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MZ-Serie

Das Wiedersehen mit der Chamer Heimat

Diesmal in Alexander Metz’ Erinnerungen: Nach der Domspatzenzeit kehrt er zurück in die Stadt, wo er als Bub versteckt war.
Von Alexander Metz

„Alles war irgendwie anders, fremd.“ Alexander Metz bei seinem Wiedersehen mit Cham, wo er als Bub versteckt war. Foto: Metz
„Alles war irgendwie anders, fremd.“ Alexander Metz bei seinem Wiedersehen mit Cham, wo er als Bub versteckt war. Foto: Metz

Cham.Ich hatte sie aus meinem Leben ausgeblendet, notgedrungen. Sie existierte für mich nur noch in weiter, weiter Ferne, meine Mama, meine Pflegemutter, bei der ich die ersten neun Jahre meines Lebens verbracht hatte und ohne die, ich glaubte, nicht leben zu können. Sie war nicht mehr wirklich präsent, nicht in meinem Herzen und nicht in meinem Kopf. Und doch gab es etwas, das mich mit ihr immer noch verband, das mich zu ihr hinzog. War es nur Dankbarkeit oder war es Liebe? Die Liebe und die Sehnsucht nach einem Menschen, der mich bedingungslos mochte, der mich nicht verstecken musste, weil es keinen Vater dazu gab?

Oder war es doch mehr so eine Art Gefühl der Verpflichtung, dankbar sein zu müssen? Ein geheimes Gefühl natürlich; denn an meine Mama zu denken oder gar den Wunsch zu äußern, sie zu besuchen, war etwas Verbotenes, war gleichsam ein Verrat, ein Sakrileg. Etwas, das nicht erwünscht war, etwas, das meine neue familiäre Heimat in Landshut gestört, ja zerstört hätte.

Eigentlich fing das Vergessen an, als der Engel, den die Mama mir beim Abschied zum Andenken an sie mit ins Internat gegeben hatte, zerbrach. Ein Zauber war gleichsam gebannt. Mit den Scherben des Gipsengels, die im Abfallkorb gelandet waren, wurde auch die magische Verbindung zu meiner Mama unterbrochen. „Es war wie ein kleiner Tod. Aber um leben zu können, musst du viele Tode sterben“, habe ich einmal gelesen.

So fing alles an: Der kleine Ludwig Alexander Metz startet ins Leben auf dem Chamer Marktplatz. Foto: Metz
So fing alles an: Der kleine Ludwig Alexander Metz startet ins Leben auf dem Chamer Marktplatz. Foto: Metz

Die Idee, nach Cham in meine alte Heimatstadt zu fahren, um meine Pflegemutter nach elf langen und trennenden Jahren wieder zu sehen, kam mir, als der Vetter mich fragte, ob ich ihn nicht mit dem Auto, das mir die Tante zum Abitur geliehen hatte, zu seinem Onkel fahren möchte. Er würde sich am Benzin beteiligen. Und sein Onkel wohnte ausgerechnet in meiner alten Heimatstadt, in der auch meine Mama noch lebte, wie ich annahm oder wie ich hoffte.

Die Chamer Bubenzeit

So ganz wohl fühlte ich mich nicht bei dem Gedanken, meine Pflegemutter zu besuchen. Es fühlte sich für mich wie ein kleiner Verrat an, den ich an meiner Mutter und an meiner Tante begehen würde. Hatten sie nicht alles für mich getan, dass ich das Gymnasium besuchen und das Abitur machen konnte? Dass ich überhaupt Domspatz werden konnte, zur Ehre Gottes jeden Sonntag im Dom singen, auf Konzertreisen gehen und Fernseh- und Schallplattenaufnahmen mitmachen durfte? Musste ich nicht für all das unendlich dankbar sein?

Das Foto zeigt den Buben Ludwig Alexander Metz am ersten Tag mit dem Engel im Arm, den ihm seine Chamer Pflegemutter mitgegeben hatte. Er ist bald zerbrochen, aber Alex nicht. Foto: Metz
Das Foto zeigt den Buben Ludwig Alexander Metz am ersten Tag mit dem Engel im Arm, den ihm seine Chamer Pflegemutter mitgegeben hatte. Er ist bald zerbrochen, aber Alex nicht. Foto: Metz

Sie würden bestimmt kein Verständnis dafür aufbringen, wenn ich nach all den Jahren ihrer Fürsorge meine Mama wieder aufsuchte, die Frau, die mich nicht nur in Pflege genommen, sondern, wenn es sein musste, auch mit dem Kochlöffel verdroschen hatte, und bei der ich es höchstens zum Buchdrucker gebracht hätte, wie meine Mutter manchmal etwas abfällig meinte. Ich schwankte zwischen Bauch, Herz und Verstand. „Die Frau Brummer ist eine gewöhnliche Frau.“ Mit diesen Worten hatte meine Mutter damals die Trennung begründet, als sie mich ins Internat schickte und ich meine Pflegemutter nicht mehr besuchen und ihr auch nicht mehr schreiben durfte. Es waren harte Zeiten für mich, damals in Etterzhausen und die ersten Jahre in Regensburg. Elf Jahre sind seither verstrichen. Elf lange Jahre.

Ein blauer Himmel und viel Sonne begleiteten uns. Wir sprachen nicht viel während der ganzen Fahrt, der Vetter und ich. Meine Gedanken führten mich zurück in meine früheste Kindheit. Ich sah die Mama vor mir, aber nicht mehr sehr deutlich. Ich musste mir Mühe geben, ihr Bild in meinem Kopf lebendig werden zu lassen, ich musste es neu gestalten. Ich hörte ihre tiefe Stimme. Die kam von der Kropfoperation, hatte sie jedenfalls behauptet.

Der Autor und sein Buch

  • Vita:

    Ludwig Alexander Metz wurde 1946 in Cham geboren und hier als uneheliches Kind bei einer Pflegemutter „versteckt“. Die Mutter war die Tochter aus einem Landshuter Brauerei-Gasthof, der Vater ein Zwangsarbeiter aus Serbien.

  • „Der versteckte Bua“:

    Das war der Titel eines Buches, in dem Metz seine Kindheit der Nachkriegszeit in Cham beschreibt. Eine Serie mit diesen Geschichten hat viel Resonanz gefunden.

  • „Der zerbrochene Engel“ schildert seine Erlebnisse bei den Domspatzen von 1955 bis 1966.

  • Vertrieb:

    Das Buch ist erschienen bei Books on Demand (BoD) und in einer Paperback-Ausgabe (11,99 Euro) erhältlich im Buchhandel.

Mir fiel auch ein, dass sie Pätt-schchen statt Päckchen sagte, wegen ihrer dritten Zähne. Warum nur dachte ich an so komische Dinge? Ob sie ihre Haare immer noch zu einem Zopf flicht, diesen zu einem Nest zusammenrollt und mit Haarnadeln hinten feststeckt? Jeden Morgen? Trägt sie noch immer ihre Kittelschürze, wie damals beim Wäschewaschen, beim Kochen oder wenn sie putzen ging?

Wie wird sie wohl aussehen, meine Mama, die Frau Brummer, die „gewöhnliche Frau“? Sie ist bestimmt alt geworden. 66 Jahre alt, rechnete ich nach, geboren 1900, wie meine Tante Maja. Wird sie mich überhaupt noch erkennen? Solche und andere triviale Gedanken bewegten sich in meinem Kopf, während ich das Auto über die Landstraßen steuerte.

Liewerl hatte sie mich genannt, wenn ich artig war und sie gut gelaunt. Wie schmerzlich traf sie meine Seele, wenn sie mir mit dem Kochlöffel den Hintern versohlte, immer dann, wenn ich nicht parierte oder trotzig war. Biegen oder Brechen hieß das Motto ihrer Erziehung. Das hatte sie von ihrem Vater, einem Holzfäller, gelernt. Und dies war auch mit ein Grund dafür, weswegen mich meine Mutter von ihr weggenommen und ins Internat gesteckt hatte.

Ich hatte kein Geschenk für meine Mama besorgt. Das war mir peinlich. Von meinen Leuten in Landshut hatte ich gelernt, dass man immer etwas mitbringt, wenn man einen Besuch macht. Ein bescheidenes Mitbringsel wenigstens, meinten sie. Kleine Geschenke würden die Freundschaft erhalten.

Alexander mit dem schwarzen Talar und dem weißen Chorhemd Foto: Metz
Alexander mit dem schwarzen Talar und dem weißen Chorhemd Foto: Metz

Was sollte ich ihr auch mitbringen, meiner Mama? Bohnenkaffee vielleicht oder Blumen? Bohnenkaffee war für uns noch etwas ganz Wertvolles vor elf Jahren. In Landshut trank man zu jeder Gelegenheit Bohnenkaffee und Bier. Im Kofferraum lag noch immer die Schachtel mit den Maggi-Dosen. Gulasch, Ravioli und Suppen. Die hatte ich von Maggi höchstpersönlich geschenkt bekommen, weil ich ihnen in einem Brief eine geniale Idee, wie ich glaubte, unterbreitet hatte. Ich schlug dem werten Herrn Maggi vor, einen Beutel mit einer fertigen Salatgewürzmischung auf den Markt zu bringen, die man nur noch mit Öl und Wasser anrühren müsse, und begründete dies damit, dass man in Bayern zwar sehr gut kochen, aber keine Salatsoße anrichten könne. Ich unterließ es nicht, dem Herrn Maggi anschaulich darzustellen, wie zum Beispiel meine Tante Fini, eine Herrschaftsköchin sozusagen, einen Essigstand, wie sie das nannte, zauberte. Der Salat wurde in eine Plörre bestehend aus Wasser, sehr viel Wasser, etwas Essigessenz, reichlich Salz und Öl geworfen, was die zarten grünen Blätter auf der Stelle welken ließ. Herr Maggi und seine Mitarbeiter schienen von meiner Idee nicht so angetan zu sein, honorierten sie aber mit einem Fresspaket.

Endlich fuhren wir in die Stadt hinein. Meine alte Heimatstadt. Mein Herz klopfte. Werde ich Bekannte oder Freunde treffen? Ob meine Mama noch am Marktplatz mit dem Georgsbrunnen wohnt? Ein mulmiges Gefühl beschlich mich.

Alle Serienteile finden Sie hier.

Ich brachte den Vetter zu seinem Onkel, der in Cham West, dem Neubauviertel, wohnte. Da, wo meine Mama vor langer Zeit bei einer Arztfamilie putzen ging. Ich sah die neue Kirche, die damals, gerade als ich Cham verlassen musste, eingeweiht wurde. St. Josef. Wie gerne hätte ich vor elf Jahren die Schubert-Messe mitgesungen, die uns der gestrenge Herr Chorregent beigebracht hatte. „Zum Altare lasst uns treten, hin zu Gott, der uns erfreut.“

Alles war irgendwie anders, fremd. Ich fuhr zurück in die Stadt, stellte den Wagen in einer Seitenstraße ab und ging klopfenden Herzens zum Marktplatz. Ich sah und traf keine Freunde. Niemand sagte: „Hey alter Freund, bist wieder zurück!“, oder so.

Das Haus, in dem wir einst wohnten, sah ganz anders aus. Wo früher der Eingang war, machten sich Schaufenster breit. Ein Bekleidungsgeschäft beherrschte nun die ganze Breitseite des Hauses.

Wo ist die alte Pflegemama?

Ich fragte schüchtern, ob hier eine Frau Maria Brummer wohnt. So hieß meine Mama. „Schon lange nicht mehr“, war die Auskunft der Verkäuferin. „Die muss jetzt unten in der Regenstraße wohnen, gegenüber von der alten Mädchenschule“, erklärte sie. Die alte Mädchenschule kannte ich sehr wohl. Sie hatte nicht nur als Kulisse für den Film „Die Brücke“ gedient, wir hatten dort drinnen auch für die Einweihung der neuen Kirche St. Josef die Schubert-Messe geprobt. Die Mädchen aus dem Waisenhaus bekamen Ohrfeigen vom Herrn Chorregent, wenn sie danebensangen. Mich hatte er verschont. Ich sang ja auch nicht daneben.

„Der zerbrochene Engel“: Der 71 Jahre alte Alexander Metz präsentiert sein zweites Werk. Foto: Fischer
„Der zerbrochene Engel“: Der 71 Jahre alte Alexander Metz präsentiert sein zweites Werk. Foto: Fischer

Ich machte mich auf den Weg, den mir die Ladnerin beschrieben hatte. Aber auch an dem Klingelschild des Hauses gegenüber der Mädchenschule konnte ich den Namen meiner Mama nicht finden. „Die wohnt da nicht mehr“, erklärte mir die dicke Frau, die breitarmig hinter ihrem Fenster im Erdgeschoß saß, um zu verfolgen, was sich draußen vor ihrem Haus so alles tat. „Die müsste jetzt im alten Turm hinterm Randsbergerhof untergebracht sein. Von der Stadt aus. Die Wohnung hier hat sie sich nicht mehr leisten können.“

Diese Worte trafen schmerzhaft mein Herz. „Von der Stadt aus“ bedeutete, dass meine Mama nun ein Fall für die Fürsorge geworden war. Während ich im Vergleich dazu in Wohlstand lebte, jedenfalls in den Ferien in Landshut, musste meine Mama womöglich darben. Und ich konnte nichts dagegen tun. Was sie mir beigebracht hatte, nämlich Mitgefühl denen zu zeigen, die weniger haben, erwachte in mir. Wie fleißig und schwer hatte sie als Putzfrau gearbeitet, obwohl sie eine ge-lernte Krankenschwester war. Aber in Cham gab es keine andere Arbeit für sie. Sie war stolz darauf, selbstständig zu sein und niemandem zur Last zu fallen. Ein Leben lang hatte sie sich abgerackert, um nun von der Fürsorge abhängig den Lebensabend in einem alten Turm zu verbringen…

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