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Kultur

Die geheime Stimme am Kunst-Telefon

Eine Unbekannte sprach im Chamer Cordenhaus per Telefon mit Besuchern. Dahinter steckt die junge Künstlerin Louise Lang.
Von Elisabeth Angenvoort

Louise Lang möchte mit ihrem Projekt neue Wege der Kunstvermittlung öffnen.  Foto: Elisabeth Angenvoort
Louise Lang möchte mit ihrem Projekt neue Wege der Kunstvermittlung öffnen. Foto: Elisabeth Angenvoort

Cham.Die Stimme einer Unbekannten spricht am Telefon mit Ausstellungsbesuchern über Fotokunst. Und das Rätsel ist groß, wer da am anderen Ende der Leitung sitzt. Als „Annika Wegener“ hatte sie ihr Projekt „Call after Art“ für die Ausstellung „Home“ von Olaf Unverzart und Thomas Dworzak im Chamer Cordonhaus vorgestellt. Die Suche nach der Person hinter dem Namen ging allerdings – wie beabsichtigt – zunächst ins Leere. Denn Louise Lang aus Gleißenberg, die junge Frau hinter dem Pseudonym, ist im Landkreis Cham keine Unbekannte. Und das, so sagt sie, sollte nicht vermischt werden mit ihrem aktuellen Projekt.

„Bei Anruf Kunst“, so könnte man dieses Projekt nennen. Die Idee dahinter ist Teil von Louise Langs Abschlussarbeit, die sie im Fachbereich „Kunstvermittlung“ schreibt. Louise Lang, vor etwa einem Vierteljahrhundert als Tochter des Künstlers Peter Lang in Oberbayern geboren, wuchs in Gleißenberg in einem Haus auf, in dem Kunst allgegenwärtig war: „Das ganze Kunstbildungsprogramm, das hat unser Vater zuhause mit uns gemacht“, sagt sie. Sie wollte sich jedoch schon bald bewusst von einer künstlerischen Laufbahn abgrenzen und entschied sich, das Glasmacherhandwerk zu erlernen. Nach Abschluss ihrer Ausbildung zur Glasmacherin und zwei Jahren „rund um den Glasglobus“ auf „Weiberwalz“, wurde ihr das Handwerk dann doch „zu eng“, und sie immatrikulierte sich an der Hochschule für bildende Künste in Braunschweig.

Beruf

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Louise Lang aus Gleißenberg reiste zwei Jahre lang mit Franca Tasch durch die Welt und sammelte Erfahrungen in den Glashütten.

Ausstellung war Glücksfall

Lang, die sich dem Bayerischen Wald sehr verbunden fühlt und zeitweise in ihrem Gleißenberger Elternhaus lebt und arbeitet, suchte bewusst nach einem heimatverbundenen Thema für ihre Abschlussarbeit. Die Ausstellung „Home“ war ein Glücksfall. Die Frage, ob und wie Kunst denn zu vermitteln ist, öffnet ein weites Feld, sagt Lang. Sie wolle die Dinge nicht zu sehr instrumentalisieren, erklärt sie ihre Herangehensweise, sondern den Blick vielmehr auf das Wesentliche lenken. Dazu gehöre, sich selbst zurückzunehmen: „Denn wenn ich persönlich nicht in Erscheinung trete, ist der Kunstbetrachter nicht von seinem Blick auf das Kunstwerk abgelenkt.“

Porträt

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Peter Lang ist der wichtigste lebende Chamer Künstler. Er bringt nicht nur die Schönheit ferner Länder auf die Leinwand.

Um den Betrachter dennoch zu begleiten, hat sie das Telefon als vertrauten Alltagsgegenstand und zugleich verbindendes Medium gewählt, an dessen Enden man anonym bleiben kann: „Der Dialog passiert zwischen zwei Personen an unterschiedlichen Orten.“ Das sei wie beim Trampen, sagt sie: Die Tür geht auf und man begegnet einem fremden Menschen.

Scheitern in kauf genommen

Ihr sei bewusst gewesen, dass dieser Versuch, die „Rohfassung“ ihres Konzepts zur Vermittlung von Kunst, an der Hemmschwelle scheitern könnte, die in den meisten Fällen einen Menschen davon abhält, spontan ein Gespräch mit einem unbekannten Partner zu beginnen. Die Ausgangssituation wäre demnach durchaus verbesserungswürdig, stellt sie fest: durch bewusstes Einladen zum Gespräch, zum Beispiel mit einem direkten Hinweis auf die Möglichkeit dieser Art von Kunstvermittlung, eventuell im Rahmen der Ausstellungseröffnung. Innerhalb der ersten Testphase seit September haben bisher fünf (männliche) Anrufer das Gespräch mit ihr gesucht, für jeweils 30 bis 90 Minuten.

„Ich möchte den Dingen, die man betrachtet, mehr Zeit geben.“

Louise Lang, Künstlerin

Sie habe festgestellt, dass sie danach „mental erschöpft war“, gesteht Lang, was ja im Grunde ein gutes Zeichen für die konzentrierte Situation sei. Auch den „Stand by Modus“ des Wartens auf Anrufer im festgelegten Zeitfenster habe sie sich einfacher vorgestellt. Wie lief denn nun ein solcher Anruf ab? Und wie hat sie sich darauf vorbereitet? Im Vorfeld habe sie ausführlich persönlich mit den beiden Künstlern gesprochen, erzählt Lang, und sich wiederholt die Ausstellung angesehen, bis sie jedes Bild an seinem jeweiligen Platz in ihrem Kopf hatte.

Das Projekt zur Ausstellung „Home“

  • Das Projekt:

    Für ihre Abschlussarbeit stellt Louise Lang mit ihrem Konzept „Call after Art“ eine Möglichkeit der Kunstvermittlung dar. Wer Fragen zur Ausstellung „Home“ mit ihr via Telefon besprechen will, hat noch Gelegenheit: am Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr.

  • Die Ausstellung:

    Bei „Home“ im Cordonhaus werden Werkzyklen des Chamer Magnum-Fotografen Thomas Dworzak (geboren 1972 in Kötzting) und des Waldmünchner Fotokünstlers Olaf Unverzart (geboren 1972 in Waldmünchen)zum Thema Heimat gezeigt.

  • Die Auswertung:

    Nach jedem Telefonat mit Louise Lang sollten Anrufer die Feedback Karte der Notizsammlung zum Projekt ausgefüllt und im bereitgestellten Call After Art Kasten abgegeben werden. Weitere vergleichbare Projekte sind angedacht.

Für die Serie „Home“ von Thomas Dworzak habe sie sich „Ankerbilder“ geschaffen, entsprechend zu den drei Heimat-Orten: „Dann kann ich alle anderen dazugehörigen Bilder abrufen, wenn der Link in meinem Kopf aufgeht“, erklärt sie. Ihre Eingangsfrage sei gewesen: „Wo stehen Sie, was sehen Sie gerade?“ Interessanterweise hätten alle Anrufer ihren Rundgang durch die Ausstellung mit der Serie „Feldpost“ begonnen; die Beschreibung dieser Installation war der erste vermittlerische Moment. Die vielen Karten boten eine gute Einstiegsmöglichkeit, und man kam schnell ins Gespräch.

Kultur

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Schon als Kind sammelte sie Scherben, mit 16 ging es auf die Glasfachschule. Jetzt studiert die Glasmacherin (27) Kunst.

Fototechnisch sei die Ausstellung ideal, da viele verschiedene Formate und Herangehensweisen bedient werden: „Das ergibt eine Riesen-Bandbreite, über die man reden kann.“ Auf diese Weise führte Lang die Anrufer durch die gesamte Ausstellung: „Wie wenn man durch einen Park wandert und allmählich zum Ausgang kommt. Man beschreitet miteinander einen Weg, man kann schnell gehen oder schlendern, und irgendwann geht man wieder auseinander.“

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