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Kultur

Die Kunst ist sein Lebensmittel

Alois Öllinger ist mit seiner Kunst durch Raum und Zeit gewandert – vom Eisernen Vorhang bis zum Centre Pompidou.
Von Michael Gruber

Im ersten Stock des alten Bahnhofs lagert der Bad Kötztinger Künstler Alois Öllinger seinen Schatz. Foto: Gruber
Im ersten Stock des alten Bahnhofs lagert der Bad Kötztinger Künstler Alois Öllinger seinen Schatz. Foto: Gruber

Bad Kötzting.Abtauchen in die Welt der Bilder, der Bleistiftstriche und Farben – in den Zufluchtsort der Fantasie. Was die Kunst mit einem anstellen kann, das spürte Alois Öllinger zum ersten Mal, als er ein Gewehr trug. Winter 1972, Kaserne Oberviechtach, der Kalte Krieg will sich nicht abkühlen. Richard Nixon sitzt im Weißen Haus, die Nato-Pläne sind bekannt. Sobald die Russen anrücken, wird Öllinger als Panzergrenadier das Kanonenfutter sein. Gemeinsam mit den anderen Wehrdienstleistenden robbt er durch den Schlamm, das Wintercampen bei Minusgraden reibt an den Nerven. „Es war nicht die körperliche Belastung, die für mich anstrengend war“, sagt Öllinger, „es ging darum, die Leute emotional zu brechen, hörig zu machen, doch dafür war ich der Falsche.“ Er fing an zu schießen – mit seinem Bleistift. All seine Wut über die Spaltung der Welt und die Hierarchie der Gewalt. Er entlud sie auf dem Papier und zeichnete die ersten surrealen Bilder, die ihn dahin bringen sollten, wo Öllinger heute steht und gesehen wird.

Bautzen, Berlin, Paris, Venedig – mit seinen Werken hat der in Bad Kötzing lebende Künstler die Galerien und Museen der Welt erobert. Im Centre Pompidou und in der Kaiser-Wilhelm Gedächtniskirche am Kuhdamm versammelten sich die Menschen vor seinem ersten Leitmotiv – einer Schale. Mal aus Holz, mal aus Gips, zerstückelt auf dem Boden oder als Gemälde auf der Wand – darin hatte Öllinger am Ende seines Kunststudiums seine Faszination gelegt: „Der Ursprung war ein Getreidescheffel, den ich aus dem Fundus meines Großvaters gezogen hatte.“

Ziel ist das kritische Nachdenken

Es war die Form, die ihn ansprach, weil der Scheffel etwas „Heiliges“ an sich hatte. Und genau danach suchte Öllinger nach seinem Wehrdienst. Er hatte zunächst ein Studium als Grafikdesigner abgeschlossen, entwarf Logos und Werbegrafiken, seine Ideen musste er auf Knopfdruck nach Kundenwunsch verkaufen, egal ob das Ergebnis ihm gefiel oder nicht. Doch bewunderte er damals Joseph Beuys, einen Künstler, der die Menschen mit seinen Aktionen und Plastiken provozieren konnte, die Kunst aus dem Elfenbeinturm auf die Straße brachte, etwas verändert hat. „Das Ziel der Kunst ist es, die Menschen zum eigenständigen und kritischen Nachdenken anzuregen“, sagt Öllinger heute. Mit 64 Jahren und nach knapp 30-jährigem Schaffen weiß er – diese Einstellung kann ernüchternd sein.

Alois Öllingers „Zeit-Räume“

  • Ausstellung

    Aktionen und Bilder aus der Feder von Alois Öllinger von 2002 bis heute sind ab heute im Cordonhaus zu sehen. Darunter die Dokumentation der Regenbogenaktionen, seine Plakataktionen sowie die diversen Interpretationen seiner Schalen in Fotografie und Malerei.

  • Was ist Kunst?

    „Es ist kein Besitz, Kunst ist ein Lebensmittel “, sagt Alois Öllinger. Kunst soll den Menschen bilden wie Literatur und sie ist manchmal auch anstrengend. „Will ich die Werke auf der Documenta verstehen, muss ich mich manchmal einer Strapaze unterziehen.“

  • Installation

    „Landeplätze“ hat Öllinger eine weitere Installation getauft, die im Cordonhaus zu sehen ist. An alten Gebäuden und Museen in Südostbayern hat er aus Edelstahl und Aluminium gefertigte Miniaturbühnen angebracht. Hier sollen Ideen, Einfälle und Inspirationen landen können.

  • Vernissage

    Das Wechselspiel der Darstellungsformen in Malerei, Fotografie und Plastik wird von der Kuratorin Anjalie Chaubal, Leiterin Museen und Galerien, aufgegriffen. Bilder und Aktionen sind räumlich getrennt. Die Vernissage findet am Samstag um 19 Uhr statt.

Steckt die bildende Kunst nicht auch heute in einem Elfenbeinturm fest? Ist sie nur den Eliten zugänglich? „Das Problem entsteht, wenn irgendwelche stinkreichen Kunstsammler Sammlungen in ihren Privatbesitz reißen, um damit angeben zu können“, sagt Öllinger. Aber auch die Wahrnehmung der Menschen hat sich durch die Bilderflut der Digitalisierung verändert. Keiner lässt sich heute mehr von künstlerischen Happenings provozieren, um über große Zusammenhänge nachzudenken. „Die Leute wollen heute nur noch unterhalten werden“, sagt Öllinger. Dabei setzt der Bad Kötztinger Künstler alles daran, die Kunst da sichtbar zu machen, wo sich Menschen begegnen, draußen vor ihrer Haustüre im Landkreis Cham, wo einst die Grenzen des Kalten Kriegs einen eisernen Vorhang zogen. 1992 war das, Öllinger klopfte mit beim damaligen Further Bürgermeister Reinhold Macho an. Seine Idee: Zwei Feuerwehrtruppen sollen sich bei Schafberg das Wasser über die Grenze reichen. Eingefasst in einem mit Holzpflöcken markierten Kreis standen sie wenig später da: Eine Handvoll Feuerwehrler aus Furth und Domazlice formten aus den Wasserfontänen eine Kuppel, die den Frieden zwischen ehemaligen Gegnern mit einem Regenbogen besiegeln sollte. Am 5. August 2000 legte Öllinger nach. Von Lübeck bis Triest griffen rund 1000 Feuerwehrler seine Regenbogenaktion auf und ließen über der Grenzlinie zum ehemaligen Ostblock das Band des Friedens erscheinen.

Ein Mensch muss spielen

In regelmäßigen Abständen wollte Öllinger dieses Aufeinandertreffen wiederholen: 2004 zur EU-Osterweiterung, 2009, 2014. Und 2019? „Sieht man, wie schwierig es geworden ist, da braucht man nur nach Ungarn schauen.“ Es ist ein ständiger Kampf, den ein Künstler führen müssen – gegen die Grenzen auf der politischen Landkarte oder die in den Köpfen. Seine Bühne hat Öllinger bei seinem Schaffen inzwischen anderen überlassen: Christoph Schlingensief oder Pete Doherty zum Beispiel. „Bühnenträger“ hat Öllinger seine Plakataktion getauft, für die er über 500 Menschen, darunter Freunde, Musiker und Künstler, mit einer gefalteten Papierbühne abgelichtet hat. „Der Mensch ist nur da Mensch, wo er spielt“, blickt Öllinger zurück, „das hat schon Schiller gesagt. Ich sehe mein Wirken da, wo es möglich ist. In der Region, in meiner Umgebung.“ Deswegen: Ab Samstag ist seine Werkgeschichte im Cordonhaus in Cham zu sehen.

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