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Der Tag, als die Amerikaner kamen

Der Landwirt Alois Haberl aus Hitzelsberg schrieb in seiner Chronik über die Ereignisse im April 1945 in Stamsried.
Jakob Moro

  • Die Familie Haberl, rechts oben Alois Haberl, der eine Chronik hinterließ Foto: Jakob Moro
  • Alois Haberl war Kriegsteilnehmer im 1. Weltkrieg Foto: Jakob Moro

Stamsried.Alois Haberl aus Hitzelsberg schrieb 1948 eine 28 seitige Chronik über sein Leben, die sehr viel über die Zeit des dritten Reiches enthält. Hier ein Auszug mit dem Thema „Als die Amerikaner kamen“.

Haberl schreibt in seiner Chronik: „Wir bekamen das Haus voll Flüchtlinge aus den Städten, denn es konnte sich niemand mehr halten drin. Hätten doch die Hitler jetzt aufgehört und kapituliert, wie vieles wäre da noch verschont geblieben und Millionen Menschenleben gerettet gewesen! Aber die Nazi-Größen sagten sich: gehen wir zu Grunde, soll ganz Deutschland mit sterben und die Feinde sollen schließlich bloß eine Wüste vorfinden. Wir in Stamsried zum Beispiel hatten eine fanatische Lehrerin, die den Kindern anriet, bei etwaiger Annäherung des Feindes sich die Pulsader zu öffnen um den Feind lieber tot als lebendig in die Hände zu fallen. Und bei einer Fahrt nach Regensburg hat sie dann eine Bombe getroffen und getötet.

Auslandssender durfte man beileibe nicht hören. Wer dabei ertappt wurde kam nach Dachau, was schon fast gleichbedeutend mit Tod war. Wir hatten das Haus voll Flüchtlinge und durften uns nicht getrauen einen Auslandssender aufzudrehen; so standen ich und Alois, wenn alles schon im Schlafe war, vom Bett auf und hörten die Sender ab und da erfuhren wir, wie uns der Feind immer näher rückte und der Widerstand immer schwächer wurde.

Bomben wie feurige Blitze

Die Flieger flogen Tag und Nacht ohne Abwehr umher. Einmal abends 10 Uhr wurde Cham bombardiert; das war ein Schauspiel von meinem Fenster aus, wie ungefähr 50 Flieger wie feurige Körper über Cham lagen, fast taghell erleuchtet, und wie dann die Bomben wie feurige Blitze niedersausten und das Gekrache. Die anderen liefen den Keller hinunter. Ich aber dachte, das geht Hitzelsberg nichts an und lies mir das seltene Schauspiel nicht entgehen..

Am 20. April 1945 bekamen wir Einquartierung, 800 Mann englische Gefangene. Wir bekamen zwei deutsche Offiziere, ich musste ihnen mein schönstes Zimmer mit Bett überlassen; dafür hatten wir keine Gefangenen, die waren bei den anderen Bauern in der Scheune untergebracht. Am 22. April zogen sie wieder ab nach Michelsneukirchen. Alois und Käsbauer aus Freundelsdorf mussten die „Maroden“, die nicht mehr marschieren konnten, nachts 2 Uhr nachfahren.

Am Sonntag, 22. April, zog eine Unmasse Menschen, zerlumpte, dreckige Gestalten in Sträflingskleidern durch Stamsried, begleitet von vielen SS-Soldaten. Sollten ungefähr 17 000 Konzentrationslager-Häftlinge gewesen sein. Wer vor Mattigkeit nicht mehr marschieren konnte, wurde einfach von den SS-Soldaten erschossen und in den Straßengraben geworfen. Das war grauenhaft. Bei Freundelsdorf und beim Einödhof Hornauer lagerte der größere Trupp. Nach Abzug unserer Gefangenen kam noch in der Nacht wieder ein Trupp Gefangener, wo wir wieder zwei Offiziere erhielten. Diesmal aber waren 200 Mann Militär dabei. Am Montag, 23. April, war ein Kriegergottesdienst in Stamsried, wozu ich auch hinaufging. Da hörte ich ein heftiges nahes Schießen und die Flieger tasteten ganz niedrig das Gelände ab. Als ich bis zum Röhrweiher kam, kamen mir die Leute entgegen: „Geh heim! Die Amerikaner kommen! Sie sind schon in Thanried.“

Als ich heimkam, war unser Haus voller Soldaten, die beiden Offiziere schliefen noch. Bei meiner Nachricht weckten sie dieselben. Ich führte sie halb angezogen auf den Speicher, wo man die Straße bis Kagermeier (Freundelsdorf) schön übersehen konnte. Und schon rollte Panzer an Panzer die Straße entlang. Die beiden Offiziere waren Gott sei Dank vernünftig. Sie sagten, was sollen wir machen, Widerstand ist vergebens. Hätten sie hinuntergeschossen auf die Straße bei Freundelsdorf, hätten die Brandbomben zu allererst unser Haus getroffen, so wie in Wetterfeld und Untertraubenbach. Da hatten auch die lumpigen SS auf die Panzer geschossen und im Nu stand alles in Flammen. Traubenbach ist beinah zur Hälfte abgebrannt.

In Stamsried waren die Panzer schon aufgefahren zur Beschießung bei etwaigen Widerstand. Aber der Bürgermeister, unser Vetter Preisser, ging ihnen mit der weißen Fahne entgegen und der Markt war verschont. Wir hängten auch schnell die weißen Betttücher aus und schon kamen fünf Amerikaner herauf. Unser „Anton“ (Kriegsgefangener aus Slowenien) ging ihnen mit weißer Flagge entgegen und begrüßte sie. Die paar Amerikaner waren nicht wenig erschrocken, als sie bei uns so viel Militär sahen, aber die ließen sich gerne fangen, tauschten Zigaretten aus, legten alle Waffen ab und ließen sich abführen. Nun war der Krieg für uns vorbei und man konnte über Hitler und Genossen schimpfen nach Herzenslust. Auch hätten wir Radio schwarzhören können, aber der ging auch nicht mehr, denn das Elektrische war fort und wir waren ein Viertel Jahr ohne Licht und Strom.

Alois, unser Sohn, war an diesem Schreckenstag mit den Pferden noch nicht da und wir waren schon sehr in Sorge um ihn, bis er endlich vom Hardt heraufkam; auf der Straße konnte er nicht mehr fahren. Unser ganzer Hof lag voll Waffen und Munition, die Abzügler hatten alles liegen gelassen und die Amis waren durch.

Als die Amis mit den Panzern den Häftlingen in Sicht kamen, wurden sie mit mächtigem Hurrageschrei begrüsst, die SS-Begleiter flohen in die Wälder und der Häftlingsstrom stob auseinander. Schon kam auch ein Trupp gegen Hitzelsberg herauf und wir hatten gleich Stube und Küche voll hungriger, wilder Menschen. Nun ging es über Kochen, und Küche und Keller mussten herausgeben, was drin war um diese ausgehungerten Gestalten zu sättigen. Als alle gesättigt waren, gaben sie sich zufrieden und legten sich im Stadel zur Ruhe.

Plünderer zogen umher

Das war alles noch nicht ganz so schlimm, aber jetzt ging es los, das Rauben und Plündern. In Stamsried, Pösing und Wetterfeld waren Häftlingslager. Bei Tagesanbruch, wenn wir noch im Bett waren, schlug wieder ein Trupp, zehn bis 20 Mann mit Gewehren an die Haustüre. Man musste ihnen schnell aufmachen, alle Kästen und Truhen öffnen und was ihnen passte, wurde mitgenommen. Einmal kam so eine Bande, als wir gerade bei der Morgensuppe sassen und nahm uns das letzte Brot vom Tisch weg. (rjm)

Zur Person

  • Vita:

    Alois Haberl heiratete am 3. Mai 1893 Margareta Bierlmeier aus Dörfling. Er übernahm im Jahr 1893 das landwirtschaftliche Anwesen in Hitzelsberg. Er verstarb im 13. Februar 1953 in Hitzelsberg. (rjm)

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