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Literatur

Die böhmische Köchin war Respektsperson

100 Jahre regierten Köchinnen im bürgerlichen Haushalt. Das Literarische Café erinnert an die Königsklasse der Dienstboten.
Von Alois Dachs

Marta Klement (v. li.), Vorsitzende Elke Pecher und die Referentin Katerina Kovackova vor dem Bild der böhmischen Köchin Magdalena Dobromila Rettigova, die das bekannteste Hauskochbuch Böhmens verfasste. Foto: Dachs
Marta Klement (v. li.), Vorsitzende Elke Pecher und die Referentin Katerina Kovackova vor dem Bild der böhmischen Köchin Magdalena Dobromila Rettigova, die das bekannteste Hauskochbuch Böhmens verfasste. Foto: Dachs

Bad Kötzting.Sie galten als freimütig, fortschrittlich, kühn und zupackend – keine selbstverständlichen Attribute für Frauen zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Die böhmischen Köchinnen hatten sich in vielen bürgerlichen Haushalten ihren Aufstieg in die „Königsklasse der Dienstboten“ erarbeitet. Das machte Katerina Kovackova aus Pilsen bei einem Abend zum Literarischen Café im Gasthof zur Post deutlich.

„Feine Leute essen wenig“, habe beispielsweise eine Köchin zur Beschwerde ihrer Herrschaft über ständig zu kleine Portionen erklärt, sagte die 1981 in Pilsen geborene Referentin, die nach einem Studium in München als Schriftstellerin und Übersetzerin die gemeinsame deutsch-tschechische Geschichte und Kultur erforscht.

Sie liebt die Sprache

Wie sehr Literatur und böhmische Küche verbunden sind, machte sie bei ihrem Vortrag „Zwischen Liwanzen, Kolatschen und Krensoße“ deutlich. „Ich liebe die deutsche Sprache und das deutsch-böhmische in meinem Land“, sagte Kovackova. Sie will Zeichen setzen gegen zunehmenden Nationalismus, so wie auch die böhmische Köchin mit ihrem reichen Schatz an Wissen rund um Haushalt, Essen und Lebensmittel ein Bindeglied zwischen deutsch-böhmischen und tschechischen Haushalten des Bürgertums war.

Ohne Zweifel habe die im katholischen Böhmen dominierende Marienverehrung dazu beigetragen, die Rolle der Frauen in der böhmischen Küche zu stärken, sagte die Referentin: „In jeder Frau wurde der Abglanz Mariens gesehen“, nicht „ein Gefäß der Sünde“, wie es in evangelischen Kreisen formuliert worden sei.

Die Dominanz der böhmischen Köchinnen bei der Haushaltsführung sei wohl auch darauf zurückzuführen, dass im Bürgertum des habsburgischen Kaiserreiches schon erste Anzeichen des bevorstehenden Untergangs spürbar waren.

Der Austausch von Rezepten unter Köchinnen wurde damals beinahe mit dem Verrat von Staatsgeheimnissen gleichgesetzt, so die Referentin. Viele hätten ihren Dienst als Kindermädchen begonnen und seien auch später noch in der Küche begehrte Erzählerinnen und Erzieherinnen für die Kinder gewesen.

Disziplin und Willen

Disziplin und Willensstärke seien herausragende Eigenschaften der Köchinnen gewesen, die nicht selten seelisches Elend erlebten, wie es zum Beispiel Gertraud Fussenegger in ihrem Roman „Das Haus der dunklen Krüge“ beschreibe, sagte Kovackova.

Als „Bibel der Kochbücher“ gelte noch heute das zwischen 1826 und 2004 vielfach aufgelegte „Hauskochbuch“ von Magdalena Dobromila Rettigova. Suppen, Soßen und Knödel hätten viele Küchengeheimnisse beinhaltet, wobei die böhmische Küche, eine „Arme-Leute-Küche“ gewesen sei, in der alles verwertet wurde, erklärte die Referentin Katerina Kovackova.

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