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Tiere

Die Luchse drohen zu verhungern

Das Monitoring von Luchskoordinator Heinrich Moser dokumentiert auch den Mangel an Rehen im Lamer Winkel.
Von Alois Dachs

Ein Luchs, aufgenommen im Wildpark Hanau. Foto: Boris Roessler/dpa
Ein Luchs, aufgenommen im Wildpark Hanau. Foto: Boris Roessler/dpa

Lam.In einem kleinen Revier mitten im Lamer Winkel zeichnet der jetzige Luchskoordinator der BJV-Kreisgruppe Bad Kötzting, Heinrich Moser, mit über 30 privaten Kameras das Luchs- und Rehwildvorkommen auf. In den Jahren 2015/16 und 2017/2018 waren die Erfassungen fast identisch. Auf 300 Hektar erfasste der Luchskoordinator jährlich etwa 65 mal Fotos mit Luchsen, sieben verschiedene erwachsene Luchse sowie immer mehrere Jungtiere wurden von den Wildkameras abgelichtet.

Die seit Jahren im Lamer Winkel ansässige Luchsin „Geli“ hat heuer zum vierten Mal Junge geboren, diesmal drei Stück. Foto: Wildkamera Moser
Die seit Jahren im Lamer Winkel ansässige Luchsin „Geli“ hat heuer zum vierten Mal Junge geboren, diesmal drei Stück. Foto: Wildkamera Moser

Dezimierten die Luchse im ersten Jahr das Rehwild von etwa 18 auf etwa fünf Stück in dem Revier, so blieb es dabei auch im zweiten Jahr. Vermutlich aufgrund fehlender Nahrung pirschten die Luchse zwar durch das Revier, kehrten aber immer wieder zu den Orten zurück, wo sie Rehwild spürten oder früher erfolgreich jagten. Ein Luchs, der am häufigsten im Revier erfasst wurde, zeigte aber eine Besonderheit: Luchsdame „Geli“ hatte 2017 zwei Junge. Im Herbst ließ sie ein Jungtier zurück, das zu verhungern drohte. Der Jungluchs wurde in einer Lebendfalle gefangen und im Lohberger Tierpark aufgepäppelt, bis er wieder ausgewildert werden konnte. Danach wurde „Geli“ immer seltener mit ihrem zweiten Jungtier im Revier erfasst, das letzte Mal im Februar

.

Ein neuer Luchs im Revier

Im Mai erschien dann ein neuer Luchs im Revier, er markierte das Revier an allen markanten Punkten. Zudem wurden auch die alten Luchse „Rico“ (seit 2011 hier heimisch) und „Veit“ immer wieder festgestellt, „Gregor“ kam nur ab und zu in die Gegend. „Marie“ war inzwischen abgewandert bis nach Jägershof. Der „L51“ genannte Luchs übernahm das Revier von „Geli“, zusätzlich kam auch das zweite Junge G 17/2 vom letzten Jahr. Luchsin „Geli“, seltener auch „Vroni“ und „Julia“ wurden ebenso fotografiert wie einige unbekannte Luchse.

Rehwildpopulation konnte sich keine mehr bilden, stellte Heinrich Moser fest. Ein paar Rehe seien zu „Hausrehen“ geworden, die sich nur noch in der Nähe von Gehöften aufhalten. Im Wald selbst konnten im Mai nur noch vier Rehe erfasst werden. Ein Jährlingsbock wurde Anfang Juni direkt neben einem Salzstein gefunden, getötet von dem neu zugewanderten Luchs, der von dem Bock nur einen Schlegel fraß und danach nicht mehr zurückkehrte. Das gleiche Rissbild wurde bei sechs weiteren Rehen festgestellt, die im Lamer Winkel gefunden wurden sowie bei zwei weiteren Geißen im Landkreis Regen. Kitz und Geiß wurden zuletzt in Schwarzenbach, nur wenige Meter neben Wohnhäusern, gerissen.

Luchskoordinator Heinrich Moser hat dafür eine Theorie entwickelt: Bei fast allen Rissen waren es wohl Luchse, die im Jahr zuvor geboren wurden. Seit März, April mussten diese sich alleine durchschlagen, da ihre Mütter wieder Nachwuchs erwarteten. Als diese Luchse im Winter noch mit ihrer Mutter zusammen waren und ein Stück Rehwild erbeuteten, wurde dieses von mehreren Jungluchsen und deren Mutter in einer Nacht gefressen, so dass sie nicht wieder zur Beute zurückkehrten. Dieses Verhalten behielten sie auch als Einzelgänger bei, die jeweils gerissenen Rehe wurden nicht versteckt und weiter verwertet, wie es eigentlich typisch für Luchse wäre.

Seit Anfang Juni häuften sich die Luchserfassungen. Wurden die letzten zwei Jahre jährlich 65 Erfassungen registriert, so gab es von 1. Juni bis 31. August 50 Erfassungen auf etwa 300 Hektar. In einer Woche wurden täglich verschiedene Luchse von den Wildkameras fotografiert. Warum die Luchse in dieser Zeit so präsent waren, ist noch ungeklärt.

„Geli“ kam Anfang August in „ihr“ Revier zurück, mit drei jungen Luchsen. Sie hat somit schon zum vierten Mal Nachwuchs geboren, der vom Luchskoordinator erfasst werden konnte. Eine Woche lang wurde sie nachts im Revier alleine erfasst, auf der Suche nach Rehwild, allerdings ohne Erfolg. „Vermutlich ist sie wieder nach Tschechien abgewandert“, sagt der Luchskoordinator. Ein tschechischer Baumfahrer erzählte, dass er drei Jungluchse nahe am Osser gesehen habe.

Für den Luchskoordinator der BJV-Kreisgruppe Bad Kötzting zeigt diese Entwicklung, dass die Aussagen von Wildbiologen: „Kein Luchs verlässt freiwillig sein Revier“ nicht stimmen. „Geli“ kann aufgrund fehlender Rehe „ihr Revier“ gar nicht halten. Sie könnte wohl in diesem Revier nur alleine überleben, wenn sie ihre Jungen aufgeben würde. Auch der neu eingedrungene Luchs wird dieses Revier wieder verlassen. Die Nahrungssituation lässt es auf Dauer nicht zu, mit Jungen hier zu bleiben. Ähnlich verhielten sich am Hohenbogen die Luchse „Tarek“ und „Tibor“, die zurück in Richtung Cerchov abwanderten.

Unerwartet kam Mitte August auch noch „Gelis“ letztes Junges von 2017 ins Revier. Einen Rekord brachte der 14. Juli: Da tummelten sich vier erwachsene Luchse im Revier. Danach wurden fast jeden Tag Luchse erfasst. Für das dortige Niederwild wie Hasen, Haselwild und Schnepfen ein Show Down. Haselwild konnte nur noch im Frühjahr erfasst werden. Die letzte Auerhenne wurde ebenfalls im Frühjahr fotografiert.

Frevel in der Natur

Beim Rehwild gab es drei Erfassungen von Juni bis Ende August, gegenüber 50 Luchserfassungen. „Es ist schwer vorstellbar, dass das Landesamt für Umweltschutz mit dem Programm „Große Beutegreifer“ diesen Frevel in der Natur möchte“, sagt Heinrich Moser. Er hofft, dass die verantwortlichen Behörden gemäß der FFH-Richtliline tätig werden. Kein Verständnis hat der Luchskoordinator für die Entwicklung im bischöflichen Forstgut Lambach, wo der Abschussplan um 130 Prozent überschossen worden sei. Auf diese Weise den Luchsen die Nahrung zu entziehen, sich aber gleichzeitig für den Luchs auszusprechen, sei pharisäerhaft, kritisiert Moser.

Jäger sollen ihre Stimme erheben

  • Eigenjad:

    Der Luchskoordinator erhielt auch das Angebot, eine Eigenjagd außerhalb des Lamer Winkels mit Fotofallen zu überwachen.

  • Erfolg:

    Schon in der ersten Woche mit nur sechs Kameras wurden drei Luchse erfasst, darunter ein neuer Luchs, der noch nicht identifiziert ist.

  • Nahrung:

    Daraus folgert Moser, dass die Luchse aus dem Lamer Winkel „der Nahrung hinterhergehen“.

  • Stimme:

    Es liege an den Jägern, ihre Stimme für diese Tiere zu erheben, sagt Heinrich Moser. „Wir müssen alles unternehmen, damit die Luchse dauerhaft genügend große Reviere haben, wo eine ausreichende Rehwildpopulation erhalten bleibt“, fordert er.

  • Chance:

    Dann hätten auch die anderen Tiere im Beutespektrum der Luchse noch eine Chance, zu überleben. (kad)

Seit 2000 sei es nicht geschafft worden, den gesetzlichen Abschussplan in den Luchsregionen des Lamer Winkels auszusetzen. Die etwa 60 Luchse, die zwischen Waldmünchen und Wegscheid nachgewiesen wurden, hätten einen jährlichen Rehwildbedarf von etwa 3500 Stück. Weil diese Rehe in den dünn besiedelten Bergregionen nicht vorhanden sind, droht nach Ansicht von Heinrich Moser vielen Luchsen der Hungertod. Moser belegt diese Meinung auch mit Filmaufnahmen seiner Wildkameras, auf denen bisweilen sichtlich ausgehungerte Luchse zu sehen sind, die sogar kleinen Vögeln nachjagen oder Eichkätzchen zu fangen versuchen.

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