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MZ-Serie

Der Domkapellmeister – geliebt, gehasst

Diesmal erzählt der Chamer Domspatz Alexander Metz, wie ihn der Scheef erst so stolz machte – und dann verzweifelte.
Von Alexander Metz

Der Scheef war eine Respektsperson, geliebt und gefürchtet zugleich von den Domspatzen. Foto: Metz

Cham.Der Scheef will mit uns den Messias aufführen. Noch in diesem Jahr! Das war die neueste Nachricht, die sich auf den Gängen, in den Aulen und den Studiersälen wie ein Lauffeuer verbreitete. Im Herbst 1957. Dass der Messias ein Oratorium von Georg Friedrich Händel ist, erfuhren wir schon bald im Musikunterricht; denn Musik- und Chorerziehung waren fortan total auf den Messias ausgerichtet.

Schon bald hörte man aus allen Chorsälen und Probenräumen die wunderschönen Weisen vom „Halleluja“ bis zum „Amen“. Auch mich erfasste das Messias-Fieber. Ob ich wohl mit dabei sein darf? Wie schön wäre es, beim Konzert in der Nürnberger Meistersingerhalle, in München im Herkulessaal und im Regensburger Dom mitsingen zu dürfen. Meine Mutti und die Tante Maja wären bestimmt sehr stolz auf mich, wenn sie mich im Chor auf der Bühne sehen könnten. Hoffentlich braucht der Herr Domkapellmeister noch einen ersten Sopran. Meine Gedanken drehten sich im Kreis. Mein Traum war der Messias. Dass ich nicht zur ersten Wahl zählte, bekam ich immer wieder zu spüren, und das grämte mich sehr. Die mich ständig begleitende Angst, dem Ganzen nicht gewachsen zu sein, etwas falsch zu machen, zu versagen, machten mich immer wieder in entscheidenden Momenten unsicher und tatsächlich zum Versager.

Meine Sorgen aber waren schon bald wie weggeflogen, als kein Geringerer als Franz Lehrndorfer mein persönlicher Repetitor wurde. In Einzelproben brachte er mir alle Sätze, die ich als erster Sopran beherrschen musste, geduldig und mit viel Lob und Anerkennung bei. Ja, er ließ mich zwischendurch sogar die Sopransolopartien singen. Ich war in solchen Momenten das glücklichste Kind. Franz Lehrndorfer war ein begnadeter Musiker und ein großartiger Lehrer. Er gehörte zu jenen Pädagogen, die es verstanden, uns mit Wertschätzung, aber auch mit Witz und Humor, zu Höchstleistungen zu motivieren. Ich blühte unter seiner Obhut geradezu auf.

Unser Scheef, der Domkapellmeister mit den vielen Auszeichnungen und Titeln „Hochwürdiger Herr Prälat Professor Doktor“ unterwarf sich in kirchenmusikalischer Hinsicht voll und ganz dem sogenannten „Motu Proprio Tra le Sollecitudini“, das im Jahre 1903 von Papst Pius X. verkündet worden war und so viel bedeutete, als dass beim katholischen Gottesdienst außer einer begleitenden Orgel alle Instrumente sowie Frauenstimmen im Chor verboten waren. Umso mehr waren wir erfreut, nun Händels Werk „Der Messias“ mit einem richtigen Orchester aufführen zu dürfen.

Spruch von Dummheit und Stolz

„Einpassieren“ nannten es die Domspatzen, wenn sie ins Internat nach Regensburg kamen. Das Foto zeigt den Buben Ludwig Alexander Metz am ersten Tag mit dem Engel im Arm, den ihm seine Chamer Pflegemutter mitgegeben hatte. Er ist bald zerbrochen, aber Alex nicht. Foto: Metz

Unser Scheef war eine Respektsperson, geliebt und gefürchtet zugleich. In ihm waren Genie und Wahnsinn eng gepaart. Er konnte lieb und nett zu einem sein, aber auch richtig böse werden. Lieb war er meist dann, wenn er mich dazu brauchte, die Sopransolopassagen aus dem Messias zu singen, um die Solisten selbst zu schonen. Aber in meiner Naivität merkte ich das nicht. Da stand ich nun vor ihm. Ganz nah bei Gott, dessen Ausstrahlung dich in den Himmel heben oder dich auch wie ein Höllenfeuer verbrennen konnte. Seine Augen leuchteten gütig. Seine Lippen formten sich geradezu zu einem Herzchenmund der Milde und Güte, Glück und Zufriedenheit ausdrückend. Kam ich mit meinem Gesicht seinem zu nahe, drehte er meinen Kopf sachte beiseite, nach links, um nicht meinen für ihn anscheinend unangenehmen, Angst geschwängerten Atem, abzubekommen. Er tat dies nicht energisch, sondern sanft. Und ich war stolz und glücklich, dem Meister so nahe zu sein, und doch von Angst begleitet, seine Erwartungen nicht erfüllen zu können.

Wer war ich? Ein Nichts. Ein Nichts im Vergleich zu den Solisten und musikalisch hochbegabten Schülern unter uns, die gleichsam Balsam für seine Künstlerseele waren. Ich durfte nicht übermütig werden. Meine kindliche Freude konnte von ihm als Stolz ausgelegt werden. Stets schwebte sein Spruch über mir wie Gottes Wort: Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz. Wie oft mussten wir diese Lehre über uns ergehen lassen!

„Oh Gott, wie war ich glücklich!“

Er sprach diese Worte mit seiner sonoren Stimme und sehr theatralisch: „Duummhaiit und Stoolz wachsaan aauf aiinaam Hoolz.“ Wenn ich den Mund beim Singen zu wenig öffnete, strich er sanft mit Daumen und Zeigfinger über meine beiden Wangen gleichzeitig. Das aber war nicht Kritik, sondern Ermutigung und eine Art Entspannungstechnik zum besseren Singen.

Es war eine ganz besondere Auszeichnung, diese Lehre zu empfangen, jedenfalls für mich. Der Wolfgang neben mir sang den zweiten Sopran. Auch er gehörte, wie ich, zu den Auserwählten, die sich vielleicht Hoffnung machten, einmal zu den Solisten zu zählen. Der Scheef schlug am Flügel einen Akkord an. Eine Aufforderung, nun ohne Begleitung alleine zu singen. Er kam auf mich zu. Sein Schritt war federnd, weich. Lächelte er gütig? Es wäre ein Zeichen seiner Zufriedenheit gewesen. Er nickte bedächtig mit dem Kopf. War das Zustimmung? Ein Gefühl des Glücks durchströmte mich. Was konnte es Schöneres und Größeres geben, als den Herrn Domkapellmeister gesanglich zufriedenzustellen, seine Seele zu entzücken. Er drückte wieder sanft Zeigefinger und Daumen seiner rechten Hand in meine Wangen und zog sie nach vorne. Ich öffnete meinen Mund noch weiter und sang kräftiger. Er war‘s zufrieden.

Alle Serienteile finden Sie hier.

Alles stimmte. O Gott, wie war ich glücklich. Durfte ich damit rechnen, bald schon zu seinen Solisten zu zählen? Welch überheblicher Gedanke! Ein Traum nur. Denn es sollte ganz anders kommen. Ich konnte nicht ahnen, dass er mich eines Tages hassen und bis zur Verzweiflung quälen würde.

Unser Deutsch- und Erdkundelehrer Theo Pötschke gehörte zu den guten, von uns allen geliebten Lehrern, die uns wie ihre eigenen Kinder behandelten. Berühmt war sein Lehrsatz, der mit den Worten „Der Monsun ist ein jahreszeitlich wechselnder Wind“ begann. Ein Spruch, den keiner mehr vergaß, ein Leben lang.

Es war für uns ein Leichtes, Theo Pötschke dazu zu verführen, von seinen Kriegserlebnissen zu erzählen. Er war als junger Soldat in Italien eingesetzt und hatte dort einen Mittelfinger verloren, weil es noch kein Penizillin gab. Einen Tag vor der Reise nach Nürnberg zum Messias-Konzert in der Meistersingerhalle, entlockten wir ihm in der Deutschstunde wieder einmal eine Geschichte aus dem Italienfeldzug.

Jeden Abend seien er und seine Kameraden in eine typisch italienische Wirtschaft gegangen, deren Wirt sie für wenige Lire mit Rotwein und köstlichem Hasenbraten verwöhnte. Er mochte die Deutschen Landser anscheinend. Seine Vorräte schienen unerschöpflich. Vor allem was den Hasenbraten betraf. Einmal kamen unser Lehrer und seine Kameraden früher als sonst in die Gastwirtschaft. „Und als wir die Wäscheleine passierten, wussten wir, woher der Hasenbraten kam“, erzählte unser Lehrer. „An der Leine hingen mehrere Katzenfelle zum Trocknen.“

Die Hasenbraten-Allergie

Sie hatten also immer Katzen- statt Hasenbraten vorgesetzt bekommen. Diese Erkenntnis löste in mir einen Ekel vor Hasenfleisch aus, das ich bis dahin noch nicht einmal gekostet hatte, mit dem ich aber schon bald Bekanntschaft machen sollte.

Der stets missmutige Hausmeister und Chauffeur brachte uns mit dem Kaff-Bomber, wie wir unseren Domspatzen-Omnibus nannten, an einem Samstag nach Nürnberg. Wir probten gleich nach unserer Ankunft in der Meistersingerhalle zusammen mit dem Orchester. Zum ersten Mal. Es war überwältigend, auf der Bühne zu stehen und das Halleluja hinauszujubeln. Ich konnte mein Glück gar nicht fassen. Ich war dabei. Ich durfte beim Messias mitsingen. Im ersten Sopran.

Der Autor und sein neues Buch

  • Kindheit:

    Ludwig Alexander Metz wurde 1946 in Cham geboren und hier als uneheliches Kind bei einer Pflegemutter „versteckt“. Die Mutter war die Tochter aus einem Landshuter Brauerei-Gasthof der Vater ein Zwangsarbeiter aus Serbien.

  • Resonanz:

    „Der versteckte Bua“, so lautete der Titel eines Buches, in dem Metz seine Kindheit der Nachkriegszeit in Cham beschreibt. Eine Serie mit diesen Geschichten hat viel Resonanz gefunden.

  • Versöhnung:

    „Der zerbrochene Engel“ schildert seine Erlebnisse bei den Domspatzen von 1955 bis 1966. Dabei sieht er sich nicht als Kronzeuge der Missbrauchsaffäre, die gerade aufgedeckt wurde. Metz sagt: „Ich will versöhnen, nicht anklagen“

  • Buchhandel:

    Das Buch ist erschienen bei Books on Demand (BoD) und in einer Paperback-Ausgabe (11,99 Euro) erhältlich im Buchhandel.

Wir blieben in Nürnberg über Nacht, wie auf Konzertreisen üblich, in Privatquartieren. Nach der Probe wurden wir von den Quartiereltern abgeholt. Ich war einem älteren, kinderlosen Ehepaar zugeteilt worden. Die Frau des Hauses wollte mir, hocherfreut, einen kleinen Domspatzen ergattert zu haben, einen ganz besonderen Gaumenschmaus bereiten, und dies war ein Hasenbraten in Rahmsoße mit Kartoffelknödeln.

„Der zerbrochene Engel“: Der 71 Jahre alte Alexander Metz präsentiert sein zweites Werk. Foto: Fischer

Die Gute konnte ja nicht ahnen, dass mir nach der Erzählung unseres Deutschlehrers die Lust auf Hasenbraten total vergangen war, und folglich auch nicht verstehen, dass ich beim Fleisch nicht so richtig zugriff, sondern mich mehr auf die Knödel und die Soße konzentrierte. Ich begründete dies fast glaubhaft damit, dass wir vor dem Konzert nicht zu viel essen sollten. Wie man etwas isst, was einem nicht schmeckt, hatte ich ja in Etterzhausen bei der Aktion „Krensoße“ gelernt. Man darf beim Schlucken nicht atmen.

Das Konzert am Abend in der Nürnberger Meistersingerhalle war in jeder Beziehung ein großer Erfolg. In der ersten Reihe des Soprans stehend schmetterte ich „die Herrlichkeit Gottes des Herrn“ und das „Halleluja“, als würde ich alleine singen, in den Saal. Im Publikum saßen meine Mutter und die Tante Maja. Sie waren extra aus Landshut angereist, um mich das erste Mal als Sänger auf der Bühne zu erleben. Die wunderschöne Musik, in der ich zu schweben glaubte, drang tief in mein Herz, dass ich hätte weinen können vor Freude und vor Glück. Ich war in diesem Augenblick stolz, ein Domspatz zu sein, sehr stolz sogar.

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