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Die Lotterhafte unter den Baumarten

Weiden sind nicht nur für Korbflechter, sondern auch für Waldbesitzer interessant. Unser Experte erklärt, warum.
Von Petra Schoplocher

Ein Kerl von einem Baum. Einzelne Weidenarten können bis 25 Meter hoch werden, viele sind wertvolle Pionierbaumarten.
Ein Kerl von einem Baum. Einzelne Weidenarten können bis 25 Meter hoch werden, viele sind wertvolle Pionierbaumarten. Foto: Schoplocher

Furth im Wald.Dass ich das noch erleben darf: Goethe in einem Atemzug mit einem „unserer“ Bäume! So verschwörerisch, wie Jürgen Köbler blinzelt, als er den deutschen Dichtervater zur Weide zitiert, scheint ihm die Dimension bewusst zu sein. Weiden seien ein lotterhaftes Geschlecht, soll Johann Wolfgang in seiner Passion als Naturforscher erkannt haben. Oha....

„Weil sie stark zum Bastardieren neigen“, erklärt der Förster. Und zwar nicht nur untereinander, sondern auch mit Pappelarten, die zur selben Gattung gehören. Von den rund 70 Weidenarten, die in Mitteleuropa bekannt sind, sind die Silber-, die Trauer-, die Korb- und die Salweide (dank ihrer Palmkätzchen) die bekanntesten – und gehören zugleich zu einer Minderheit. Denn die meisten Weidenarten sind eher niedrig und sind eher Sträucher als Bäume. Die Krautweide als kleinste Art wird sogar nur maximal zehn Zentimeter groß, „ein Eiszeitrelikt“ und womöglich der kleinste Baum der Welt, weiß Jürgen Köbler.

Natur

Ein Ami-Baum für die Chamer Wälder

Die Strobe oder Weymouthskiefer ist sehr wachstumsstark und ein Zukunftsbaum für den Bayerwald. Aber sie hat einen Feind.

Die Samen sind „Schirmchenflieger“ und schaffen Entfernungen von bis zu zehn Kilometern, weiß Jürgen Köbler von der Weide.
Die Samen sind „Schirmchenflieger“ und schaffen Entfernungen von bis zu zehn Kilometern, weiß Jürgen Köbler von der Weide. Foto: Schoplocher

Das altdeutsche Wort „widen“ ist der Ursprung für den Namen – es bedeutet nicht überraschend „biegen“. Die Korb(oder auch Hanf-, oder Flecht)weide mit ihren extrem elastischen Zweigen gab jahrhundertelang einer ganzen Zunft Zukunft – den Korbflechtern. Möglich machen dies die ein bis zwei Meter langen Jahrestriebe. Dem Baum macht der „Diebstahl“ nichts aus, dank seiner enormen Regenerationsfähigkeit steckt er das im wahrsten Sinne des Wortes schnell weg. Dickes Holz ist leicht zu bearbeiten, es hat wegen des schnellen Wachstums kaum Gerbstoffe.

Weiden sind bestens für Hang- und Uferbefestigung geeignet, „lebende Lauben“ und Zäune (heute noch in Rumänien) werden aus ihr hergestellt. Bei den meisten Weidenarten reicht es nämlich schon, den basalen Teil der Äste in lehmig-feuchten Boden in Wassernähe einzugraben. Die bewurzeln sich dann von selbst.

Baumart

Die Birke ist ein einmaliger Baum

Birken wurden als „forstliches Unkraut“ verschrieen. Dabei können sie so viel – und sind eine Antwort auf den Borkenkäfer.

Geheimnisse der Weide

Jürgen Köbler spricht von der Weide hochachtungsvoll als „Powerpflanze“, die eine größere Lobby verdient hätte. Eine Sonderrolle spielt die Salweide, die bei der Ausschlagsfreudigkeit deutlich zurückhaltender ist und daher für verwundete Flächen, Waldschläge und Trümmergrundstücke wie gemacht ist. Viele Waldbesitzer würden mit ihr immer noch Tabula rasa machen statt sie als Sonnen- und Frostschutz und in ihrer dienenden Funktion (an) zu erkennen. „Sie ist ideal als Vorwaldschirm für die eigentlichen Kulturpflanzen“, wirft sich der Fachmann für die noch dazu ökologisch sehr wertvolle Gattung ins Zeug. So können Vögeln in den Höhlen Rückzugsorte finden, andernorts wächst sogar Holunder in Weiden.

Diese geflochtenen Weidenzweige, genannt Pomlázka, sind ein Frühjahrsbrauch in Böhmen. Förster Jürgen Köbler hat sich vor Jahren welche aus Pilsen mitgebracht.
Diese geflochtenen Weidenzweige, genannt Pomlázka, sind ein Frühjahrsbrauch in Böhmen. Förster Jürgen Köbler hat sich vor Jahren welche aus Pilsen mitgebracht. Foto: Schoplocher

Hummeln, verrät er, besuchen zu Beginn des Tages die männlichen Blüten, später wechseln sie zu den weiblichen – kein Mensch weiß, wieso. Nur das Ergebnis: Die Befruchtungsrate steigt. Ein anderes Geheimnis ist indessen gelüftet. Früher verwendeten unsere Vorfahren Blätter und Rinden arzneilich gegen Fieber und Kopfschmerzen. Später wusste man auch, warum: Das enthaltene Salicin (der Gattungsname lautet salix) wird im Körper zu Salicylsäure umgewandelt, die wiederum eine ähnliche Wirkung hat wie Acetylsalicylsäure (ASS), dank des Pharmariesen Bayer längst eines der bekanntesten Schmerzmittel weltweit.

Baumart

Dieser Baum ist hart im Nehmen

Die Moorbirke stellt wenig Ansprüche. Und unter ihrem Schirm lässt sich’s gut wachsen – spannend für den Bayerwald.

Der Weidenbohrer ist eine Gefahr

Richtig bedroht ist die Weide nicht, allerdings bringt der Weidenbohrer Gefahr, weil dieser die Bäume von innen aushöhlt. Bei Weiden entlang öffentlicher Straßen rät Köbler, darauf ein Auge zu haben.

Wie ganz grundsätzlich auf Weiden, die nicht selten kunstvoll daher kommen oder in Form von der Silberweide wundervoll schimmert. Im Donaudelta sogar über Quadratkilometer hinweg bestandsbildend, ein Naturparadies. Das könnte glatt einem Goethe-Zitat den Rang ablaufen...

Unser Experte

  • Zur Person:

    Jürgen Köbler (56) stammt aus dem Odenwald und engagierte sich schon als Schüler im Naturschutzbund. Nach dem Forstwirtschaftsstudium ist er seit 1990 „diesseits des Cerchovs“ in verschiedenen Funktionen für die Bayerische Forstverwaltung tätig, aktuell als Revierleiter Furth im Wald.

  • Verbundenheit:

    „Mich hat es immer fasziniert, in möglichst naturnaher Landschaft unterwegs zu sein und dort die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Pflanzen, Tieren und Menschen zu beobachten und verstehen zu lernen.“

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