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Geschichte

Der Fall Bosl: Dunkle Flecken aus der Nazi-Zeit

Wie geht Cham mit dem Andenken an seinen verstorbenen Ehrenbürger um? Der Stadtrat entscheidet nichtöffentlich.

Die Stadt Cham hat einen neu gebauten Platz an der Propsteistraße nach Prof. Dr. Karl Bosl benannt. Unser Bild zeigt die Einweihung.

Nun wird er selbst Gegenstand der Geschichtsschreibung, der berühmte Historiker Prof. Dr. Karl Bosl. Wahrheit ist Wirklichkeit, die es zu rekonstruieren gilt, hat der gebürtige Chamer und Ehrenbürger selbst gesagt. Und das sei die edelste Aufgabe des Historikers.

Als es um seine eigene Geschichte ging, hat er schlichtweg verschwiegen und hingebogen. Letztendlich besteht sogar der begründete der Verdacht der handfesten Lebenslüge: Der Mann war während der Nazizeit in etlichen Naziorganisationen tätig: Stahlhelm, NSDAP, NS, Lehrerbund, Mitglied in SA und SS, Mitarbeiter im „Ahnenerbe-Projekt“ der SS (wir berichteten). Am Ende hat er sich als Widerstandskämpfer präsentiert.

„Ich war nirgends dabei...“

Der Historiker und Politologe Dr. Clemens Heni zitiert Dr. Bosls Aussage in „Materialien zur bayerischen Geschichte und Kultur“: „Diese Wanderjahre habe ich eigentlich in aller Stille verbracht, ich hab mich überall sehr zurückgezogen, denn von zu Haus aus hat die antihitlerische Haltung meines Elternhauses bei mir schon stark nachgewirkt. Und ich hab meine Doktorarbeit gemacht. Ich war nirgends dabei damals...“

Die jüngste Zeit hat den Vorwürfen gegen den Chamer Ehrenbürger noch einige weitere hinzugefügt. Die Geschichte zum Beispiel, er habe sich bei der Überprüfung durch die Amerikaner als Widerständler auszuweisen versucht, indem er behauptete, sich mit Themen befasst zu haben, die bei den Nazis nicht gerne gesehen waren, den Stauferkaisern zum Beispiel. Das, so behaupten Historiker-Kollegen, sei eine glatte Erfindung gewesen.

Schwerer jedoch wirkt die Anschuldigung, dass er die Tragödie eines seiner Schüler in seinen Lebenslauf eingebaut haben soll, um bei den Amerikanern im Höchstfall als Mitläufer zu gelten.

Sein Ansbacher Schüler Robert Limpert starb am 18.April 1945. Der damalige Kampfkommandant Oberst Dr. Ernst Meyer henkte ihn eigenhändig an einem Haken an der Ansbacher Rathausmauer. Limpert hatte in den Tagen vor dem Eintreffen der Amerikaner drei Flugblätter verteilt, in denen er zur Übergabe aufforderte. Als er befürchtete, dass es in Ansbach zu Kämpfen kommen könnte, durchtrennte er das Kabel vom Kommandostand zu einem Gefechtsstand der Wehrmacht. Später stellte sich heraus, dass dieser Gefechtsstand bereits aufgegeben worden war. Am Nachmittag holten die Amerikaner Limpert vom Haken.

Drei Tage später hielt sein Geschichtslehrer Dr. Bosl die Grabrede und beschwor den höheren Sinn des Martyrertodes für den moralischen Wiederaufbau Deutschlands. Ein halbes Jahr darauf stellte der zuständige Offizier für die Entnazifizierung in Ansbach Bosl ein Zertifikat aus: Er habe unter Lebensgefahr Flugblätter verteilt und in der Nacht vom 17. auf den 18. April das Fernmeldekabel des Kampfkommandanten zerschnitten.

Einen letzten Beweis, dass Bosl keine Widerstandshandlungen begangen hat, wird es nicht geben. Dr. Karl Bosl ist 1993 in München gestorben. Vieles aber spricht dagegen. Der Jerusalemer Historiker Benjamin Z. Kedar, dessen Buch über Bosl für neuen Aufruhr gesorgt hatte, berichtet aus einem Interview, das er 1986 mit ihm geführt habe. Damals habe Bosl sein Verhalten so gewertet: „Ich war ein kleiner, schwacher Mensch und habe aus bürgerlicher Feigheit und Opportunismus gehandelt.“

Die Wertung der Quellen

Viele von Bosls Schülern haben ihn sehr verehrt. In seinem Unterricht habe es nie nazifreundliche Äußerungen gegeben. Bosls Gegner werfen ihm vor, er habe mit seinen Unwahrheiten dafür gesorgt, dass seine ehrgeizige Karriere auch in der Nachkriegszeit fortgesetzt werden konnte. Er hätte es bis zum Bayerischen Kulturminister bringen können, wollte aber weiter als Dozent tätig sein.

Keine leichte Aufgabe also für den Chamer Stadtarchivar Timo Bullemer. Er hat die Quellen für die Anschuldigungen durchforstet und soll dem Stadtrat sagen, für wie glaubwürdig er sie hält. Dann wird es eine Entscheidung geben, wie die Stadt mit dem Andenken ihres Ehrenbürgers umgehen wird. Nichtöffentlich.

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