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Geschichte

Die „Killing Fields“ bei Pösing

597 KZ-Tote wurden 1945 auf den elf Kilometern zwischen Diebersried und Pösing verscharrt. An die Todesmärsche erinnert heute nur noch wenig.
von Thomas Mühlbauer

  • Dr. Ulrich Fritz zeigt das KZ Flossenbürg mit seinen Außenlagern.Fotos: Mühlbauer
  • Dr. Ulrich Fritz, Dr. Jörg Skribeleit, Gemeindereferentin Monika Urban und Michael Neuberger von der KEB.

Roding. Fast bis auf den letzten Platz gefüllt war das Rodinger Pfarrheim bei einem Vortrag am Mittwochabend über die Todesmärsche aus dem Konzentrationslager Flossenbürg im April 1945. Die meisten dieser Todesmärsche hatten in der Region um Roding und Cham ihr Ende gefunden.

Organisiert wurde der Abend von der Katholischen Erwachsenenbildung des Landkreises Cham in Zusammenarbeit mit dem Dekanat Roding. Neben den zahlreichen Zuhörern konnte Michael Neuberger von der KEB Cham, die Referenten, den Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg Dr.Jörg Skribeleit und den Vorsitzenden der Stiftung der Bayerischen Gedenkstätten, Dr. Ulrich Fritz begrüßen. Neuberger sagte einführend, dass man sich nicht zum ersten Mal mit diesem Thema beschäftige, die Geschehnisse von damals wurden vor gut einem Jahr auch durch den Buchautor Thomas Muggenthaler und einen Zeitzeugen dargestellt.

Fritz sagte zu Beginn, dass er bei der Stiftung der Bayerischen Gedenkstätten beschäftigt ist. Für ihn seien solche Veranstaltungen immer interessant, weil er oft neues aus dem Publikum erfahre. Jörg Skribeleit ist seit gut 15 Jahren Leiter der Gedenkstätte und Ausstellung im ehemaligen KZ-Lager Flossenbürg nördlich von Weiden.

Das KZ-Flossenbürg wurde im Mai 1938 gegründet. Geplant war es ursprünglich für den Granitabbau in dieser Region. Die SS habe sich davon ein profitables Geschäft erhofft. Die ersten Häftlinge waren überwiegend Deutsche, sogenannte Kriminelle, schon bald kamen aber überwiegend Bewohner aus den besetzten Ostgebieten (Polen, Tschechien, Russland) in das Lager.

Leben der Häftlinge war nichts wert

Das Leben der Häftlinge war hier nichts wert, so gab es viele Tote durch die harte Arbeit, brutale Schikane und Unterernährung. Um die Kriegsproduktion von Rüstungsgütern weiter aufrechtzuerhalten, wurden ab Mitte 1944 eine Vielzahl von Außenlagern gegründet, in den rechtlose KZ-Insassen arbeiten mussten. Das Konzentrationslager Flossenbürg war der der Verwaltungssitz der Außenlager von Leitmeritz im Osten bis nach Hersbruck im Westen. Die meisten dieser Außenlager gab es allerdings im sächsischen Industriegürtel. Von Flossenbürg aus wurden all diese Lager mit Arbeitskräften versorgt.

Die Inhaftierten waren anfangs meist zivile Zwangarbeiter, auch aus unserer Region, denen Verbrechen zur Last gelegt wurden, nur damit sie die Gestapo verhaften konnte. Einige von diesen wurden auch vor Ort ermordet. Hier zeigte Fritz ein Foto von einer Hinrichtung aus der Nähe von Michelsneukirchen. In der Drehscheibe „Flossenbürg“, wie er das Lager bezeichnete waren bis zu 15000 Häftlinge einquartiert, während der Ort Flossenbürg damals selbst nur 1500 Einwohner zählte.

Allein die Masse an Häftlingen auf der relativ kleinen Lagerfläche lässt ahnen, dass die Versorgung der Häftlinge und die Hygiene sehr problematisch war.

Ab dem 16. April 1945 wurde das Lager in Flossenbürg evakuiert, zu Fuß und teilweise per Viehwaggon wurden die Häftlinge in Richtung Süden, zum KZ-Lager in Dachau getrieben, aber nur die wenigsten davon kamen an. Hintergrund dieser Aktion war, dass die KZ-Häftlinge den vorrückenden Amerikanern nicht in die Hände fallen sollten. Bei der Evakuierung wurde mit den jüdischen Häftlingen begonnen. Von den 15000 inhaftierten im Lager blieben knapp 1000 Personen zurück, die für den Marsch zu krank waren. Diese blieben sich selbst überlassen, wie Fritz ausführte.

Die „Todesmärsche“ fanden meist auf kleinen Nebenstraßen statt, abseits von den Hauptstraßen. Meist ging es durch Waldstücke und meist wurde nachts marschiert. Auf diesen Märschen wurde der Schrecken, den die Häftlinge im Lager bereits durchmachen mussten, noch weit übertroffen. Zudem wurde von den SS-Offizieren meist ein hohes Marschtempo vorgegeben, zu Essen gab nichts bis sehr wenig. Meist blieben die Häftlinge bis zu 48 Stunden ohne Nahrungsaufnahme. Diejenigen , die das Tempo nicht mehr mitgehen konnten wurden erschossen. Von den gestarteten Todesmärschen erreichten nur ganz wenige Dachau. In der Folge stellte Fritz anhand einer Karte die Rekonstruktion der damaligen Routen dar. So soll eine Route von Flossenbürg über Rötz nach Roding geführt haben. Von den Märschen selbst gibt es aber keine Fotos nur ein Bild, dass der Rodinger Malermeister Dieß aus der Erinnerung gemalt hat, das einen „Todesmarsch von Pösing nach Wetterfeld“ zeige.

Keine Bilder aus Deutschland

Dr. Jörg Skribeleit stellte zu Beginn seiner Ausführungen die Frage in die Runde: „Wer schaut hin? Wer dokumentiert so etwas? Aus Deutschland selbst gibt es fast keine Bilder. So gebe es von den Todesmärschen nur Bilder von einem gestoppten Todeszug aus Roztoky (nahe Prag). Hier wurde ein Zug aufgehalten und an die 200 Häftlinge befreit. Wie er weiter sagte, werde es nie gelingen, alle Routen der durchgeführten Todesmärsche zu rekonstruieren. Diese Routen haben sich meist stündlich geändert, war es doch abhängig vom Vorrücken der Alliierten und auch vom Wetter. Die damals entstandenen Massengräber wurden meist durch den Geruch der Leichen entdeckt. Die Amerikaner waren anschließend bestrebt, diese Massengräber ausfindig zu machen und den Häftlingen wenigstens ihre „Würde zurückzugeben“. So wurden sie in KZ-Friedhöfen wie unter anderem in Wetterfeld beerdigt. Insgesamt wurden mindestens 20000 Häftlinge von Flossenbürg aus auf die Todesmärsche geschickt. An der Marschroute fanden die US-Soldaten rund 5000 Tote. Diese „Killing Fields“, so Skribeleit später, entsprächen dem, an was die Weltöffentlichtkeit heute bei den Stichworten wie Bosnien oder Kambodscha denke. Entsprechend sei unsere Region 1945 von der Weltöffentlichkeit wahrgenommen worden.

597 Gräber auf elf Kilometern

Kurz ging er auch darauf ein, dass auf einer Länge von elf Kilometern von Diebersried nach Pösing von einer polnischen Untersuchungskommission im Jahre 1946 an die 597 Häftlinge exhumiert worden sind. Die polnischen Ärzte verhielten sich dabei forensisch korrekt. Sie beschrieben die Todesarten genau: ob erschossen, von Gewehrkolben erschlagen oder lebendig begraben. Von den 597 Häftlingen konnte die Ärzte nur 20 identifizieren. Bei Wetterfeld war ein zentraler Friedhof, wo die KZ-Toten beerdigt wurden. Mitte der 50er Jahre wurden diese KZ Friedhöfe aufgelöst, und die Toten erneut in den Zentralfriedhöfen in Flossenbürg und Dachau bestattet. Heute, so hatte Fritz eingangs erwähnt, gibt es im Landkreis Cham noch fünf Erinnerungsstätten an die KZ-Toten.

Im Anschluss an diese Ausführungen hatten die Besucher des Vortrages die Möglichkeit ihre Erlebnisse zu schildern und Fragen zu stellen. Unter anderem wurde von einem Zuhörer angeregt, die Routen der Todesmärsche genauer zu erforschen und dies auch möglichst schnell zu machen, da die letzten verbliebenen Zeitzeugen sterben. Eine Anwesende meinte, dass man die Gedenkstätten und Gedenksteine erhalten und schaffen sollte. Abschließend bedankte sich die Katholische Erwachsenenbildung in Person von Michael Neubauer bei den beiden Referenten für den aufschlussreichen Vortrag.

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