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Menschen

Der Teufelskreis im Sozialbau

Die Senioren-Wohnanlage der AWO in der Chamer Chambstraße ist veraltet und beschert den Bewohnern enorme Stromrechnungen.
Von Johannes Schiedermeier

Biruta Schönberger lebt seit dem Bau der AWO-Seniorenwohnungen in der Chambstraße 25 und erlebt dort einen Sanierungsstau und hohe Zusatzkosten für Heizung und Warmwasser.Foto: Schiedermeier
Biruta Schönberger lebt seit dem Bau der AWO-Seniorenwohnungen in der Chambstraße 25 und erlebt dort einen Sanierungsstau und hohe Zusatzkosten für Heizung und Warmwasser.Foto: Schiedermeier

Cham.36 bis 58 Quadratmeter bewohnen die alten Menschen in den 26 Wohnungen der Anlage Chambstraße 25. Die Senioren-Wohnanlage wurde 1984 im Auftrag der Arbeiter-Wohlfahrt errichtet und seitdem nicht mehr saniert. Den Strompreis dafür zahlen die Bewohner, die mit Nachspeicheröfen und veralteten, überdimensionierten Boilern Wohnung und Wasser heizen.

Das Problem ist seit vielen Jahren bekannt. AWO-Kreisvorsitzender Edi Hochmuth erinnert sich noch an den verstorbenen Hausmeister Walter Riedmayr. „Der hat vor 15 Jahren schon gesagt, dass das in einem schlechten Zustand ist.“ Doch Hochmuth klinkt sich aus: „Man hat den Kreisverband völlig aus dem Rennen genommen. Das Sagen bei Immobilien hat ganz allein der Bezirksvorstand.“

Der Zustand: Die Außenbeleuchtung der Wohnanlage ist defekt und am Hintereingang (Bild) nur von innen zu schalten.
Der Zustand: Die Außenbeleuchtung der Wohnanlage ist defekt und am Hintereingang (Bild) nur von innen zu schalten.

Die Stadtwerke berichten von Durchschnittsverbräuchen zwischen 4000 und 5500 Kilowattstunden pro Wohnung. „In einer Faustregel wird davon ausgegangen, dass ein Bewohner 1500 Kilowattstunden Strom mit sonstigen Geräten wie Fernseher und Waschmaschine verbraucht. Der Rest ist Heizung und Warmwasser. Wenn man davon ausgeht, dann ist das schon massiv viel“, sagt Stadtwerke-Chef Stefan Raab.

„Das ist ein Teufelskreis in alten Sozialwohnungen. Wo der Verbrauch schon hoch ist, kommen noch alte Geräte hinzu.“

Stefan Raab, Leiter der Chamer Stadtwerke

Unserem Medienhaus liegen Abrechnungen von Bewohnern vor. Raab berichtet von einem Teufelskreis in Sozialwohnungen. „Unsere Energieberater kennen die Situation vor Ort. Das ist erfahrungsgemäß schwierig. Zu den ohnehin hohen Energieverbräuchen der Heizung durch mangelnde Wärmedämmung kommen dann oft alte Geräte. Die Leute haben halt wenig Geld zur Verfügung. Da laufen Waschmaschine und Gefrierschrank eben auch, solange sie halten. Entsprechend fressen die dann Energie. Dazu kommen die alten, großen Boiler. Wenn die immer wieder aufgeheizt werden ...“

Das führt in den Wohnanlagen oft zu Finanzengpässen, wenn die 12. Monatsrate sich mit der Nachzahlung summiert. Stadtwerke-Leiter Raab bestätigt, dass es Fälle von Ratenzahlung gibt. „Das haben wir aber im ganzen Stadtgebiet“, sagt er.

„Technisch aufwendig ...“

Das Sorgenkind: Neben den Nachtspeicherheizungen sind die alten, überdimensionierten Boiler Sorgenkinder beim Verbrauch.
Das Sorgenkind: Neben den Nachtspeicherheizungen sind die alten, überdimensionierten Boiler Sorgenkinder beim Verbrauch.

„Wir haben Leute hier, die haben 500 bis 700 Euro nachzuzahlen“, erzählt Sabine Schönberger. Sie hat sich offiziell bei der AWO beschwert über die Stromrechnungen ihrer Mutter Biruta, die seit dem Bau der Wohnungen dort eingezogen ist. „Das Ergebnis war, dass einer von zwei Nachtspeicheröfen erneuert worden ist“, berichtet sie. Ihre Mutter bestätigt das: „Ich heize nur noch mit dem neuen und lasse den alten aus. Die Fußbodenheizung im Bad nutze ich nur, wenn Gäste kommen. Das könnte ich nicht zahlen.“ 2010 haben die beiden eine Außenleuchte moniert, die nur von innen zu schalten ist. „Sehr hilfreich, wenn man nachts heimkommt“, sagt Biruta Schönberger. Eine Lösung sei als „technisch zu aufwendig abgelehnt worden“, erzählt die Bewohnerin. Am Vordereingang fehlen Schutzglas und Birne.

Alexander Trapp ist in der Bezirksgeschäftsstelle der Arbeiterwohlfahrt in Regensburg Leiter des Finanz- und Rechnungswesens. Ja, sagt er, es gebe eine Beschwerde einer Angehörigen, wobei weitere Beschwerden von Anwohnern nicht bekannt seien. Bei den Verbräuchen sei natürlich auch das Heizverhalten der Bewohner zu berücksichtigen, das man nicht kenne.

35 Jahre ohne Sanierung

Die Gefahr: Als einer der alten Balkone der Wohnanlage morsch war, wurde nur dieser einzelne Balkon ausgewechselt.
Die Gefahr: Als einer der alten Balkone der Wohnanlage morsch war, wurde nur dieser einzelne Balkon ausgewechselt.

Er rechnet für eine neue Wohnung (nach 2014) vor: 160,65 Euro Kaltmiete, 69,60 Euro Betriebskosten sowie für 4600 kw/h Strom zu aktuellen Stadtwerke-Konditionen 104 Euro. Gesamt 334,25 Euro. Das entspreche „trotz der gehobenen Stromkosten“ einer günstigen Warmmiete von 8,73 Euro. – Die Klagen beziehen sich jedoch in allen Fällen auf die alten Wohnungen. Trapp bestätigt Klagen über den Zustand von Balkonen und Außenbeleuchtung. Die Balkone seien standsicher, würden aber zeitnah mit neuen Bodenbrettern versehen. Der Rest werde im Zusammenhang mit der Sanierung erneuert. Der Bezirksgeschäftsführer der AWO sei vor 14 Tagen mit einem Architekten durch die Anlage gegangen. Es seien keine gravierenden Mängel festgestellt worden. Allerdings müsse man den Energieverbrauch der alten Nachtspeicheröfen analysieren. Bis in zwei Monaten rechne man mit Ergebnissen, die dann zu einem Bauzeitenplan führen würden, so Trapp. Beginn sei voraussichtlich 2019. Diskutiert werde über eine zentrale Heißwasserversorgung oder Zentralheizung. Man müsse nach den Ergebnissen der Architekten auch die Fördermöglichkeiten durch die Bezirksregierung abklopfen. Auf die Frage, wie man nach 35 Jahren ohne Sanierung das Vorhaben durchführen wolle, ohne die Mieten für die Bewohner unbezahlbar zu machen, erklärte Trapp, dass dies nicht kostenneutral möglich sei. Eine mögliche Erhöhung werde nach Kostennachweis durch die Regierung der Oberpfalz festgelegt.

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