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Copperfield´s Corner

Der Super-GAU in der Musikschule

Nicht immer, meint Tilo G. Copperfield, tun Eltern ihren Kindern einen Gefallen, wenn sie sie zum Musik-Unterricht schicken.
Von Tilo George Copperfield

  • „Kinder an die Macht!“ – Frei nach dem Lied von Herbert Grönemeyer richtet unser Autor einen entsprechenden Appell an alle Eltern. Foto: Jens Kalaene/dpa
  • Tilo George Copperfield, der eigentlich Tilo Georg Preißer heißt, stammt aus Treffelstein, lebt heute aber im Landkreis Regensburg. Der Gitarrist ist mit den Bands 3 Dayz Whizkey und HoAß bekannt geworden. Für die MZ schreibt er alle vier Wochen eine Musik- und Szenekolumne. Foto: Archiv/cga

Cham.Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, fragt man sich manchmal, was das eigentlich bedeutet. Im Prinzip heißt das, die Chancen des Einzelnen hängen von der individuellen Leistung ab. Ein ständiger Überlebenskampf, den es also zu gewinnen gilt, um ganz vorne oder zumindest in einer der vorderen Reihen mitzuspielen im Spiel des Lebens.

Warum schreibe ich jetzt als Musiker darüber? Nun ja, zum einen natürlich deshalb, weil die Musikbranche nicht selten als das „härteste Geschäft der Welt“ bezeichnet wird. Ein Haifischbecken, in dem die kleinen Fische gnadenlos aufgefressen werden und der Erfolg scheinbar hauptsächlich durch Glück, Kapital und Beziehungen bestimmt wird.

Massig Kohle scheffeln?

Copperfield’s Corner

Tilo und die Macht des Scheiterns

Unser Kolumnist hat sich seinen „eigenen Weg zum Traum erkämpfen müssen“. Aus Niederlagen hat er viel fürs Leben gelernt.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Das ist teilweise tatsächlich so, je nachdem, wie man Erfolg für sich definiert. Wenn ich mit Erfolg meine, einen hohen Bekanntheitsgrad zu erringen und massig Kohle zu scheffeln, ist das eine andere Betrachtungsweise als das Streben nach künstlerischer Erfüllung und Selbstverwirklichung durch kreatives Schaffen. Letzteres, so habe ich für mich entschieden, ist ein wesentlich gesünderer Ansatz, man verliert nicht so schnell den Spaß daran und behält zum größten Teil seine geistige Gesundheit.

Nun befinden sich in meinem Bekanntenkreis viele Leute, die Musikunterricht geben. Teilweise an verschiedenen Instrumenten, an mehreren Schulen und mit allen Altersklassen. Immer wieder erzählen sie mir Geschichten von ambitionierten Eltern, die ihre Kids zum Unterricht schleifen müssen, damit der oder die Kleine gefälligst ein Instrument lernt, weil das für die Entwicklung so wichtig ist.

„Kinder an die Macht!“ – Frei nach dem Lied von Herbert Grönemeyer richtet unser Autor einen entsprechenden Appell an alle Eltern. Foto: Jens Kalaene/dpa
„Kinder an die Macht!“ – Frei nach dem Lied von Herbert Grönemeyer richtet unser Autor einen entsprechenden Appell an alle Eltern. Foto: Jens Kalaene/dpa

Wer meine letzte Kolumne gelesen hat, weiß, dass eine solche Vorgehensweise in meinem Fall eher kontraproduktiv war; aber bleiben wir bei den heutigen Kids. Der positive Einfluss des Lernens eines Instrumentes ist nicht von der Hand zu weisen: Es fördert die Koordinations-, Gedächtnis und Konzentrationsfähigkeit und viele positive soziale Eigenschaften, vor allem wenn man gemeinsam musiziert.

„Der positive Einfluss des Lernens eines Instrumentes ist nicht von der Hand zu weisen: Es fördert die Koordinations-, Gedächtnis und Konzentrationsfähigkeit und viele positive soziale Eigenschaften, vor allem wenn man gemeinsam musiziert.“

Tilo George Copperfield

Eigenschaften, die unsere Sprösslinge im Kampf innerhalb der Leistungsgesellschaft mal nach vorne bringen, denken sich die Eltern. Sie werden konfrontiert mit hochbegabten Kindern anderer Eltern, die im Kindergarten schon zwei Sprachen sprechen, bereits lesen können, und im Fernsehen war doch erst neulich der Fünfjährige, der alle Primzahlen von 1000 aus mühelos rückwärts aufsagen konnte… Also es es hilft nichts! Man steht unter einem gewissen Druck. Zumindest kann er/sie dann ein Instrument, und das erhöht seine/ihre Chancen auf einen tollen Job.

Kolumne

Musiker will gutes Karma für alle!

T. G. Copperfield macht sich mit seiner heimlichen Hippie-Seele so seine Gedanken über ein gutes Leben.

Aber Vorsicht, liebe Eltern! Wenn euer Kind ein Instrument spielt, kann auch der Super-GAU eintreten. Es kann ihm/ihr nämlich vielleicht irgendwann so gut gefallen, dass sie oder er eventuell gar kein Interesse mehr an anderen Sachen hat. Sich sozial isoliert, tagelang im Kinderzimmer verkriecht und irgendwelche Tonleitern übt. Im schlimmsten Fall auf einer Geige!

Und dann kann der Punkt kommen, an dem das Kind zum Leidwesen der Eltern auch noch zugibt, dass es gar keinen Job in der Bank oder in der Chefetage eines Industrieunternehmens haben möchte, sondern (oh Gott) Musiker werden will! In einer Rockband durch die Welt tingeln und so weiter! In einer der „härtesten Branchen der Welt“! Da hat’s schon nicht mit dem Traum vom millionenschweren Fußballprofi geklappt und nun auch noch DAS!

Dann rate ich davon ab...

Deshalb sei an dieser Stelle gesagt, dass man sich gut überlegen sollte, warum man das Kind zum Unterricht schickt. Wenn dahinter nur steckt, den armen Kleinen noch mehr zu optimieren und ihm zu späteren Spitzenleistungen zu verhelfen, dann rate ich davon ab. Weil schon dieses Motiv allein gegen alles spricht, für was wahre Musik steht: die Anregung der Phantasie, das Andersdenken, das Gegen-den-Strom-Schwimmen.

Aber wenn ihr, liebe Eltern, eurem Sohn oder eurer Tochter einen Zugang zu einer Welt ermöglichen wollt, in der alles möglich ist und in der man alle Sorgen komplett hinter sich lassen kann und in der es keine Grenzen gibt, dann schickt sie zum Musikunterricht! Aber akzeptiert bitte auch, wenn das vielleicht nicht das Richtige für die Kleinen ist. In diesem Sinne frei nach Grönemeyer: Kinder an die Macht!

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