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Geschichte

Die kurze Geschichte des Burschenvereins

Mit der Machtergreifung der Nazis löste sich der Burschenverein Stamsried vor 85 Jahren stillschweigend auf.
Von Jakob Moro

Der Katholische Burschenverein spielte im Jahr 1930 Theater.
Der Katholische Burschenverein spielte im Jahr 1930 Theater.

Stamsried.Vor 85 Jahren, 1933, ergreifen die Nationalsozialisten die Macht. Versammlungs- und Pressefreiheit werden per Notverordnung erheblich eingeschränkt. Das Reichstagsgebäude brennt. Notverordnungen setzen die politischen Grundrechte außer Kraft. Der Reichstag verabschiedet das Ermächtigungsgesetz. Hitlers Regierung kann Gesetze ohne das Parlament erlassen. Die Gewerkschaften werden praktisch verboten...

All dies ging auch an Vereinen, vor allem christlicher Art, nicht spurlos vorüber, wie am Beispiel des Katholischen Burschenvereins Stamsrieds ersichtlich ist. Im Zuge der „Gleichschaltung“ wurde auch dieser Verein aufgelöst. Die Gleichschaltung war der gelungene Versuch der Nationalsozialisten, abweichende Meinungen und abweichende gesellschaftliche Gruppierungen zu verhindern.

In der Zeit des langjährigen Stamsrieder Pfarrers Josef Stahl sowie der Kooperatoren Albert Mandl, Josef Fichtl und Isidor Haustein war der Katholische Burschenverein Stamsried gegründet worden. Er bestand keine vier Jahre bestand. Der letzte Eintrag ins Protokollbuch des Vereins datiert vom 19. März 1933. Die örtlichen Hintergründe, die zur stillschweigenden Auflösung führten, sind nicht bekannt.

Mit großem Aufwand verarbeitet

Im Besitz des Stamsrieder Mesners Paul Pongratz befinden sich neben dem Protokollbuch einige Fotos von der Gründung des Vereins. Die Burschenfahne wird bis heute in der Sakristei der Pfarrkirche aufbewahrt. Es handelt sich um eine sehr schöne, aufwendig verarbeitete Fahne. Die Vorderseite ist grün und zeigt die Stamsrieder Mariensäule. In den vier Ecken steht: „Treu Heimat“, „Treu Kirche“, „Treu Glauben“ und „Treu Verein“, die Rückseite ist in dunklem Rot gehalten, in der Mitte ist das Bildnis des Heiligen Aloisius zu finden.

Eine Erinnerung an die Fahnenweihe 1931: Sie fand am Kriegerdenkmal auf dem Marktplatz statt.
Eine Erinnerung an die Fahnenweihe 1931: Sie fand am Kriegerdenkmal auf dem Marktplatz statt.

Am 21. Juli 1929 hatten sich Burschen in Stamsried zusammengefunden und den Verein ins Leben gerufen. Mit der Fahnenweihe am 15. August 1931 trat dieser an die Öffentlichkeit. Der Stamsrieder Burschenverein gehörte dem Verband der katholischen Burschenvereine Bayerns an. Die Geschäftsstelle der katholischen Burschenvereine war in Regensburg. Der erste Eintrag im Protokollbuch erwähnt die Gründungsversammlung vom 21. Juli 1929. Weitere Einträge beschäftigen sich unter anderem mit einer Jugendtagung in Cham und einem Ausflug nach Großenzenried. 1930 finden sich keine Einträge in dem Buch. Der nächste datiert vom 15. August 1931. Er beschäftigt sich mit der Fahnenweihe Vereins.

Alle gingen zufrieden heim

Die Fahnenweihe des Burschenvereins am 15. August 1931.
Die Fahnenweihe des Burschenvereins am 15. August 1931.

1931 und 1932 werden diese Punkte und Geschehnisse protokolliert: die Hochzeit des Mitgliedes Ferst, die Verabschiedung von Präses Josef Fichtl nach Frontenhausen, die Einführung des neuen Präses Isidor Haustein, eine „Programmdarlegung durch Pfarrer Josef Stahl über Berlin“, „die Fastnachtsunterhaltung bei Winkler am Marktplatz in Stamsried“, Burschenexerzitien in Cham sowie die Neuaufnahme von 15 Burschen am 19. März 1932 beim Pfarrfamilienabend.

Geschichte des Burschenvereins

  • Gründung:

    Am 21. Juli 1929 fanden sich engagierte Burschen in Stamsried zusammen, um den Katholischen Burschenverein ins Leben zu rufen. Mit der Fahnenweihe am 15. August 1931 trat er an die Öffentlichkeit.

  • Verband:

    Der Stamsrieder Verein gehörte dem Verband der katholischen Burschenvereine Bayerns an. Die Geschäftsstelle der Burschenvereine war in Regensburg.

  • Kriegsende:

    Und wie ging es nach dem Krieg und mit dem Ende des Nationalsozialismus, als alle unliebsamen Vereine verboten waren, weiter? 1948 bildete sich eine Katholische Pfarrjugend in Stamsried (Bund Katholische Jugend Stamsried).

  • Kolpingsfamilie:

    Erst 20 Jahre nach dem letzten Eintrag in das Protokollbuch des Burschenvereins fanden sich 1953 in Stamsried wieder beherzte Burschen und gründeten die Kolpingsfamilie. (rjm)

Die Tagespresse berichtete damals: „Von dem am Josefi-Tag durch den Burschenverein veranstalteten Pfarrfamilienabend ging jeder Teilnehmer befriedigt nach Hause. Es wurde der Wunsch laut, es möge bald wieder ein solcher Abend veranstaltet werden. Solche Abende nehmen sich doch anders aus als die Abende, wo man in politischen Versammlungen auf das Volk verhetzend einwirkt, so dass dann die Leute mit Unzufriedenheit und mit Verbitterung im Herzen heimgehen. Der Zweck des Pfarrfamilienabends war: die katholische Vereinssache zu stärken, die Pfarrangehörigen mit der Burschenvereinssache vertraut zu machen und das Band zwischen Seelsorger und Pfarrgemeinde inniger zu knüpfen“.

Ein Geschenk für den Pfarrer

Mesner Paul Pongratz ist stolz auf die Fahne des Katholischen Burschenvereins, die in der Sakristei der Stamsrieder Kirche aufbewahrt wird.
Mesner Paul Pongratz ist stolz auf die Fahne des Katholischen Burschenvereins, die in der Sakristei der Stamsrieder Kirche aufbewahrt wird.

An dem Abend legten 15 Burschen bei einer feierlichen Neuaufnahme das Treuegelöbnis auf die Vereinsfahne und in die Hand von Präses und Kooperator Isidor Haustein ab. Über diesen großen Vereinszuwachs waren alle, wie es in dem Artikel weiter heißt, „sehr erfreut, besonders aber Hochwürdiger Herr Pfarrer Josef Stahl, der zu seinem Namenstag vom Burschenverein außer diesem Zuwachs als Geschenk überreicht bekam 25 Exerzitanten, die in Cham vor einigen Wochen exerzierten“. Nach einer kurzen, aber kernigen und humorvollen Ansprache Stahls über die Bedeutung eines Burschenvereins in einer Pfarrei wurde dann laut dem Zeitungsbericht „durch 2 humoristische Stücke für ein gesundes ‚Sich auslachen‘ bestens gesorgt“.

Für die Jahre 1932 und 1933 benennt das Protokollbuch unter anderem auch noch diese Termine: die Gaukonferenz in Cham, eine Wanderung nach Stratwies, eine Fahrt nach Chammünster, ein Ausflug nach Strahlfeld, die Hochzeit des Mitgliedes Josef Bauer in Hiltenbach und eine Burschenkundgebung in Stamsried. Von der Vorstandschaft des hiesigen Raiffeisenvereins sei Mitglied August Pongratz als Rechner aufgestellt worden.

Viele kamen nicht wieder

Verzeichnet sind ferner die Beerdigung „unseres lieben Mitglieds Willi Gottmann“, die Beerdigung „des Jünglings Josef Hauser“, die Versetzung des „Hochwürdigen Herrn Präses Isidor Haustein nach Teugn“ und die Ostmarkkundgebung in Furth im Wald. Der Pfarrfamilienabend vom 19. März 1933 ist der 40. und letzte Eintrag. Was dann geschah, bleibt im Dunkeln.

Man kann es nur ahnen, wenn man sich die Vorgänge in der damaligen Zeit vor Augen ruft. Das nationalsozialistische Regime beseitigte das katholische Verbandswesen bis auf unbedeutende Reste. Einige Verbände konnten die Tätigkeit als religiöse Organisationen fortführen (zum Beispiel der Katholische Frauenbund), andere lösten sich noch 1933 unter dem Druck der Machthaber selbst auf oder wurden verboten.

Die Mitglieder der katholischen Burschenvereine wurden in die Hitlerjugend integriert. In der Zeit des 2. Weltkrieges waren nahezu alle Stamsrieder Burschen im Arbeitseinsatz oder leisteten ihren Dienst an den Kriegsfronten. Viele von ihnen kehrten nicht zurück.

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