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Der Algorithmus, bei dem man mit muss

Wie werden die Menschen 2030 Musik konsumieren – und von wem stammt sie? Vom Computer oder einem leibhaftigen Komponisten?
Von Tilo George Copperfield

Es wäre „ein Kinderspiel für einen Computer, die Musik auch lange nach dem Tod von Angus Young (Foto) und Co. wieder aufleben zu lassen“, meint unser Autor Tilo G. Copperfield mit Blick auf die Kultband AC/DC und das potenzielle „Datenmaterial“, das die Gruppe auf 16 Studioalben für einen Algorithmus hinterlassen hat. Foto: Archiv, Sara Johannessen, dpa
Es wäre „ein Kinderspiel für einen Computer, die Musik auch lange nach dem Tod von Angus Young (Foto) und Co. wieder aufleben zu lassen“, meint unser Autor Tilo G. Copperfield mit Blick auf die Kultband AC/DC und das potenzielle „Datenmaterial“, das die Gruppe auf 16 Studioalben für einen Algorithmus hinterlassen hat. Foto: Archiv, Sara Johannessen, dpa

Cham.Am Anfang eines neuen Jahrzehnts kann man sich schon mal etwas Gedanken über die Zukunft machen. Spannende Fragen tun sich auf, wenn man auf die Musiklandschaft schaut: Wie wird man wohl im Jahr 2030 Musik konsumieren? Welche Formate setzen sich durch? Was passiert mit all den Live-Bühnen? Nimmt das Clubsterben zu oder werden sich die Menschen wieder mehr für „handgemachte“ Musik interessieren?

Oder tritt vielleicht das komplette Gegenteil ein? Eine ganz interessante Frage, die in dem Zusammenhang immer wieder auftaucht, ist auch: Werden in Zukunft künstliche Intelligenz (KI) und Algorithmen den Musikschaffenden ersetzen?. Absoluter Blödsinn werden sich viele denken! Ich höre mir doch nichts an, was ein Computer komponiert hat und kein denkendes, fühlendes menschliches Wesen aus Fleisch und Blut, das seine Erfahrungen und seine innersten Gefühle mit uns teilen möchte in Form von wunderschöner, berührender und bedeutsamer Musik!

Absurde Vorstellung

Aber man staune; denn in der Realität sind wir gar nicht so weit entfernt von dieser absurden Vorstellung. Einer Realität wie im Stanley Kubrick-Film „2001 Odyssee im Weltraum“, wo Supercomputer „Hal“ plötzlich einen eigenen Geist entwickelt. In Wahrheit waren die Entwicklungen auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz in den letzten Jahren nahezu bahnbrechend.

Copperfield’s Corner

Vier Erkenntnisse von T. G. Copperfield

2019 konnte Tilo George Copperfield einiges bewegen. Uns verrät der Rocker, was ihn dieses Jahr gelehrt hat.

In Verbindung mit dem massiven Einsammeln von Daten und der Verfügbarkeit dieser im World Wide Web hatte das zur Folge, dass nun Sachen, die für uns vor Jahren noch absolute Science-Fiction waren, nun möglich sind. Man denke nur an das autonome Fahren, Anwendungen in der modernen Medizin, Gesichtserkennungssoftware oder Sensoren, die Handbewegungen lesen können. Computer sind mittlerweile lernende Maschinen.

Aber zurück zur Musik. Die chinesische Firma Huawei hatte im letzten Jahr Aufsehen erregt, als sie zu einem medienträchtigen Event eingeladen hatte, bei dem das durch ein Smartphone fertig komponierte Schubert-Stück „Die Unvollendete“, live von einem Orchester „vollendet“ aufgeführt, zu bestaunen war.

„Ich persönlich schätze die Vorzüge der modernen Welt und die Möglichkeiten, die uns die Technik aufzeigt, sehr. Allerdings brauche ich als Musikkonsument noch immer die Hintergrundstory.“

Tilo George Copperfield

Dabei bediente sich Huawei mit Hilfe von sogenanntem „Deep Learning“ eines eigens auf Schubert zugeschnittenen KI-Modells, das mit den Daten von über 90 Schubert Stücken gefüttert wurde und dann den typischen „Schubert-Sound“ perfekt imitieren konnte.

Tilo George Copperfield ist leidenschaftlicher Musikfan, Komponist, Gitarrist und Sänger und hat mit seinen Bands 3 Dayz Whizkey, T.G. Copperfield und HoAß bereits über ein Dutzend eigene Alben produziert. Seine Songs laufen im In- und Ausland im Radio. Für das Bayerwald-Echo schreibt der aus Treffelstein stammende Musiker eine exklusive Kolumne. Foto: Carmen Wiendl
Tilo George Copperfield ist leidenschaftlicher Musikfan, Komponist, Gitarrist und Sänger und hat mit seinen Bands 3 Dayz Whizkey, T.G. Copperfield und HoAß bereits über ein Dutzend eigene Alben produziert. Seine Songs laufen im In- und Ausland im Radio. Für das Bayerwald-Echo schreibt der aus Treffelstein stammende Musiker eine exklusive Kolumne. Foto: Carmen Wiendl

Das ist nichts Neues. Diese Art von Experimenten gab es schon öfter und man hörte immer wieder von Orchestern, denen ohne deren Wissen Noten vorgelegt wurden, die von einem Algorithmus und nicht von einem „echten“ Komponisten stammten. Begeisterte Konzertbesucher konnten dabei das Original nicht von der künstlich erzeugten Musik unterscheiden.

OK. Aber funktioniert das denn auch bei populärer Musik? Aber selbstverständlich! Je mehr Daten vorliegen, umso besser funktioniert das. Die Diskographie der australischen Rockband AC/DC weist 16 Studioalben auf. Das sind eine Menge Songs und damit eine Menge Daten, die von einem Algorithmus spielend leicht analysiert und nach Gleichförmigkeiten durchforstet werden können.

Es ist somit ein Kinderspiel für einen Computer, die Musik auch lange nach dem Tod von Angus Young und Co. wieder aufleben zu lassen. Wer weiß, in Zukunft werden wir uns auch alle schon komplett an Software-Tools wie „Auto-Tune“ gewöhnt haben, bei denen es nicht mehr notwendig ist, einen echten Sänger aus Fleisch und Blut im Studio singen zu lassen.

Wie echte Gitarren

Copperfield’s Corner

Warum hebe ich all diese Sachen auf?

Gedanken zum Rockballast: Für Musiker Tilo G. Copperfield sind CDs und Bücher Ausdruck seiner Persönlichkeit und Entwicklung.

Zudem gibt es bereits jetzt schon Sound-Simulationen, die genauso klingen wie ein echtes Schlagzeug oder echte Gitarren. Im Hip Hop ist der Einsatz von Auto-Tune ein Stilmittel, bei dem man den Gesang entsprechend, wie durch ein Keyboard gejagt, absolut richtig „stimmt“ – und bei der Mehrheit der Musikkonsumenten kommt das auch toll an, wenn man einen Blick auf die Charts wirft.

Es bleibt also spannend. Ich persönlich schätze die Vorzüge der modernen Welt und die Möglichkeiten, die uns die Technik aufzeigt, sehr. Allerdings brauche ich als Musikkonsument noch immer die Hintergrundstory. Der Background eines Songs, die Gedanken des Komponisten und die Einordnung in einen bestimmten geschichtlichen oder sozialen Kontext sind für mich persönlich nahezu genauso wichtig wie die schnöde Melodie und der Rhythmus.

Klar kann mir ein Algorithmus einen Song im Stil von Bob Dylans „Blowing in the wind“ vorsetzen. Mit perfektem Gesang, von einer perfekten Band eingespielt, mit Dylan-mäßigem Text und absolut fehlerfrei. Aber was hätte das dann noch für eine Bedeutung? Darüber kann sich jeder selbst seine Meinung bilden und schlussendlich ist das auch eine Frage von Kultur.

Aber die liegt ja bekanntermaßen immer im Auge des Betrachters beziehungsweise Hörers.

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