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Geschichte

Der Irrsinn des „Endkampfes“

Dr. Markus Gruber machte vor Senioren die letzten Kriegstage in Wort und Bild greifbar. Um Waldmünchen gab es rund 230 Tote.
Von Petra Schoplocher

  • Dr. Markus Gruber vor einem seiner vielen eindrucksvollen Fotos. Drei zivile Opfer der letzten Kriegstage, einer von ihnen, Max Riedl, hatte fünf Kinder zu Hause. Foto: Schoplocher
  • Eine CD mit Zeitzeugenberichten aus dem Sperrgebiet bei Dömitz überreichte Ingrid Milutinovic Dr. Gruber als Dank. Foto: ps

Waldmünchen.Eine Stunde lang hätte man im Nebenzimmer des Kupferdachls die berühmte Stecknadel fallen hören. Dr. Markus Gruber las Passagen aus seinem Buch „Endkampf im Böhmerwald“ vor, das die grausigen Geschehnisse der letzten Kriegstage beschreibt. Das Besondere: Vor ihm saßen Frauen und Männer, die teils noch zur Erlebensgeneration zählten, denen zumindest aber aus den Erzählungen ihrer Eltern die Geschehnisse aus April und Mai 1945 bekannt waren.

Arnold Lindner (Seniorenbeirat) und Ingrid Milutinovic für die Bücherei begrüßten die Gäste. Foto: ps
Arnold Lindner (Seniorenbeirat) und Ingrid Milutinovic für die Bücherei begrüßten die Gäste. Foto: ps

Die Idee zu der Veranstaltung – eine Kooperation von Büchereiteam und Seniorenbeirat – hatten Ingrid Milutinovic und Elfriede Pöppel. Die Bücherei habe seit ihrem Bestehen jedes Jahr Aktionen zum Welttag des Buches veranstaltet, erklärte Bücherei-Leiterin Milutinovic. Nach einem Tag der Offenen Tür und Besuchen von Kindergarten und Schulkassen sei in diesem Jahr die Frage aufgetaucht, wer speziell angesprochen werden könnte. Schnell war die ältere Generation in den Fokus geraten, der gegenüber auch die Wahl es Veranstaltungsorts ein Zugeständnis war. Schließlich befindet sich die Bücherei im ersten Stock (des Feuerwehrgerätehauses).

Wer diese Barriere nicht überwinden könne, dürfe sich telefonisch an die Mitarbeiterinnen wenden, unterstrich sie. Geöffnet ist die Bücherei mittwochs von 16 bis 18 Uhr, das Sortiment umfasst „von Krimi bis Schnulze“ alles, lud die Leiterin zu einem Besuch ein. Am besten gehe das, was sie als „klassische Bettlektüre“ bezeichnete, Sachbücher stünden so gut wie gar keine in den Regalen. Dank monatlicher Neuerwerbungen sei man sehr aktuell, fügte sie an.

Realität des Jahres 1945

„Wir schreiben das Jahr 1945“, begann Dr. Markus Gruber seine Ausführungen. Er fühle sich der Aufarbeitung der Geschichte dies- und jenseits verpflichtet, erklärte der Buchautor. Dass ausgerechnet Waldmünchen in den Tagen, in denen schon niemand mehr ernsthaft an den Endsieg glauben konnte, so blutig verteidigt wurde, führte er auf ideologische (Ostmark-Gauleiter Fritz Wächtler hielt sich in Waldmünchen auf) und militärische Gründe durch die Lage an der Grenze zurück, gepaart mit Zufällen.

Eindrucksvoll waren nicht nur die zahlreichen Zeitzeugenberichte von Deutschen, Tschechen und Amerikanern, die der promovierte Altphilologe vortrug. „Wir wussten wie die anderen, dass der Krieg vorbei war. Aber da standen wir und brachten uns gegenseitig um“, beschrieb ein Soldat. An anderer Stelle wird von einem Toten berichtet, von Kugeln durchlöchert „wie ein Küchenseier“. Die Gegenüberstellung der Zeitzeugenberichte mit ihren schockierenden Details mit dem nüchternen Kriegstagebuch der Amerikaner verfehlte die Wirkung nicht. Nur unterstreichen konnte Gruber die Aussage eines Augenzeugen, der die militärischen Aktionen als „sinnloses Wegwerfen menschlichen Lebens“ bezeichnete.

Was wäre wohl aus den jungen Soldaten geworden, die hier noch sinnlos sterben mussten?“

Dr. Markus Gruber

Buchautor und Historiker

Anweisungen der Deutschen nannte Dr. Gruber ein ums andere Mal als „Dokumente des Irrsinns“. Auch die Fotos, teils Raritäten aus Kampftagen, gingen unter die Haut. Gruber zeigte Passbilder Gefallener, so dass das Grauen auf einmal personifiziert war. Der Historiker erklärte, wie er recherchiert habe und dass er sich über weitere Dokumente freuen würde.

16 tote Zivilisten an einem Tag

„Der Luftkrieg war nicht ritterlich, sondern diente dem Töten“, kommentierte er den entsprechenden Tod eines Bierfahrers Ende April 1945 in den Straßen Waldmünchens. Allein am 25. April 1945 fielen 16 Zivilisten den Kämpfen zum Opfer, informierte er. Die Schlussoffensive der Amerikaner kostete an zwei Tagen 24 GIs und mindestens 35 Deutsche das Leben. Gruber appellierte zugleich, sich das Leid der Verwundeten vor Augen zu führen, das ja in keiner Statistik auftauche.

„Nachvollziehbar, wenn auch nicht entschuldbar“, sei die Vergeltung, die Tschechen übten und deren Übergriffe die Zahl der durch Kampfhandlung über 230 getöteten Menschen (ohne die Todesmärsche, die teils auch durch Waldmünchen führten) in den letzten beiden Kriegswochen weiter in die Höhe trieb.

„Kein Soldat wollte noch zum Helden oder zum Killer werden“, lautete Grubers Einschätzung nach jahrelanger Recherche, die sich auf weit mehr als das im Vortrag Angerissene erstrecke. Gerade sie treibe ihn an, vor der Verharmlosung des Krieges zu warnen. Es sei ihm unverständlich, dass in Tschechien Kinder in Soldatenuniformen gesteckt würden – für Schauspiele. Er wünschte sich eine „unverklärte, klare Sicht auf das menschliche Leid“.

Arnold Lindner, selbst Kind des Sudetenlandes, hoffte, dass das Buch „Endkampf im Böhmerwald“ (erhältlich im Tourismusbüro und bei der Druckerei Leopold) dazu beitrage, den unschätzbaren Wert des Friedens vor Augen zu führen. Wie schwierig die Aufarbeitung von Geschichte sein kann, zeigte sich direkt im Anschluss, in der es unter anderem um die Entnazifizierung ging.

Doch auch ohne diese Problematik hatten alle Zuhörer genug Sätze, Eindrücke und Bilder im Kopf, um Markus Grubers Herodot-Zitat wirken zu lassen: „Im Frieden begraben die Söhne ihre Väter, im Kriege aber der Vater die Söhne.“

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