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Der Vogel, der aus dem Nest gefallen ist

Die Störche auf dem Heroldkamin haben eines ihrer Kleinen hinausgeworfen. Vogelbeobachter geben Erklärungsversuche.
Hermann Schropp

Auf dem Herold-Kamin werden derzeit drei Jungstörche großgezogen.  Foto: Hermann Schropp
Auf dem Herold-Kamin werden derzeit drei Jungstörche großgezogen. Foto: Hermann Schropp

Chamerau.Alles begann sehr positiv. Bis Ende April hatte das Storchenpaar auf dem Heroldkamin gebrütet. Vier Jungstörche galt es dann aufzuziehen und zu füttern. Bis Montag dieser Woche schien die Welt der Vogelfamilie in Ordnung zu sein.

Am Dienstag in der Frühe aber lag ein totes Küken unterhalb des Horstes auf dem Dach. „Es ist nicht hundertprozentig sicher, aber doch sehr wahrscheinlich, das der Jungstorch wegen des Sturmes am Montagabend aus dem Nest gefallen ist“, vermuten Tierfreunde aus Chamerau.

Eine andere Möglichkeit wäre der am Montagabend herrschende Regen mit kalten Temperaturen die Nacht über. Zwar sitzt die Störchin so lang wie möglich auf den Kleinen, um sie vor Regen und Kälte zu bewahren. Aber irgendwann werden die Kleinen bis zur Haut durchnässt, und ihr eigenes dünnes Federkleid aus feinen Daunen bietet keinen ausreichenden Schutz.

Kein Platz für Romantik

Problematisch ist laut Vogelexperten, dass die Störche ihre neuen Nester meist auf ihre alten Nester setzen, die das Wasser nicht mehr durchlassen. Irgendwann entstehe dann eine Pfütze. Die Toten Jungen werden kurzerhand aus dem Nest geworfen, damit die restlichen Jungen mehr Schutz erhalten können. Das ist in der Vogelwelt so üblich. Menschen sehen in den Gefiederten gern Frühlingsboten, Friedenssymbole oder fröhliche Sänger. Doch die zoologischen Fakten sind weniger romantisch. Das Töten von Nestlingen ist als evolutionäre Überlebensstrategie weit verbreitet. Was unter menschlichen Maßstäben unfassbar erscheint, ist soziobiologisch betrachtet sinnvoll.

Nach dem Unglück sind es jetzt nur noch drei Jungstörche, die in Chamerau aufwachsen. Ihre menschlichen Nachbarn beobachten schon länger Kurioses da oben im Horst. Storchenpapa „Solo“, ein Niedersachse, der vor Jahren einmal in Miltach beheimatet war, verspürte im Herbst offenbar kein Fernweh, flog nicht in den Süden, sondern blieb einfach daheim.

Die Störchin, die am 20. Februar angekommen ist, und ihr Partner haben auch mit dem Hegen und Füttern von nur mehr drei Jungen alle Schnäbel voll zu tun. Da kleine Störche, sie wiegen beim Schlüpfen etwa 75 Gramm, in ihrem ersten grauweißen Daunenkleid sehr wärmebedürftig sind, werden sie ausgiebig gehudert, das heißt, von den Eltern gewärmt. Und für die Sättigung der Jungen müssen sie im Schnitt pro Tag und hungrigem Schnabel etwa ein Pfund Nahrung herbeischaffen.

In den ersten Tagen besteht die Nahrung in der Hauptsache aus Regenwürmern, Schnecken, Heuschrecken und allerlei Kleininsekten. Mit noch geschlossenen Augen, aber mit erstaunlicher Sicherheit picken die Jungen die von den Altvögeln herangetragene Nahrung auf.

Das Regental ist eine Festtafel

In den Wiesen entlang des Regen finden die Störche ein reichliches Nahrungsangebot. Die Kleingewässer, die neu angelegt oder am Regen bereits vorhanden sind, sind Heimat für zahlreiche Frösche und Molche, eine Leibspeise der schon etwas größeren Störche. Von Tag zu Tag werden die Brocken größer, später vertilgen sie sogar Maulwürfe oder Mäuse. Bei starkem Sonnenschein steht ein Altstorch auf dem Rand des Horstes und spendet den Jungen Schatten. Zudem transportieren die Altstörche Wasser, um die Jungtiere zu tränken.

Das tote Storchenjungtier aus Chamerau ist kein Einzelfall: In Bayern kam 2013 die Hälfte der Jungstörche ums Leben, weil sie bei einem Unwetter erfroren. Auch Plastik ist eine Gefahr. Altvögel tragen manchmal Plastikteile ins Nest. Wenn sich die Jungstörche darin verheddern, können sie darin ersticken.

Die Tierfreunde aus Chamerau hoffen, dass der übrig gebliebene Storchennachwuchs nun von derlei Ungemach verschont bleibt. Nicht nur die Storchenbeobachter freuen sich über ihr Geklapper, wenn sie sich begrüßen oder mit Futter ankommen, sondern die ganze Gemeinde – sind doch Störche ein Zeichen intakter Natur. (che)

Erkennungszeichen

  • Erwachsene:

    Ist der ganze Schnabel rot, handelt es sich ziemlich sicher um einen ausgewachsenen Storch. Weißstörche sind etwa 80 bis 100 cm lang und haben eine Flügelspannweite bis 220 cm.

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