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Die schlimmen Folgen des Cybermobbings

„Am liebsten würde ich mich umbringen“: Eine 13-Jährige wendet sich an die Computermäuse — weil sie verzweifelt ist.
Von Birgit Zwicknagel

Gemeine Nachrichten auf dem Smartphone können schlimme Folgen haben.
Gemeine Nachrichten auf dem Smartphone können schlimme Folgen haben. Symbolfoto: dpa

Cham.Bei einem Fall von Cybermobbing wurden die Computermäuse von einer 13-jährige Schülerin angesprochen. Das 13-jährige Mädchen – ich nenne sie einfach mal Lisa – hat mich über Facebook angeschrieben und gefragt, ob ich ihr helfen könne. Sie bekomme Tag und Nacht Nachrichten über WhatsApp, Facebook oder ask.fm geschickt und sie weiß einfach nicht mehr weiter.

Ich frage Lisa, ob sie mir ein paar Screenshots senden könnte und ein paar Minuten später kann ich sie auf meinem Monitor lesen. Sätze wie „komm, geh sterben“, „hätten dich doch die Typen umgebracht oder vergewaltigt, dann wären wir alle froh gewesen“ oder „keiner mag dich, verschwinde doch endlich aus dem Leben“ stechen mir sofort ins Auge – und ich kann erahnen, was in Lisa vorgehen muss.

Zwei Stunden später rede ich persönlich mit ihr und ich habe eine 13-jährige, völlig verstörte Schülerin vor mir, die mir mit zitternden Händen alle Nachrichten auf ihrem Smartphone zeigt und zu weinen anfängt. Als ich tröstend den Arm um sie lege, sagt sie schluchzend, „am liebsten würde ich mich umbringen“.

Die Computermäuse

  • Serie

    Einmal im Monat macht Birgit Zwicknagel im Bayerwald-Echo auf ein Problem im Internet aufmerksam. Sie schildert, wie sich Jugendliche und Eltern vor unerwünschten Zu- oder Übergriffen schützen können. Birgit Zwicknagel (46) hat selbst drei Kinder, die mittlerweile 19, 22 und 23 Jahre alt sind.

  • Technik

    Die Stamsriederin beschreibt sich selbst als stark technikaffin. „Ich hab mich schon immer für Technik begeistert und kenne alle gängigen Betriebssysteme seit dem C64.“ Wenn es um Handys oder die Anwendung von mp3 oder DAB ginge, sei sie immer bei den ersten Nutzern in der Region gewesen. Sie sei auch diejenige, die in der Familie die neuen Geräte in Betrieb nehme.

  • Erfahrung

    Ihre erste Anregung für die Gefahren mit neuen Medien erhielt Birgit Zwicknagel durch ihre Tochter, die damals die 5. Klasse besuchte. Ein Lehrer hatte damals Internetadressen für alle Schülerinnen angelegt. Das Muster lautete „Vorname.Name-Klasse @ gmx.de“.

  • Gefahr

    Dem Lehrer sei damals nicht bewusst gewesen, dass er so Geschlecht und Alter seiner Schülerinnen schon mit der Adresse preisgab und die Kinder selbstverständlich ihre neue Adresse nutzten, um sich auf allen möglichen Plattformen anzumelden.

  • Verein

    Aus dieser Anregung entstand später der Verein „Computermäuse“ und die Homepage „www.clever-ins-netz.de “.Hier werden Beratung und Vorträge angeboten, aber auch schon viele erste Vorschläge und Tipps gegeben.

  • Motivation

    „Meine Motivation ist es, Menschen mit meinem Wissen helfen zu können, die selber wenig oder keine Ahnung haben!“ (ik)

Obwohl ich diesen Satz schon oft gehört habe, erschüttert er mich immer wieder und ich verspreche Lisa, ihr zu helfen. Sie ist ab sofort nicht mehr allein mit diesem Thema und überhaupt hat sie den ersten, wichtigsten Schritt selbst gemacht: sie hat sich Hilfe gesucht, hat nicht mehr versucht, allein damit klar zu kommen. Ich drücke sie nochmal und verspreche ihr: „Ich helfe Dir“. Sie nickt und sagt nur ganz leise „Danke“.

Stille und Betroffenheit

Schon am kommenden Tag bin ich in ihrer Schule. Wir haben ein Treffen mit der Klassenleiterin, dem Direktor und der Jugendsozialarbeiterin der Schule vereinbart. Nachdem ich alles berichtet habe, herrscht erstmal Stille und ich spüre die große Betroffenheit. Natürlich hat die Lehrerin in der Klasse bemerkt, dass „was nicht stimmt“. Lisa wird schon seit längerem gemieden, ist auffallend ruhig geworden und auch die schulischen Leistungen haben deutlich nachgelassen. Ja, sie habe auch in letzter Zeit öfter mal gefehlt – so wie heute auch!

Es liegt eine Entschuldigung da, dass Lisa heut nicht kommt, weil ihr schlecht ist… Aber dass SOWAS dahinter steckt, hat sie nicht geahnt. Und dass die anderen Schüler der Klasse zu SOLCHEN Drohungen fähig sind, macht selbst die Lehrerin sprachlos, denn „eigentlich sind das alles ganz nette Schüler“.

Es wird nicht lange gezögert: als erstes werden die zwei „Hauptakteure“ ins Büro zitiert. Ich konfrontiere die Schüler mit den Screenshots und erwarte eine Erklärung. „Jux“, „nicht ernst gemeint“, „keine Ahnung warum“ … einen echten Hintergrund, warum das angefangen hat, können die beiden eigentlich nicht liefern. Sie waren sich bis jetzt nicht mal bewusst, was daran so schlimm sein soll. Doch nach und nach begreifen die beiden, was sie da eigentlich angerichtet haben. Eine persönliche Entschuldigung bei Lisa wird vereinbart.

Danach nutzen wir die Möglichkeit, mit der ganzen Klasse zu sprechen, weil Lisa heut ja nicht da ist. Wir reden fast zwei Stunden darüber und die Klassenkameraden verstehen langsam, WAS sie Lisa eigentlich angetan haben. Ich konfrontiere sie mit dem Gedanken: „Wie würdest DU dich fühlen….“ und zeige ihnen an anderen Beispielen, was passiert, wenn die Opfer sich tatsächlich etwas antun – wie sich die Klassenkameraden DANN fühlen. Ich merke, dass ein Umdenken vonstatten geht und als die erste Schülerin fragt, was sie machen können, um das wieder gutzumachen, weiß ich: es läuft in die richtige Richtung! Den Rest schaffen die Schule und die Schülerinnen selbst.

Gemeinsam gegen Mobbing an Schulen!

Einmal im Monat macht Birgit Zwicknagel von den Computermäusen im Bayerwald-Echo auf ein Problem im Netz aufmerksam.
Einmal im Monat macht Birgit Zwicknagel von den Computermäusen im Bayerwald-Echo auf ein Problem im Netz aufmerksam. Foto: Computermäuse

Zwei Tage später bekomme ich eine Nachricht von Lisa: „Danke, danke, danke – ohne Dich hätte ich es nicht geschafft“. Die Schüler haben sich entschuldigt, alle Kommentare gelöscht und Lisa auch wieder in den Gruppenchat der Klasse aufgenommen. Das Thema „Mobbing“ wurde zum Klassenprojekt gemacht und Ende des Schuljahres werde ich dort nochmal hinfahren, um die Ergebnisse des Projekts mit der Klasse zu diskutieren. Zaghaft und langsam versöhnt sich die Klasse wieder mit Lisa.

Meine Bitte an die Betroffenen: REDET mit jemandem darüber! Versucht damit nicht allein klar zu kommen! Und mein Tipp an Eltern und Schulen: nehmt dieses Thema ernst. Stellt die Täter zur Rede, konfrontiert die Schüler mit den Folgen für die Opfer und bezieht die Täter „aktiv“ in die Lösung des Problems ein. Macht das Thema „Sozial- und Medienkompetenz“ zu einem Programm an den Schulen. Lasst uns gemeinsam gegen Mobbing an Schulen kämpfen!

Eure „Computermaus“ Birgit

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