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Die Krise zeigt, was schief läuft

Der Amerikanische Traum ist geplatzt – nicht erst seit George Floyds Tod, sagt Tilo G. Copperfield. Wir haben ein Problem.
Von Tilo George Copperfield

Der Musiker Tilo George Copperfield schreibt diesmal über wachsenden Rassismus und Ungleichheiten.
Der Musiker Tilo George Copperfield schreibt diesmal über wachsenden Rassismus und Ungleichheiten. Foto: Carmen Wiendl

Cham.„Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, „vom Tellerwäscher zum Millionär“, das „Promised Land“ – es sind Begriffe wie diese, die wir mit den Vereinigten Staaten von Amerika verbinden und mit dem berühmten „American Dream“. Ein Versprechen, dass es jeder zu was bringen kann, wenn er nur fleißig ist und sich ordentlich reinhängt. Eine Philosophie, die seit dem Eintreffen der puritanischen Gründerväter im kollektiven Bewusstsein fest verankert ist. Sie ist damit auch der Grundstein für viele schillernde Musikerkarrieren. Von Chuck Berry über Frank Sinatra bis hin zu Lady Gaga oder Madonna: Die Liste könnte man beliebig fortführen.

Dieser Traum gilt ja mehr oder weniger für die gesamte westliche Welt, er wurde adaptiert. Die Beatles, die Rolling Stones, Peter Maffay, Marius Müller Westernhagen, sie alle sind hart arbeitende „Mucker“, die sich nach oben gearbeitet haben. Sie repräsentieren das, was wir alle erreichen möchten, egal welchen Job wir uns ausgesucht haben. Die Stars liefern uns dafür den Soundtrack und leben stellvertretend den Traum. Leider ist es nur ein Traum.

Denn die Realität sieht anders aus. Das Versprechen, dass man alles erreichen kann, unabhängig von Hautfarbe, Religion oder sozialer Herkunft, ist nicht einlösbar. Gerade in den Vereinigten Staaten geht die Gleichung schon lange nicht mehr auf. Bruce Springsteen hat schon Ende der siebziger Jahre die Risse in dieser Vorstellung aufgezeigt. Er war und ist immer noch die Stimme von Millionen von Menschen, die sich täglich durchkämpfen müssen – mit drei Jobs, weil einer zum Leben nicht reicht, mit ständiger Angst vor Rassismus oder Mobbing und mit null Perspektive auf ein besseres Leben, egal wie schwer man sich abrackert.

Die Ausschreitungen aufgrund der öffentlichen Hinrichtung – anders kann ich es nicht bezeichnen – des Afroamerikaners George Floyd zeigen, wie sehr wir von einem idealen Gesellschaftsbild entfernt sind. Ein Präsident, der nicht mit Mitgefühl reagiert, sondern Öl ins Feuer gießt, erinnert mehr an die Kriegsrhetorik eines Kim Jong Un als an die positive Ausbruchstimmung, die wir in der heutigen Zeit mit all ihren Unsicherheiten vom Präsidenten der sogenannten „Freien Welt“ dringend erhoffen würden.

Prinzip des Stärkeren ist Problem

Aber auch hier ist Amerika leider derzeit ein Spiegelbild der gesamten Welt. Überall nehmen Rassismus und Ungleichheiten zu. Die Marktwirtschaft und das damit verbundene Prinzip von Wachstum und Gewinnmaximierung ist in der westlichen Welt fest verankert. Das Prinzip des Stärkeren zieht sich durch unsere Gesellschaft. Unternehmen sind dazu verdammt, erfolgreich zu sein, sonst werden sie von anderen Unternehmen geschluckt oder können im erbitterten Preiskampf nicht mithalten. Und wir alle wollen die größtmögliche Rendite für unsere Geldanlage, unser Investment bekommen. Wir wollen soviel wie möglich verdienen. Damit sind wir alle Teile dieses Puzzles.

Kolumne

Mixtapes öffneten Himmel und Hölle

Selbst zusammengestellte Kassetten waren früher der heißeste Stoff. Sie haben nicht selten das Leben ihrer Hörer geprägt.

Je älter ich werde, umso mehr erkenne ich, dass alles miteinander zusammenhängt. Der bildhafte Schmetterlingsflügel, der am anderen Ende der Welt einen Taifun auslöst, ist Realität. Leider wollen einige Meinungsmacher und Politiker uns weismachen, dass die Welt leicht zu durchschauen ist. Sie bieten einfache Lösungen für komplexe Probleme – und zu viele von uns fallen darauf rein. Das ist fatal. Zumal diese einfachen Vorstellungen dann auch mit dem Mittel der Gewalt durchgesetzt werden.

Es macht mich persönlich traurig, dass gerade mein musikalischer Sehnsuchtsort Amerika so schwer unter dieser harten Realität leidet. In Zeiten der Krise treten die Ungleichheiten deutlicher hervor als je zuvor. Wie bei einer Wunde, die man reinigt und erst dann sieht, wie tief der Einschnitt ist, machen sich die von Legislaturperiode zu Legislaturperiode weitergereichten Probleme jetzt bemerkbar.

Kolumne

Bill machte das Unmögliche möglich

Obwohl er stotterte, machte Bill Withers Karriere als Sänger. Auch von ihm, meint unser Kolumnist, können wir viel lernen.

Die Armen und sozial Benachteiligten haben, auch bei uns in Deutschland, keine Lobby – außer vielleicht Bruce Springsteen, Bob Dylan oder Rage against the Machine. Kein Öl- oder Automobilkonzern setzt sich für sie ein. Auch, was Kultur und Künstler bei uns im Land wert sind, sehen wir gerade bei dem Chaos in Sachen Coronahilfen für Soloselbstständige – eine gute Idee, die bei vielen nicht ankommt und in Bürokratie erstickt wird.

Wo ist er also, der „American Dream“, der längst ein gemeinsamer Traum der westlichen Welt ist? Ist er ausgeträumt oder kann er wiederbelebt werden? Schwierige Frage, ich habe keine Antwort darauf. Ich selbst habe mein Leben lang davon geträumt, so erfolgreich mit meiner Musik zu sein, dass ich mir keine Sorgen mehr machen muss. Aber das ist in unserem System denjenigen vorenthalten, die dem Markt genau das geben, was er will.

Konzert

Ein Cowboy aus der Oberpfalz

Eine neue Ausgabe von #Zukunftsmusik: Tilo George Copperfield präsentiert Songs aus seinem neuen Album „Talkin’ Shop“.

Der Musiker ist im System der freien Marktwirtschaft abhängig von seiner Nachfrage – genau wie der Schokojoghurt im Kühlregal. Das muss uns bewusst sein. Und jeder, der da nicht mitspielen möchte, der muss das einfach wissen. Denn auf ihn wartet ein Leben mit Entbehrungen, unregelmäßigen Arbeitszeiten und extremer Unsicherheit. Leben kann er von seiner Arbeit oft nicht.

Künstler können aufrütteln

Das hört sich alles sehr zynisch und negativ an. Aber am Ende zwingt es uns Musiker mit unserer Botschaft zum Weitermachen: Wenn wir jetzt auch noch aufhören, den Finger in die Wunde zu legen und all den Menschen, die keine Stimme haben, unsere Stimme sprichwörtlich zu leihen, wer macht es dann? Wer als Musiker oder Entertainer in der Öffentlichkeit steht, hat die Chance und die Verantwortung, diese Öffentlichkeit sinnvoll zu nutzen und auf Missstände hinzuweisen. Ich möchte nicht, dass der nächste George Floyd ein Kurde, Jude oder Syrer ist, der in Bayern vor unserer Haustüre stirbt, weil wir alle so lange weggeschaut und weggehört haben.

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