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Geschichte

Die Alpen als DDR-Kindertraum

25 Jahre nach dem Mauerfall erzählt Andreas Thomas seine Geschichte, wie er von der Oberlausitz in den Bayerwald kam und hier eine neue Heimat fand.
Von Andreas Thomas

  • Ostberlin 1987: Andreas mit einem Freund aus Westberlin vor dem Brandburger Tor hinter der Mauer auf der Ostseite der Stadt
  • Karin und Thomas nach der Ankunft im Westen im Lager Gießen
  • Andreas (li.) und Karin Thomas heute in ihrer Wohnung in Eschlkam mit ihrer Tochter Beatrice, die Ausreisedokumente aus der DDR in den Händen sind nur noch Erinnerung.

Eschlkam.Meine frühesten Kindheitserinnerungen sind mein Opa, der recht früh verstarb, die Mondlandung und der Einmarsch der Russen in der CSSR. Mein Opa war einst Bürgermeister von Reichenbach in der Oberlausitz, meinem Geburtsort. Einst in der SPD und nach der Zwangsvereinigung mit den Kommunisten in der SED. Bald wurde er als Bürgermeister ohne Grund abgesetzt und war dann erst mal arbeitslos. Ja, in der DDR arbeitslos! Mein Vater musste seine Eltern mit unterstützen.

Wir wohnten im Südosten der DDR, im Dreiländereck zur CSSR und Polen. Ich weiß, dass ich da noch nicht zur Schule ging, als tief fliegende große, laute Hubschrauber über unser Haus gen Süden zogen. Auch, dass man Militärfahrzeuge von unserm Küchenfenster in den Wald fahren sah.

Ob das tatsächlich mit dem Einmarsch zusammenhing, weiß ich heute nicht mehr, aber diese Geschichten vergisst man nicht. Auf jeden Fall wusste ich schon recht früh, dass es da zwei Mächte und zwei deutsche Staaten gibt. Bereits an meiner Schuleintrittsfeier habe ich mich lautstark geäußert, dass ich nicht zu den Pionieren (kommunistische Kinderorganisation) gehen werde, zum Amüsieren meiner Eltern.

Ein Außenseiter in der Schule

In der ersten Klasse waren wir drei Schüler von circa 32, die nicht in diese Pionierorganisation eintreten wollten. In der Parallelklasse war kein einziger Außenseiter. Dazu fragte uns unsere Klassenlehrerin fast täglich ob wir nicht den Pionieren beitreten möchten. Irgendwann gaben die Eltern einer Mitschülerin dem Drängen nach. So waren wir zwei Außenseiter.

Ich war zu jener Zeit evangelischer Konfession, mein Mitschüler katholisch. Als ich sieben Jahre alt war, wollte mein zehn Jahre älterer Bruder über die CSSR bei Eger nach Bayern flüchten. Er wurde von den tschechischen Grenztruppen gefasst, den DDR-Behörden übergeben und verurteilt.

Erst viele Tage später erfuhren wir über das Schicksal meines Bruders. Ich habe ihn sehr vermisst und stellte mir vor wie es ihm im Gefängnis ergehen würde. Im selben Jahr wurde er mit 18 Jahren von der Bundesrepublik frei gekauft.

In der Schule wurde der Umgang immer härter. Von Lehrern, insbesondere dem Schuldirektor, welcher eine angstauslösende Wirkung verbreitete, fühlte ich mich nur eingeschüchtert. Manche Tage hatte ich Angst, zur Schule zu gehen, war oft krank. Einige Mitschüler ärgerten mich weil ich christlich erzogen wurde.

In dieser Zeit, ich war acht Jahre alt, stand für mich schon fest, dass ich nicht in der DDR später weiter leben möchte. Einmal mit meinem Bruder in den Alpen wandern, dass waren meine Träume. Dies hatte ich nie meinen Eltern erzählt.

Einmal betrat der Schuldirektor das Klassenzimmer und fragte mit eisiger Stimme „Wer ist Freund der Sowjetunion?“. Alle meldeten sich, nur ich nicht. Mein Vater war in russischer Gefangenschaft gewesen, und was man sonst von den Russen hörte – die sollen Freunde sein? Wegen dieses Vorfalls schalteten meine Eltern kirchliche Vertreter ein.

Ich hörte zu dieser Zeit nur Westsender und wenn mal guter Empfang war, sah man auch ZDF. Musik war mein kleines Türchen zum Westen. So kannte ich mehr Sänger und Gruppen aus dem Westen als vom Osten. Auch politisch war ich immer update. So kannte ich schon als kleiner Junge die meisten westdeutschen Politiker, von der DDR waren es so zwei bis drei.

Als mein Mitschüler, welcher auch kein Pionier war, die Schule wechselte und weitere Schüler aus dem Umland an unsere Schule kamen, wurde noch eine dritte Parallelklasse gegründet. Somit war ich dann der einzige Schüler von circa 65 der in keiner Jugendorganisation war.

Nicht in der FDJ, aber in der Kirche

Bei den Fahnenappellen mussten alle die blauen FDJ (Freie Deutsche Jugend)-Hemden tragen. Ich als Nichtmitglied musste immer an diesen Ritualen teilnehmen, welche meist vor oder nach dem Unterricht stattfanden. Meist habe ich da gebockt. Da wurden kommunistische Lieder gesungen und Ansprachen abgehalten.

Als Jugendlicher verweigerte ich mich zunehmend diesen Ritualen. Wenn im Fernsehen Militärparaden oder Fackelumzugsmärsche der DDR- Regierung kamen, sah ich Parallelen zur Nazizeit. Reden vom Klassenfeind und Erfolge des Sozialismus prallten an mir ab.

1979 führte die DDR unter Protest der kirchlichen Institutionen ein weiteres Unterrichtsfach ein – Wehrerziehung. Mit 14 Jahren lernten wir, wie man sich bei einem nuklearen Angriff der BRD und deren imperialistische Verbündeten verhält. Den theoretischen Teil erlaubten mir meine Eltern. An der praktischen Ausbildung mit Gebrauch von Schusswaffen brauchte ich nicht teilzunehmen.

Dazu durfte ich mich für zwei Wochen im Bereich der Schule nicht sehen lassen. Das hatte der Schuldirektor seinerseits gefordert. So hatte ich vor den Sommerferien schon zwei Wochen eher frei. Ich genoss diese Zeit zu Hause und beschloss, mir später in den Ferien durch einen Ferienjob Geld hinzuzuverdienen.

Schlechte Noten für Verweigerer

So bekam ich einen Ferienjob in einer Glashütte im Ort. Für den Arbeitsvertrag brauchte ich die Unterschrift des Schuldirektors. Also ab zur Schule. Was ich da erlebte, war wieder typisch. Ich flog achtkantig raus. Erst als meine Mutter dem Direktor die Leviten gelesen hatte, bekam ich meine Unterschrift.

Zu jener Zeit bekam ich mehrmals falsche Benotungen in meinem Zeugnis, natürlich schlechtere. Erst nach Hinweis von mir und meinen Eltern wurden diese korrigiert. Alles nicht förderlich, einen guten Beruf zu erlernen.

Ein Glücksfall für mich war, dass ein privater Malermeister in unserm Ort, ein Schulfreund meines Vaters war. So durfte ich den Traumberuf des Malers erlernen. In der Berufsschule wurde ich als Streber bezeichnet, ein Ausdruck, den ich mit meiner Schulzeit in keinster Weise verbinden konnte.

In den wenigen Privatfirmen in der DDR war die Ausbildung eh intensiver, und in der Berufsschule wurde von gerade diesen Lehrlingen mehr gefordert als von den staatlichen Firmen. Mein Berufsschullehrer meinte eines Tages: „Andreas, mit dir ist noch mehr zu machen.“ Und er schlug mir vor, ein Kunststudium zu absolvieren. Voraussetzung war dafür, dass ich mich freiwillig drei Jahre bei der Armee verpflichte.

Als ich ihm erklärte, dass ich meinen aktiven Wehrdienst verweigert habe, meinte er nur lapidar: „Da kannst du es vergessen“. Für mich war das keine Überraschung, denn ich war es von Schulzeit an gewohnt, wer sich nicht anpasst, kommt nicht weiter.

Bei der militärischen Ausbildung in der Berufsschule legten wiederum meine Eltern Wert darauf, dass ich nicht mit Schusswaffen ausgebildet werde. Anders wie in der Schulzeit gehörte die vormilitärische Ausbildung zur Lehrzeit und konnte nicht verweigert werden.

Ich war zu dieser Zeit 16 Jahre alt. Es wurden Uniformen verteilt und jeder sollte unter der Uniform das FDJ-Hemd tragen. Für mich war klar, dass ich nur ein normales Arbeitshemd anziehe. Zusätzlich steckte ich mir einen Anstecker der evangelischen Kirche an die Uniform.

Militärdienst in der Berufsschule

Auf dem Flugplatz in Görlitz stellten sich die Hundertschaften auf. Unübersehbar muss ich gewesen sein, denn ein Oberst rief mich nach vorn und schrie mich an, was das solle. Ich hätte mir ein FDJ-Hemd ausleihen können. Als ich erklärte, dass ich nicht in der FDJ bin und das für mich gar keine Frage ist, sah er meinen Kreuzanstecker an der Uniform und schrie weiter, dass das nichts an der Uniform zu suchen habe.

Ruhig zog ich diesen ab und steckte ihn an meinem Hemdskragen, der über die Uniform heraus schauen sollte. Da fing er an noch mehr zu schreien, er meldet mich bei der Staatssicherheit. Für mich war nun klar, dass jetzt für mich eine Akte angelegt wird.

Zum Lehrabschluss musste ich schon fast lachen, als Mitschüler in der Berufsschule wegen besonders guter Leistungen ausgezeichnet wurden, deren Notenstand zum Teil bei 4 lag. Ich hingegen hatte Noten von 1 bis 3 und war sogar Klassensprecher. Gerade meine Schriftplatten hatte mein Berufsschullehrer als außerordentliches Musterbeispiel behalten. Selbst in den politischen Fächern, wie zum Beispiel Marxismus-Leninismus hatte ich Bestnoten.

Mir war zu dieser Zeit bereits klar, dass dieses System nie funktionieren kann und wird. Im Gegenteil, die DDR entfernte sich eher von diesen Grundsätzen und wurde immer mehr zur Diktatur. Das bestärkte mich in meinem Endschluss, mit 18 Jahren die Ausreise aus der DDR zu beantragen.

Es kam anders. Ich lernte meine Frau Karin kennen- und lieben. Ich machte ihr aber deutlich, dass ich Christ bin, was nicht selbstverständlich in der DDR war, und dass ich nicht in der DDR weiter leben möchte. Sie war zu jener Zeit noch in der FDJ und gehörte keiner Konfession an. Sie trat aus der FDJ aus und wurde in die christliche Gemeinschaft aufgenommen. Daraufhin wollte man ihr den Lehrabschluss nicht aushändigen, denn auszutreten ist noch schlimmer, als gar nicht dabei gewesen zu sein. Zu jener Zeit wurde auch eine Akte über sie angelegt.

Der Entschluss zur Ausreise

Erst nach unserer Hochzeit und reichlich Überlegung beantragten wir 1985 die Ausreise. Ich wollte meinen Kindern das ersparen, was ich mitmachen musste. Rückblickend hätten wir schon viel eher den Ausreiseantrag stellen sollen. Selbst mein Sohn wurde schon im Kindergarten „bestraft“. Zu gern sang er das Lied von den Gropiuslärchen „Berlin, Berlin, dein Herz kennt keine Mauern“. Ein Titel aus Gesang und Reden von Politikern von Ost und West. Normalerweise wurden im Kindergarten schon politische Lieder gesungen, wie „Wenn ich groß bin, fahre ich einen Panzer…“.

Finanziell lohnte sich ein Wechsel in einen staatlichen Betrieb. Für weniger Arbeit mehr verdienen. Ich war sehr irritiert, dass es so lange Pausen dort gab und man unmotiviert arbeitete.

Beruflich wurde ich nach unserer Ausreiseantragstellung immer mehr schikaniert. So wurde ich als Heizer sieben Tage die Woche von 2 Uhr früh bis nachts 23 Uhr eingesetzt. Bei einer Situation war ich im Umkleideraum in der Firma von zwei Kollegen in Bedrängnis gesetzt, von denen bekannt war, dass sie für die Staatssicherheit arbeiten, Einer wollte mich zusammenschlagen. Einer der beiden mischte sich aber ein und hielt ihn zurück.

Wenn dies wirklich geschehen wäre, was hätte ich machen sollen? Anzeigen – wer hätte mir geglaubt. Ich erzählte die Geschichte zwar dem obersten Leiter. Ich wollte das nicht nochmal erleben. Wie sich später herausstellte, lobte mich der Betriebsleiter in höchsten Tönen, dass ich es fast nicht glauben konnte.

Fleißig, höflich. Er war jedenfalls nicht so einer der mich schikanierte. Ganz im Gegenteil vom Bereichsleiter der Firma, der durch sein aggressives Auftreten in der ganzen Firma unbeliebt war. Er beurteilte mich genau gegenteilig. Nur durch Krankheit konnte ich mich dem entziehen.

Im Mai 1989 erhielten wir den so genannten Laufzettel. Eine Bescheinigung, dass man keine Schulden hat. Das war für uns ein Hinweis, dass jetzt bald was passiert. Wir spendeten unserer Kirche, Geld, kauften Sachen für den Neustart. Bei einer Abschiedsfeier schon einige Tage bevor wir rausflogen, meinte ein Kollege noch: „Dass, die Grenze aufgeht werden wir und unsere Kinder nicht erleben, vielleicht unsere Enkel“. Das Wunder geschah- Im selben Jahr ging noch die Grenze auf. Am 8. Juni 1989 sind wir dann mehr oder weniger aus der DDR „rausgeflogen“.

Im nächsten Teil erzählt Andreas Thomas, wie er im Landkreis Cham Arbeit und neue Heimat gefunden hat.

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