderes Miteinander

Für den Neuntklässler des Chamer Joseph-von-Fraunhofer Gymnasiums sind die Kontakte zu das Wichtigste, das Miteinander mache es aus. Die Woche „Schwanenmostek“ sei zudem für ihn besonders reizvoll gewesen, weil sich sein Interesse für Geschichte darin verbunden hat. Geschichte gab es reichlich, noch dazu mit Tiefgang. In der Synagoge erklärte Jakob Wünsch der Gruppe unter anderem den Ablauf des Gottesdienstes oder Regeln jüdischen Alltagslebens. „Was können zehn jüdische 13-Jährige, was neun Rabbis nicht können?“ – einen Gottesdienst feiern. Mit lockeren Einstreuungen wie dieser nahm er an manchen Stellen die Schwere.

Der aaronitische Segen (hebräisch birkat kohanim) ist der älteste überlieferte Segenspruch der Bibel. An jüdischen Grabsteinen begegnen einem immer wieder diese Hände, die Adam Breuer nach der entsprechenden Erklärung des Judentum-Kenners Jakob Wünsch. Foto: ps
Der aaronitische Segen (hebräisch birkat kohanim) ist der älteste überlieferte Segenspruch der Bibel. An jüdischen Grabsteinen begegnen einem immer wieder diese Hände, die Adam Breuer nach der entsprechenden Erklärung des Judentum-Kenners Jakob Wünsch. Foto: ps

Er sparte aber auch die Diskriminierung in früheren Jahren nicht aus: Als die Juden von Kaiser Joseph II. die Bürgerrechte verliehen bekamen, vergab eine Kommission neue Namen. Pfannenstiel oder Katzenstielauge. Nur, wer auf die Frage „wieviel Backfisch?“ eine Summe in Aussicht stellte, aus dem wurde Silber- oder Rosenzweig oder Goldstein.

Die Synagoge von Kdyne ist so wertvoll, weil sie eine der ganz wenigen erhaltenen in der Region dies- und jenseits der Grenze ist. Jakob Wünsch erzählte vom Ablauf der Gottesdienste und Feste.Foto: ps
Die Synagoge von Kdyne ist so wertvoll, weil sie eine der ganz wenigen erhaltenen in der Region dies- und jenseits der Grenze ist. Jakob Wünsch erzählte vom Ablauf der Gottesdienste und Feste.Foto: ps

Wünsch erklärte die Sonderrolle eines jeden, der Kohen, Kohn oder Kovac im Nachnamen trage. Diese gelten als Nachfolge der Tempeldiener. Ob der neue Bayerntrainer Niko Kovac dann auch im Gottesdienst aus der Tora lesen dürfe, kam einem Jungen in den Sinn. Da sage noch einer, es fehle der Bezug zur Gegenwart.

Die 17-jährige Diana aus Tschechien ist wie Ronja von Lehrern aufmerksam gemacht worden. Beide sahen das Projekt als tolle Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln, an. Diana interessiert sich vor allem für die Geschichten von Menschen und Familien. Diese standen sowohl in Pobežovice als auch in Schwanenbrückl im Mittelpunkt. In dem ebenso verschwundenen Dorf gab es eine deutschjüdische Familie.

 Rund 80 Zuschauer waren nach Schwanenbrückl (Mostek) gekommen, um zu erleben, was die Gruppe erarbeitet hat. Sie erzählen vom Alltag der Kinder in der Schule und spielen nach, wie es im Gasthaus zugegangen sein mag. Mehr dazu gibt es unter www.cojc.eu. Foto: cocj
Rund 80 Zuschauer waren nach Schwanenbrückl (Mostek) gekommen, um zu erleben, was die Gruppe erarbeitet hat. Sie erzählen vom Alltag der Kinder in der Schule und spielen nach, wie es im Gasthaus zugegangen sein mag. Mehr dazu gibt es unter www.cojc.eu. Foto: cocj

Über sie hat Regina Gottschalk ein Buch („Warten auf Nachricht“) geschrieben, das Inspiration für diese Spurensuche der anderen Art war. Gottschalk war mit rund 80 anderen bei der Abschlusspräsentation in Schwanenbrückl dabei, wie die cojc-Leute erfreut überrascht feststellten. Die Erfahrungen aus der Synagoge fließen neben anderem in einen „Schabbat-Tanz“ ein, zu dem „Hevenu Shalom Alechem“ gesungen wurde. So zog die Sehnsucht nach Frieden dank cojc an einen ganz besonderen Ort, aber auch in viele Herzen ein.

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