mz_logo

Region Cham
Dienstag, 19. Juni 2018 24° 3

Katastrophen-Szenen

Die blutige Kunst des Grauens

Knochenbrüche, Schädelwunden und Pfählungsverletzungen gehören zum Spezialgebiet von Thomas Rackl und Steffi Guldan.
Von Johannes Schiedermeier

  • Der Schädelbruch hat Humor und nimmt sein Schicksal locker. Allerdings muss er feststellen, dass er wegen der aufgeschminkten Blutpfropfen nur noch durch den Mund atmen kann und auf keinen Fall niesen darf, weil sonst alles wegfliegt. Foto: Schiedermeier
  • Thomas Rackl und Steffi Guldan präparieren das realistische Opfer eines Frontalzusammenstoßes mit schwerer Kopfwunde und offenem Oberschenkelbruch. Drei Stunden später wird der Mann zu Übungszwecken eingeklemmt in einem umgestürzten Ford Fiesta bei Göttling liegen. Foto: Schiedermeier
  • Die Grafenwiesener Feuerwehr stellt die Verletzten des ersten Übungsabends. Sieht irgendwie aus wie eine Truppe Untoter kurz vor Drehbeginn. Vor Ort ist der Spaß aber dann vorbei. Jeder mimt seinen Part, so realistisch er kann. Manchmal durchaus gruselig. Foto: Schiedermeier
  • Im Wald sieht das Werk der Schminkmannschaft des Rettungsdienstes dann ziemlich realistisch aus. Quetschwunden und offene Brüche werden vor Ort transportfähig versorgt, dann geht es ab zum Rettungswagen am Waldrand. Foto: Schiedermeier
  • Da liegt er nun, live in der Übung: der Auslöser der Katastrophe am Roßberg. Ein Rettungssanitäter versorgt die Brandwunden. Kurz darauf setzt die Notärztin die Schmerzspritze. Dann kommt die Bergwacht mit der Radtrage zur Bergung aus unwegsamem Gelände. Foto: Schiedermeier

Cham.Kevin Ruhland sieht übel aus. Große Teile seiner geröteten Haut schälen sich in Fetzen von seinem Körper. Das Gesicht ist rußgeschwärzt. Er blickt ein wenig fassungslos an sich herunter und grinst dann: „Das spannt alles ein wenig und sieht richtig fies aus. Aber den Schmerz dahinter kann man sich wohl trotzdem nicht vorstellen.“ Kevin Ruhland von der FFW Grafenkirchen ist das erste Opfer des „Roten Ebers“. Genau genommen wird er laut Drehbuch in genau einer halben Stunde die Katastrophe auslösen, die den Roßberg bei Chamerau in Flammen setzt.

Der Schädelbruch hat Humor

In einem Raum der Chamerauer Schule bereiten sich die Hauptdarsteller an diesem Tag auf die Katastrophe vor: die Opfer. Thomas Rackl und Steffi Guldan sind in ihrem Element. Sie sind die Meister des künstlichen Grauens. Sie schminken realistische Kopfplatzwunden, modellieren offene Oberschenkelbrüche und Schädelwunden.

Der Schädelbruch hat Humor: „Ich fühl mich gut!“ Viereinhalb Stunden später sollte er das für sich behalten, wenn er aus einem Auto bei Göttling gerettet wird. Crash-Rettung. Die wird nur angewendet, wenn der Patient sich ohnehin verabschieden will. Momentan bekommt der Schädelbruch allerdings recht irdische Probleme: Die geschminkten Blutgerinnsel in seiner Nase machen das Atmen schwer: „Ich kann nur noch durch den Mund atmen und wenn ich niese, fliegt das weg.“ Die anderen lachen. Noch.

Der offene Unterschenkelbruch fühlt plötzlich die Schwerkraft. Der herausstehende Knochensplitter verrutscht langsam nach unten. Das heißt nachschminken und auf einer Bank sitzenbleiben bis zum Einsatz – in vier Stunden!

Seit mehr als 20 Jahren sind Thomas Rackl und Steffi Guldan beim BRK zuständig für das realistische Aussehen ihrer Opfer. Am Fenster stehen auf mehreren Schulbänken Koffer mit einem Arsenal von Hilfsmitteln. Knetmasse, Schminke, Derma-Wax und seit neuestem Bongo. Das ist ein Kunststoffblock, in dem Wunden vorgeformt sind. Der Hohlkörper wird mit Knetmassen zugekleistert, die dann zum Beispiel auf das Hirn eines Grafenwiesener Feuerwehrlers gedrückt wird und nachgeschminkt eine ziemlich üble Schädelwunde bewirkt. Der gute Mann hat am linken Bein dazu auch noch einen veritablen offenen Bruch, aus dem appetitlich ein blendendweißes Stück Knochen ragt. Damit wird er am Abend als Absturzopfer nach einem Löschversuch in unwegsamem Gelände geborgen werden.

Brandopfer in 15 Minuten

Rund 15 Minuten dauert es, um ein übles Brandopfer herzustellen. Kevin Ruhland bekommt Gelatineplatten aufgelegt, die anschließend angeschmolzen und rot überschminkt werden. Das Ergebnis ist ziemlich grausig und wird von einem rußgeschwärzten Gesicht komplettiert. Eine halbe Stunde später wird es in den Wald nahe der Sternwarte am Roßberg verfrachtet.

Ruhland ist damit laut Drehbuch der Auslöser der Katastrophe. Beim Arbeiten mit seinem Rückewagen ist ein Hydraulikschlauch geplatzt und der Wald gerät in Brand. Ruhland flüchtet unter Schock mit schweren Brandwunden, bis er rund 100 Meter weiter neben einem Baum zusammenbricht. Dort wird er kurz darauf von einem Erkundungstrupp gefunden, von Rettungssanitäter und Notärztin nach allen Regeln der Kunst versorgt und anschließend aus dem unwegsamen Gelände von der Bergwacht mit einer Radtrage zum Rettungswagen am Waldrand transportiert.

Am nächsten Tag werden Rackl und Guldan mit einer zehnköpfigen Mannschaft die 30 Verletzten für den Busunfall und drei weitere für den abgestürzten Pkw produzieren. Es wird furchtbar aussehen. Wie immer. Aber wer in der Realität bestehen will, muss in Übung bleiben. Und dazu braucht es die Meister des Grauens.

So schminkt man einen Schädelbruch

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht