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Sport

Die Ski-Saison beginnt mit Handarbeit

Ob Rennfahrer, Trickfahrer oder gemächlich: Nach 200 selbstgebauten Paaren gibt es für Skifahrer in Kötzting keine Grenzen.
Von Christoph Aschenbrenner

Michael Reuther mit dem 200. Jubiläums-Ski Fotos: Aschenbrenner
Michael Reuther mit dem 200. Jubiläums-Ski Fotos: Aschenbrenner

Bad Kötzting.An Wintersport ist an diesem sonnigen und warmen Aprilnachmittag eher nicht zu denken. Davon lässt sich eine kleine Gruppe von fachkundigen Arbeitern in einer Werkstatt in der Arnbrucker Straße aber nicht beirren. Auf Werkbänken entstehen hier in Feinarbeit die ganz persönlichen „Brettl’n“ für den nächsten Ausflug in den Schnee.

Drinnen zeugen aufgereihte Skier und Snowboards von der Vielfalt der Gestaltungsmöglichkeiten. Wandbilder mit Ski-Motiven vermitteln die Begeisterung der Herstellung. Ein Geruch von frisch gehobeltem Holz dringt aus dem Raum. An jedem Arbeitsplatz liegen eigens ausgesuchte Holzarten und eine Menge Werkzeuge herum. Unter den Teilnehmern des Skibau-Seminars ist auch Michael Reuther, dem eine ganz besondere Ehre zu Teil wird: Sein fertiges Paar Ski wird das 200. sein, das unter der Anleitung von bayerwaldski-Inhaber Dominik Maimer die Werkstatt verlässt. Damit hat der Schreinermeister aus Oberfranken nicht gerechnet, ist er doch zum ersten Mal dabei.

Das erste „eigene“ Paar Ski

Die Holzkerne wurden bereits vorgehobelt, danach erfolgt das Biegen der Kanten. Für eine Leichtbauweise des Kerns kommen Hölzer wie Pappel und Balsa zum Einsatz, ansonsten auch robustere Hölzer wie Esche. Fotos: Aschenbrenner
Die Holzkerne wurden bereits vorgehobelt, danach erfolgt das Biegen der Kanten. Für eine Leichtbauweise des Kerns kommen Hölzer wie Pappel und Balsa zum Einsatz, ansonsten auch robustere Hölzer wie Esche. Fotos: Aschenbrenner

Reuther, der von klein auf begeisterter Skifahrer ist, hat zum 30. Geburtstag von seiner Familie einen Gutschein für die Teilnahme am zweitägigen Wochenendseminar bekommen. Der Pistenfahrer will sich endlich seinen eigenen professionellen Race-Ski für rasante Abfahrten zusammenbauen. Ebenfalls mit dabei ist Anja Achatz. Die Sportlehrerin und Sporttherapeutin braucht noch Skier für den Tiefschnee, die ihre fünfteilige Ausrüstung komplettieren sollen. Sie wandert leidenschaftlich gerne in den Bergen und unternimmt viele Ski-Touren. Als Vorarbeit hat Achatz die Kanten ihres Skis bereits gebogen. Die sind nun mit Klammern am Belag fixiert. Als Nächstes schneidet sie ihr ausgewähltes edles Holzfurnier auf Maß, um später alle Teile zusammensetzen zu können. „Die Arbeit kann manchmal ziemlich nervenaufreibend werden und ist ein echtes Geduldsspiel“, gesteht Achatz. Eine ruhige Hand ist da von Vorteil.

Vorderer und hinterer Teil des Skis, auch Tip und Tail genannt, werden entsprechend des befahrenen Geländes geformt. Eine lange Schaufel mit größerer Oberfläche ist für Tiefschnee besser geeignet, eine kurze eher für die flache Piste. Fotos: Aschenbrenner
Vorderer und hinterer Teil des Skis, auch Tip und Tail genannt, werden entsprechend des befahrenen Geländes geformt. Eine lange Schaufel mit größerer Oberfläche ist für Tiefschnee besser geeignet, eine kurze eher für die flache Piste. Fotos: Aschenbrenner

Ohne die Anweisungen von Kursleiter Dominik Maimer täten sich selbst handwerklich Geschickte nicht so leicht. Der 26-jährige gebürtige Kötztinger ist seit mittlerweile sieben Jahren im Skibau-Geschäft und sorgt dafür, dass selbst Leute mit vermeintlich weniger Talent voll funktionstüchtige Skier in den Händen halten. Die Idee zum do-it-yourself-Ski kam Maimer zu seiner Zeit als Skilehrer. Die Ausrüstung aus dem Geschäft stellte ihn nicht vollends zufrieden, und so probierte er sich an der Produktion von Tiefschnee-Skiern, die er auch auf der Flachpiste nutzen konnte.

Maimer arbeitete erst für ein Franchise-Unternehmen und verselbstständigte sich anschließend mit diesem Geschäftsmodell. Aus dem Skibau entwickelte sich auch seine Passion fürs Schreinern. Maimer will seinen Kunden kein fertiges Baukastensystem vorsetzen, sondern liefert bei jedem Arbeitsschritt Erklärungen für die individuellen Möglichkeiten. Das Hintergrundwissen macht das Seminar zu einem besonderen Erlebnis.

Eine „eierlegende Wollmilchsau“ will Maimer gar nicht produzieren, wie er sagt, da jede Kombination den Grenzen der Physik unterliegt und so unerwünschte Abstriche unumgänglich wären. Als hauptberuflicher Vermessungstechniker und selbstständiger Schreiner betreibt Dominik Maimer seine Leidenschaft als Hobby.

Die Einstellung des Side-Cuts hat Auswirkungen auf die Fahreigenschaften: ein Tiefschnee-Ski benötigt eine andere Vorspannung (Camber) als ein Race-Ski. Das bedeutet, dass die Kontaktpunkte auf Schnee verschieden sind. Fotos: Aschenbrenner
Die Einstellung des Side-Cuts hat Auswirkungen auf die Fahreigenschaften: ein Tiefschnee-Ski benötigt eine andere Vorspannung (Camber) als ein Race-Ski. Das bedeutet, dass die Kontaktpunkte auf Schnee verschieden sind. Fotos: Aschenbrenner

Heute zum ersten Mal nach Bad Kötzting gekommen ist craftski-Geschäftspartner Steffen Heycke aus Hamburg. Er ist der Beweis dafür, dass Wintersport auch in einer Hansestadt Anhänger findet. In einer Werkstatt in Hamburg fertigt er Skier und Boards an und entwickelt Umsetzungen weiter. Er fährt regelmäßig quer durch Deutschland und die Schweiz, um Workshops zu geben und auf Messen der Skiindustrie nach neuen Inspirationen zu suchen. „Manche Trends sind aber oft nur Spielereien mit giftigen Materialien wie Kunstharz“, fügt Heycke an. Auf gesundheitsschädliche Stoffe verzichten Maimer und Heycke. Vor Staub beim Fräsen und Schleifen schützen Masken und Brillen.

Es geht um Zehntelmillimeter


               Als nächstes werden der Kern, Glasfasern, Carbonfasern und Furniere mit Epoxidharz verklebt, das im Vakuum und über Heizmatten aushärtet. Dann fehlen nur noch Schleif- und Lackierarbeiten. Fotos: Aschenbrenner
Als nächstes werden der Kern, Glasfasern, Carbonfasern und Furniere mit Epoxidharz verklebt, das im Vakuum und über Heizmatten aushärtet. Dann fehlen nur noch Schleif- und Lackierarbeiten. Fotos: Aschenbrenner

Peter Zschögner ist aus der Nähe von Gera angereist und hat sich auf den Bau von Snowboards spezialisiert. Er begutachtet im Nebenraum der Werkstatt den Holzkern seines fünften Modells, bevor die „Hochzeit“ mit individuellen Materialien erfolgt. Eine lange Bekanntschaft pflegt Maimer mit dem Wahl-Kötztinger Matthias Wutz. Ist Wutz früher gerne im Eiltempo den Berg hinuntergestürzt, stellt er „höchste Erwartungen“ an seine handgemachten Skier, wie er sagt. Wutz hat sich einiges vorgenommen und bringt mit einem Cuttermesser sein Furnier in Form, das er aus gleich drei verschiedenen Holzarten kombiniert.

Der letzte im Bunde ist Michael Altmann aus Perwolfing. Er ist kein unbeschriebenes Blatt im Skizirkus und versucht sich nach zahlreichen Teilnahmen am Seminar an seinem dritten handgefertigten Paar Skiern. Altmann hält’s mit dem Material eher schlicht, sagt aber: „Es ist immer eine neue Herausforderung.“

Das mag auch daran liegen, dass Maimer und Heycke diesmal etwas anders vorgehen. Um mehr Zeit für die Beratung zu haben, wurden in Vorgesprächen die Teilnehmer nach Gewicht, Größe, Fahrstil und bevorzugtem Gelände gefragt, um die Eigenschaften der Skier korrekt ausmessen zu können. Wenige Zehntelmillimeter können hier über eine jeweils verschiedene Fahreigenschaft entscheiden. Michael Reuther hat seine Jubiläums-Skier übrigens mit Eichenholz furniert, das er aus seinem heimischen Garten mitgebracht hat – ausgefallen und dem Anlass angemessen.

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