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Der Pfarrer von der Weihermühle

Als Kaplan wurde Johann Babl in Pilsting von SS- und SA-Leuten krankenhausreif geschlagen. Eine nahe Verwandte erinnert sich.
Von Jakob Moro

Neupriester Johann Babl im Jahre 1935 - Zwei Jahre später wurde er von Nazis verprügelt. Foto: Moro
Neupriester Johann Babl im Jahre 1935 - Zwei Jahre später wurde er von Nazis verprügelt. Foto: Moro Foto: Jakob Moro/Jakob Moro

Stamsried.1937 war ein Schicksalsjahr im bayerischen Kirchenkampf. „Bisher hatten manche in der Kirchenführung noch gehofft, das Hitlerreich durch das Konkordat in ein System von Rechtsgarantien einbinden zu können. Doch die Nazis dachten gar nicht daran, sich in ihrem Allmachtsanspruch von irgendjemandem beschränken zu lassen“, schrieb das Regensburger Bistumsblatt und machte auf einen Pfarrsturm in Pilsting aufmerksam.

Ein spektakulärer Konflikt ereignete sich 1937 im Marktflecken Pilsting/Bezirksamt Landau an der Isar. In Pilsting amtierten mit Pfarrer Josef Schabl und Kaplan Johann Baptist Babl zwei Priester, die sich den Mund nicht verbieten ließen und mit ihrem freimütigen, manchmal schlicht „gescherten“ Reden ständig in Schwierigkeiten mit den Nazis gerieten. Die Kommunisten seien ihm lieber als diese „Dachrinnenpartei“, hatte Pfarrer Schabl schon früh über die Nazis geäußert.

Und zu seinen Schulkindern soll er gesagt haben: „Wenn mich ein Mädel auf der Straße noch einmal mit ‚Heil Hitler’ grüßt, dann kriegt sie Ohrfeigen. Mein Gruß ist „Gelobt sei Jesus Christus!“, meinetwegen könnt ihr auch sagen „Servus drei Quartel“, wie die Handwerksburschen sagten. Seinem Kaplan, Johann Babl aus Stamsried, hatte man das Erteilen des Religionsunterrichts an der Volksschule verboten. Er hielt dann eben in der Kirche, auf freiwilliger Basis, den Religionsunterricht.

Rollkommando gegen Priester

Freiherr Wilhelm von Holzschuher war von 1934 bis 1939 nationalsozialistischer Regierungspräsident von Niederbayern und der Oberpfalz. In der SS hatte er den Rang eines SS-Gruppenführers (Generalleutnant). Er war ein verbissener Antiklerikaler. Von Holzschuher forderte Bischof Buchberger auf, die beiden Geistlichen, Pfarrer Josef Schabl und Kaplan Johann Babl, zu versetzen. Dies lehnte der Bischof ab.

Leben und Wirken

  • Priesterweihe:

    Pfarrer Johann Babl wurde am 19. März 1935 in Regensburg zum Priester geweiht und feierte am 25. März 1935 seine Primiz in Stamsried.

  • Der Geistliche,

    der von 1968 an Seelsorger der Wallfahrtskuratie Heilbrunn war, starb am 3. September 1994 im 85. Lebensjahr und im 60. Jahr seines Priestertums.

  • Die Verhaftung

    von Pfarrer Josef Schabl und Kaplan Johann Babl 1937 war „Sache eines abartigen Pilstinger Lehrers“, so berichtete eine nahestehende Verwandte Babls.

  • Jener Lehrer

    soll von Partisanen beim Polenfeldzug grausam ums Leben gebracht worden sein. Die Leute, die die Vorgänge in Pilsting miterlebten, betrachteten es als „Strafe Gottes“. (rjm)

Als der NSDAP-Kreisleiter mit seiner Absicht scheiterte, die Einheimischen zu einer Demonstration gegen die Geistlichen zu mobilisieren, ließ er 40 SA- und SS-Leute aus Landshut, Dingolfing in Bussen nach Pilsting holen. In der Nacht zum 4. November 1937 wartete das Rollkommando zweieinhalb Stunden lang geduldig auf den im Wirtshaus sitzenden Pfarrer Schabl. Genausolang harrte auch die vorsorglich zum Eingreifen bestellte Gendarmerie aus. Von den Pilstingern hatten sich nur zwei oder drei Mann anwerben lassen. Als Pfarrer Schabl kurz nach Mitternacht das Gasthaus verließ, brach sich der angebliche „spontane Volkszorn“ Bahn: Die Schlägerbande zerrte ihn ins Pfarrhaus, zerdrosch ihm die Brille, prügelte auf ihn ein, verletzte ihn am Auge. Währenddessen zertrümmert ein Geschosshagel von Steinen sämtliche Fensterscheiben. Pfarrer und Kaplan werden in „Schutzhaft“ genommen, wie man dies damals nannte.

Sechs Wochen im Krankenhaus

Auch den Kooperator, Johann Babl von der Weihermühle bei Stamsried, hatte man zusammengeschlagen – so brutal, dass er sechs Wochen im Regensburger Krankenhaus der Barmherzigen Brüder behandelt werden muss. Seine Angehörigen durften ihn nicht besuchen. Sein Aufenthalt war einige Wochen, gar Monate, unbekannt.

Die Weihermühle bei Stamsried - Hier wurde Johann Babl 1910- vor 110 Jahren geboren. Foto: Moro
Die Weihermühle bei Stamsried - Hier wurde Johann Babl 1910- vor 110 Jahren geboren. Foto: Moro Foto: Jakob Moro/Jakob Moro

Eine nahe Verwandte von Pfarrer Babl erinnert sich: „An einem Novembermorgen wurde ich in die Schulmesse in der Pfarrkirche Stamsrieds geschickt mit der Bitte von Großvater und Tante Marie, für meinen Onkel (Pfarrer Johann Babl) zu beten. Er sei eingesperrt worden. Die Tante hatte verweinte Augen. Man hatte es von Onkel Josef erfahren, der in der Nacht mit dem Motorrad da war. Man hatte mir auch aufgetragen, zu niemandem etwas zu sagen. In der Schule war aber schon einiges bekannt. Die Schmid Gretl (Schirnweber) wusste gar von 50 Autos, die da in Pilsting waren. Schwester Fiora lenkte ab und beruhigte die Klasse, weil ich zu weinen anfing.

Fahrten nach Regensburg brachten nichts

Großvater beschloss, nach Regensburg zu fahren. ‚Jetzt mache ich es wie Pfarrer Omasmeier und nehme den Stier bei den Hörnern’, sagte er. Großvater fuhr zum Regierungspräsidenten, kam jedoch unverrichteter Dinge heim. Eine weitere Fahrt zu Bischof Buchberger war ebenso enttäuschend. Dieser war der Ansicht, hätte mein Pfarreronkel nichts gesagt, wär ihm alles erspart geblieben. ‚Wärst nicht hinaufgestiegen, dann wärst auch nicht heruntergefallen!’ so mein Großvater über den Bischof. Bei einem 2. Besuch beim Regierungspräsidenten wurde mein Großvater einer Leibesvisitation unterzogen. Er musste Joppe und Schuhe ausziehen und in Hemdsärmeln und Socken vor ‚den Herrn’ hintreten. Dieser erklärte ihm dann, das er nichts machen könne, er müsse erst seine Anweisung von Landshut bekommen.

1935 nach der Primiz stellten sich alle vorm früheren Mädchenschulhaus zum Erinnerungsfoto auf. Foto: Moro
1935 nach der Primiz stellten sich alle vorm früheren Mädchenschulhaus zum Erinnerungsfoto auf. Foto: Moro Foto: Jakob Moro/Jakob Moro

Wir wussten auch nicht, wo der Pfarreronkel war und wo man ihn hingebracht hatte. Ich habe seinerzeit nach der Schule immer die Zeitung von der Dirrigl Amalie (Poststelle) abgeholt, als sie mir eine gewöhnliche Postkarte mitgab, an den Großvater adressiert und als Eilsache frankiert. Wir sollten den Absender aufsuchen. Noch in der Nacht fuhr mein Vater, mit einer Karbidlampe am Fahrrad ausgerüstet, nach Regensburg, Er kam gegen 11 Uhr nachts an. Zu seinem Erstaunen öffnete ihm eine Frau Alt.

Schwer krank bei Barmherzigen

Die Familie Alt war eine Polizisten-Familie in Pemfling. Vater Alt – er stammte aus Steegen bei Rötz – war 1937/1938 Gefängnisaufseher in Regensburg und erfuhr von der Inschutzhaftnahme der Priester aus Pilsting. Mein Vater wiederum erfuhr von Alt, dass man Kooperator Babl zu den Barmherzigen Brüdern bringen musste. Er sei sehr schwer krank. Mein Vater wollte ihn besuchen, aber er durfte nicht zu ihm. Ein Polizist war vor der Zimmertür postiert. Jetzt wussten wir wenigstens, wo unser Pfarrer-Onkel war. Großvater, Basl Maria, Onkel Michl, Tante Marie und ich beteten jeden Abend den Rosenkranz. Ich schlief oft dabei ein, so dass mich Tante Marie dann ins Bett trug.

Nach bangen Wochen, etwa Anfang Februar, bemerkten wir zur Mittagszeit einen Mann langsam die Straße von Freundelsdorf und über die Wiese auf unser Haus, die Weihermühle, zukommen. Es war mein Onkel, Kaplan Johann Babl. Tante Marie (seine spätere Pfarrhaushälterin) und ich liefen ihm entgegen. Großvater, Vater Michl und die Basl, Tante Marie, warteten am Schupfeneck – und alle waren mehr als froh. In gewissem Sinn war man auch froh, dass Großmutter zuvor gestorben war. Sie hatte immer noch unter dem Verlust von Onkel Franz gelitten, der nach sieben Jahren Metten in Frankreich gefallen war. Oft zitierte der Großvater das Sprichwort ‚Gottes Mühlen mahlen langsam, aber fein’, und es traf auch in dieser Sache zu.“ (rjm)

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