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Geschichte

Der Glockenklang mit Misstönen

Zweimal mussten die Miltacher ihre Schmuckstücke für Rüstungszwecke abliefern – seit 1951 sind sie wieder komplett.
Von Erwin Vogl

Am 17. April kamen die drei Glocken in den Turm. Foto: Vogl

Miltach.Glockenklang kann die verschiedensten Gefühle ausdrücken: Hochstimmung an festlichen Tagen und Betroffenheit und Trauer beim Klang der kleinen Sterbeglocke. Nicht zu vergessen das Heimatgefühl beim Läuten der Dorfglocken. Die Glocken im Turm sind für viele Menschen vertraute Wegbegleiter ein ganzes Leben lang. Ihre Töne hörten schon viele Generationen vor uns und immer ist es noch der gleiche Ton, dies gilt besonders für die Marienglocke, die 1894 bei Otto Spannagel in Landshut gegossen wurde. Den ersten schriftlichen Nachweis über die Kirchenglocken gibt es in den Aufzeichnungen von Pfarrer Holzgartner, er schreibt: „1691 besaß Miltach bereits drei Glocken, da Schlosser Schneemann aus Pogen die größer und mitter Glockhen umgehängt“. Gemeint ist damit die Neubefestigung der Glocken.

Im Jahr 1894 wurden bei dem Glockengießer Otto Spanagl in Landshut drei Glocken bestellt: die Marienglocke, Gewicht 635 Kilogramm, Schlagton fis, sie trägt eine lateinische Inschrift, die Übersetzung lautet: „O reine Magd, o unbefleckte Jungfrau, o Zierde der Frauen, Glanz der Töchter, heilige und gebenedeite Jungfrau, bitte für uns.“ Diese Glocke hängt noch jetzt im Turm und wird für den vollen Stundenschlag benützt. Weiter lieferte die Landshuter Glockengießerei eine Martinsglocke mit einem Gewicht von 302 Kilogramm und eine kleinere Wendelinglocke mit 203 Kilogramm. Am 8. Februar 1895 erhielten diese drei Glocken in Regensburg die kirchliche Weihe.

Die Blasmusik marschierte vor den Vereinen ins Dorf. Foto: Vogl

Am 10. Februar, es war der Sonntag Septuagesima, wurden sie nach der Rosenkranzandacht in einem feierlichen Zug vom Bahnhof abgeholt. Das Aufziehen mit reiner Muskelraft auf den Turm geschah bereits am nächsten Tag, und schon um 17 Uhr erklang erstmals das Geläut. Die vorherigen drei alten Glocken wurden verkauft, nur die kleinste blieb und fand Verwendung als Sterbeglocke, bis sie 1924 aus dem Glockenstuhl fiel und dabei zerbrach. Diese Glocke hatte eine längliche Form, vermutlich gotisch, ohne Text und war durch die lange Verwendung vom Klöppel schon stark ausgeschlagen. Sie trug im Volksmund den Namen „Zügenglöcklein“, weil sie für Sterbende in ihren letzten Zügen geläutet wurde.

Aus Glocken wurden Geschütze

Pfarrer Auer aus Blaibach vollzog die Segnung, rechts Pfarrer Schlosser Chamerau. Foto: Vogl

Während des Ersten Weltkrieges musste die Pfarrei Miltach zwei Glocken für die Rüstungsindustrie abliefern. Dazu ein Eintrag in der Chronik: „3. August 1917: Heute, während des Gottesdienstes, hat die Martinsglocke den Turm für immer verlassen. Als am 31. Juli die beiden Soldaten ankamen, um den Ausbau vorzunehmen, gab es fast einen kleinen Aufruhr im Dorf. Kirchenverwaltung und Gemeinde versammelten sich und beschlossen, die zwei zur Abnahme bestimmten Glocken nicht herzugeben, sondern nur die mittlere. Die Leute sagen: „Jetzt sind die Glocken so hoch geweiht und nun werden Kanonen daraus gegossen.“ In einem weiteren Eintrag am 26. November schildert der Ortspfarrer die Requirierung der Wendelinglocke am 27. November 1917 mit nachstehendem Eintrag: „Heute, Montag, haben sie auch die zweite Glocke vom Turm geholt. Die beiden von der Glockengießerei Gugg geschickten Soldaten warfen dieselbe vom Turm herab, ohne dass sie zerbrach, sie bohrte sich aber der Länge nach bis zur Hälfte in die Erde ein.“

Als Ersatz beschaffte Miltach wieder eine Wendelinglocke. Über ihre Ankunft ist zu lesen: „19. November 1920 – Wendelinglocke. Nach langem Warten ist heute endlich die neue Glocke auf den Turm gekommen, nachdem sie gestern abends mit dem letzten Zug von Straubing hier angekommen ist. Sie hat statt 400 Pfund nur 350 Pfund. Auch die Aufschrift: „Bitte für uns, St.Wendelin“ fehlt. Am Vormittag ist die Glocke von der Gießerei Gugg im Glockenstuhl montiert worden. Der Preis beträgt 2200 Mark. Geweiht wurde die Glocke nach Angaben der Firma am 17. November vom Geistl. Rat und Stadtpfarrer Zingler in Straubing“.

Das Bild zu den vertrauten Tönen in Miltach: Seit 1975 sind die Glocken in einem eisernen Glockenstuhl befestigt. Foto: Vogl

Am 16. März 1924 erfolgt ein weiterer Vermerk über die Lieferung einer weiteren Glocke: „Gestern um 4 Uhr ist die seit November 1921 bestellte Glocke eingetroffen. Sie wiegt 423 Kilogramm und ist von Gugg, Straubing, gegossen. Heute, Sonntag, nach dem Kreuzweg, haben wir sie auf festlich geschmücktem Bruckwagen feierlich am Bahnhof abgeholt. Zwei weiß gekleidete Mädchen trugen Gedichte vor, der Kirchenchor sang ein Lied, worauf Pfarrer Holzgartner eine kleine Rede hielt. Eine sehr große Volksmenge beteiligte sich an diesem bedeutungsvollen Tag. Wir fuhren die Glocke mit dem Bruckwagen bis unter den Turm. Am Tag vor dem+ Feiertag Josephi wurde sie in den Turm gezogen“. Bereits ein halbes Jahr nach Kriegsbeginn, im Frühjahr 1940, hatte die Kriegsmaschinerie des NS-Regimes in einem kurzen Erlass entsprechende Maßnahmen für eine Metallreserve gefordert. Für das gesamte Reichsgebiet wurde die Demontage aller Bronzeglocken von den Kirchtürmen angeordnet, um sie für Rüstungszwecke einzuschmelzen.

1941 wurde Miltachs Turm ein zweites Mal geplündert: Die Pfarrei musste zwei Glocken abliefern: die 175 Kilogramm schwere Wendelinglocke von 1920 und die 423 Kilogramm schwere Martinsglocke aus dem Jahr 1924.

1951 kamen drei neue Glocken

Jung und Alt fand sich auf dem Kirchplatz ein. Foto: Vogl

Zehn Jahre lang musste die Bevölkerung allein mit der Marienglocke (1894) auskommen, sie läutete zum Gottesdienst, bei Taufen und Beerdigungen. Durch die Bemühungen von Pfarrer Georg Samhuber, der am 1. September1950 nach Miltach kam, und Spendenfreudigkeit der Bevölkerung , konnten bei der Gießerei Karl Czudnochowsky in Erding neue Glocken bestellt werden. Die drei Kirchenglocken aus Euphon-Bronze kosteten 4480 Mark. Gleichzeitig hat man auch für die Mariahilf-Kapelle an der Kötztinger Straße ein Glöckchen mit 19 Kilogramm mitbestellt und geliefert bekommen.

Am 14. April 1951 holte der Miltacher Fuhrunternehmer Johann Schedlbauer die vier Glocken in Erding ab. Dieser Tag wurde für die Pfarrangehörigen zu einem Freudentag. Der mit Girlanden und Tannenbäumchen geschmückte „Büssing-Lkw“ wurde am Ortsrand bei der Schlossbrauerei empfangen und von den Vereinen mit Blasmusik zum Dorfplatz geleitet. Hier gab es einen kleinen Festakt mit Ansprachen, Gedichtvorträgen durch Kinder und musikalischer Umrahmung vom Schulchor unter Leitung von Oberlehrer Josef Weck.

Der Missbrauch der kirchenschätze

  • Im Krieg

    Kirchenglocken waren wegen ihrer Bronze kriegswichtiges Material und wurden während des Ersten und Zweiten Weltkrieges zwangsweise eingezogen, um eingeschmolzen vor allem in der Rüstungsindustrie Verwendung zu finden.

  • Beschlagnahme

    In Deutschland waren Glocken Teil der sogenannten Metallspende des deutschen Volkes. Nach der deutschlandweiten Beschlagnahme kamen auf den Lagerhöfen der Schmelzhütten und auf den Glockenfriedhöfen Zehntausende von Glocken zusammen. Dort wurden sie aus Platzmangel doppelt oder mehrfach übereinander gestapelt. Die Folgen zeigten sich bei vielen nach Kriegsende heimgekehrten Glocken oft erst nach längerem Läuten: Feinste, für das Auge nicht sichtbare Haarrisse führten zum Zerspringen.

  • Nach dem Krieg

    Die jeweils nach Kriegsende in den Glockenfriedhöfen verbliebenen Glocken wurden nach Möglichkeit zurückgegeben. Es gibt ein Glockenarchiv im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg

Pfarrer Samhuber war auf seine neuen Glocken stolz. Foto: Vogl

Im damaligen Friedhof, zwischen Pfarrhof und Kirche, erhielten die Glocken am Sonntag, 15. April 1951, durch Pfarrer Jakob Auer aus Blaibach die kirchliche Weihe. Assistiert wurde der Akt von Pfarrer Josef Schlosser aus Chamerau und von Kaplan Karl Christl aus Runding. Wieder standen die Kinder vorne am Geschehen, um ja nichts von diesem seltenen Anlass zu verpassen. Zwei Tage später sind die Glocken von der Bevölkerung eigenhändig mit langen Seilen auf den Turm gezogen worden. Nachdem sie im hölzernen Glockenstuhl von den Monteuren befestigt waren, erklangen sie gemeinsam weithin über das Dorf. Nach zehnjähriger Unterbrechung war endlich wieder ein vollständiges Geläut, und sie läuteten für Miltach eine lange, lange Friedenszeit ein.

Auf der neuen Josefsglocke ist folgende Inschrift zu lesen: „Patron der Sterbenden- Bitte für uns“. Sie wiegt 110 Kilogramm und hat einen Durchmesser von 58 Zentimetern. Sie verkündet seit 67 Jahren mit einem kurzen Läuten die Sterbefälle der Pfarrei.

Die Wendelinglocke trägt die Inschrift: „Bewahre uns vor Seuchen und jeglicher Not“. Gewicht: 180 Kilogramm, Durchmesser: 68 Zentimeter, Schlagton „cis“.

Schutzpatron und Fürbitter

Auf der Martinsglocke ist die Inschrift: „Patron unserer Pfarrei sei unser Schutzpatron und Fürbitter“. Das angebrachte Flachrelief zeigt den Heiligen mit Bischofsstab und Mitra. Die Glocke wiegt 350 Kilogramm, hat einen Durchmesser von 87 Zentimetern, mit dem Schlagton „a“.

Auf der Marienglocke ist eine lateinische Inschrift in Großbuchstaben, deren Übersetzung lautet: „O reine Magd, o unbefleckte Jungfrau, o Zierde der Frauen, Glanz der Töchter, heilige und gebenedeite Jungfrau, bitte für uns“. Rund um den oberen Glockenrand steht: „Gegossen von Otto Spannagl in Landshut im Jahre MDCCCLXXXXIV (1894), 635 Kilogramm, Durchmesser 1,05 Meter, Schlagton fis“.

Als letzte verrichteten Ida und Otto Paukner das Amt der Glöckner. Sie kamen dreimal täglich in das Turmuntergeschoss, so zum Taganläuten, um 12Uhr zum Mittag- und am Abend zum Gebetläuten. Die langen Hanfseile und der hölzerne Glockenstuhl verschwanden dann beim Kirchenumbau, da 1975 ein metallener Glockenstuhl eingebaut und auf elektrischen Antrieb umgestellt wurde.

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