MyMz
Anzeige

Fotografie

Die Spuren des Alterns in 83 Bildern

Der Oberpfälzer Olaf Unverzart ehrt in einem besonderen Fotobuch seine 100-jährige Großmutter – unverblümt und bewegend.
Von Matthias Kampmann, MZ

  • Was macht eine 99-Jährige eigentlich den ganzen Tag? Olaf Unverzart hat seine Großmutter Barbara durch ihr 100. Lebensjahr begleitet. Foto: Kampmann
  • Eine geschwungene Straße durch den kleinen Ort Kritzenast im Landkreis Cham. Foto: Unverzart

Kritzenast.Es führt eine geschwungene Straße durch Kritzenast. Gerahmt werden die wenigen Häuser dieses Reihendorfes von Holzarbeit. Stapel aus Brettern flankieren Hallen mit Sägen am Ortsein- und -ausgang. Dazwischen reihen sich Gehöfte aneinander. Mitten in der Kurve liegt ein Konglomerat von Gebäuden. Das Vorderhaus ist in einem Rot-Ton gehalten. Der propere Hof öffnet sich für Besucher. Einfahren kein Problem. Eher ein Muss. „Sicher können Sie hierbleiben. Dafür ist der Platz da. Auf dem Land sind die Menschen nicht so“, sagt Olaf Unverzart auf die Frage, ob es in Ordnung sei, dass der Wagen dort mitten im Privaten stehe. Das macht es leichter. Kritzenast besitzt keine offensichtlichen Parkflächen.

Platz nehmen in einer Gartensitzecke. Das Gelände war früher sicher anders sortiert. Das Grün ist satt an diesem leicht verregnet-grauen Tag im Spätfrühling. Alles entspannt hier im Landkreis Cham zwischen den sanften Hügeln. Die Zeit hört auf zu drängeln.

Die Landwirtschaft: vergangen. Der alte Schweinstall, vor den man läuft, wenn man von der Straße aus in den Hof und dann geradeaus geht, ist heute das Bilderlager des Fotokünstlers. Dahinter, wo der Ort fast aufhört, hat der Künstler ein Atelierhaus errichtet. Bald zieht seine Schwester ins Elternhaus ein. Dann werden vier Generationen auf diesem Fleckchen Erde nahe der tschechischen Grenze leben.

Barbara Unverzart hat immer viel gebetet. Foto: Unverzart
Barbara Unverzart hat immer viel gebetet. Foto: Unverzart

In dieser Abgeschiedenheit gibt es seit dem 9. Dezember 2015 eine bescheidene Prominente – sie selbst würde sich sicher niemals so bezeichnen: Barbara Unverzart, die vor ihrer Kriegsheirat im Jahr 1942 von allen nur die Babettl genannt wurde, ist die Großmutter von Olaf. In ihren eigenen Wänden verbringt sie im Kreis ihrer Lieben ihr einhunderterstes Lebensjahr: „Ich habe immer viel gebetet“, sagt sie, „aber niemals gewünscht, so alt zu werden.“

Es ist etwas Besonderes, wenn ein Mensch dieses biblische Alter erreicht, aber die wenigsten besitzen einen renommierten Fotografen als Enkel, der einen mit einem solch eindrücklichen und bewegenden Buch porträtiert. Unverzart ist mit „Hundert“ eine herausragende Fotopublikation gelungen. Sie reiht sich ein zwischen die „Menschenbilder“ von Rineke Dijkstra, die „Brown Sisters“ von Nicholas Nixon oder die „100 Jahre“ von Hans-Peter Feldmann. Doch alles ist hier anders, anders auch, als die Auseinandersetzung mit dem Alter in der Serie „Gyahtei“ von Manabu Yamanaka aus dem Jahr 1995.

„Ich habe immer viel gebetet, aber niemals gewünscht, so alt zu werden.“

Barbara „Babettl“ Unverzart

Olaf Unverzart berichtet von der Motivation zu seinem Projekt, zu dem ihn auch Freunde ermunterten. „Wir haben in der Gesellschaft ein verzerrtes Bild vom Alter. Es gibt nur die Wahl zwischen dem aktiven Jogger und den Menschen im Heim.“ Das sei jedoch nicht alles. Da ist seine Oma, die in keine dieser Kategorien passt. Ihr Dasein sei anders. Ein stetes Warten, weil alle Aufgaben erledigt, alle Ziele erreicht seien. „Für die meisten Menschen ist diese Vorstellung sicher ein Gräuel“, mutmaßt Unverzart.

Für das Buch „Hundert“ kehrt der Fotograf Olaf Unverzart zurück in seine oberpfälzische Heimat, um das 100. Lebensjahr seiner Großmutter zu portraitieren. Foto: Unverzart
Für das Buch „Hundert“ kehrt der Fotograf Olaf Unverzart zurück in seine oberpfälzische Heimat, um das 100. Lebensjahr seiner Großmutter zu portraitieren. Foto: Unverzart

Und was denkt die Protagonistin selbst? „Hundert Jahre sind eben hundert Jahre“, konstatiert sie lapidar. „Da habe ich alle Stufen des Lebens durchlaufen. Die letzten sind allerdings die schwersten.“ Daher empfiehlt sie, um gesund zu bleiben, sich den ganzen Körper abzubürsten und den Mund zwei- bis dreimal täglich mit einem Glas Wasser auszuspülen. Man muss eben auch Krankheiten durchstehen, wenn man so alt wird.

Es gibt ein Bild in dem kleinen Band, das bestens ausdrückt, was diese Hundertjährige ausmacht. Sie schaut aus dem Seitenfenster des Autos, als es in eine Einfahrt biegt. Ihren Blick prägen Neugier und Freundlichkeit. Diese Empfindungen übertragen sich im Realen. Wer lässt es in solch einem Alter zu, dass eine Kamera so sehr nahekommt? Betrachtet man ganz unbefangen das Buch, das jüngst erschienen ist, drängt sich diese Frage auf. Es spiegelt alles andere als den Voyeurismus, den man in unserer bilderfixierten Gesellschaft vermuten könnte.

„Ich habe alle Stufen des Lebens durchlaufen. Die letzten sind allerdings die schwersten.“

Barbara Unverzart

Das Buch lenkt unseren Blick auf die Spuren des Alterns, auf Zerbrechlichkeit, Zierlichkeit, die Falten, die Geschichte offenbaren, auf einen Unfall, von dem man annehmen kann, dass seine Folgen gravierender waren, als sie Jahre zuvor gewesen wären. Der Kopf verbunden. Der Blick streng, besorgt. Regelrecht ungewohnt, lacht die Hundertjährige doch so herzlich und häufig.

Neugier und Freundlichkeit sind zwei Wesenszüge von „Babettl“. Foto: Unverzart
Neugier und Freundlichkeit sind zwei Wesenszüge von „Babettl“. Foto: Unverzart

Die Kamera zeigt die Einfachheit, in der sich das Dasein von Barbara Unverzart heute entfaltet. Der Blick in den Himmel auf dem Cover. Oder es weht Schnee über den Hof. Die Sicht aus dem Fenster. Der rhythmische Wechsel von Stillleben und Porträts, von szenischen Momenten, von Reportage: Diese Vielfalt bringt uns einen angenehmen Menschen näher.

„Ich bin stolz auf meinen Olaf. Das Buch ist mir eine große Ehre, und ich freue mich, dass aus meinem Enkel so ein guter Fotograf geworden ist“, sagt die Großmutter, die mit ihrer Unmittelbarkeit und aufrichtigen Nähe sofort jedes Herz gewinnt. Ja, da hat der Enkel etwas Erstaunliches auf den Weg gebracht. „Das ist ein unglaubliches Privileg, eine Großmutter zu haben, die aus einer Generation stammt, die weder mit Strom, Fernsehen, Autos noch mit Internet groß wurde“, kommentiert der Fotograf.

Darüber habe er oft nachgedacht. Und als er sein Atelier in Kritzenast einrichtete, der 100. Geburtstag anstand, da hat er sich, wie stets in seinem Werk, das mit Joachim Brohm als Professor an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst reifte, vollkommen eingelassen. Aus der engeren Wahl von 400 Aufnahmen blieben 83 Fotografien im Druck übrig. „Ich habe versucht, viel Zeit hier zu verbringen“, sagt der Fotokünstler, der seinen Hauptwohnsitz im rauschenden München hat.

Als am Sonntag Juden deportiert wurden

Die Mahlzeiten gehören zum Leben. Auch sie finden sich in dem Werk natürlich wieder.
Die Mahlzeiten gehören zum Leben. Auch sie finden sich in dem Werk natürlich wieder.

Barbara Unverzart erzählt natürlich Geschichten von damals. Vom Zweiten Weltkrieg etwa, als sie in Frankfurt arbeitete und erschreckt erlebte, wie an einem Sonntag Juden auf einem Lastwagen deportiert wurden. Geboren wurde sie 1915. Früh verlor sie die Mutter und war dann mit dem Vater für den Hof zuständig. Der engagierte eine musikalische Magd, die es verstand, die Lieder, die Babettl sang, in der zweiten Stimme zu begleiten.

„Wie oft haben sie im Dorf gesagt: ,Was habt ihr wieder schön gesungen‘.“ Sie empfiehlt Musik: „Ich bin ein ewiger Singsang. Und ein froher Mensch bleibt gesund“, urteilt sie. „Und wenn ich ein Lied höre, das mir gefällt, brauche ich’s nur dreimal zu hören, dann habe ich’s drin.“

Schaut man auf ein Leben, ist es zu Anfang wie am Ende. Augen, Ohren lernen, zu tun, was sie tun. Beine werden gehen. Das kann die dreijährige Fillis, eine der Töchter von Olaf Unverzart, natürlich schon. Sie begleitet ihren Papa gern zur Urgroßmutter. Erst gewinnt die Sensorik den Blick auf die Wirklichkeit, erobert sie, und dann verliert der Mensch die Fähigkeiten nacheinander.

„Die Buchstaben verschwimmen immer.“

Barbara Unverzart übers Lesen im Alter

Lesen etwa: „Das ist keine Frage der großen Buchstaben. Sie verschwimmen nur immer“, beschreibt Barbara Unverzart. Im Alltag der Jungen wird das meist verdrängt. Wann also bekommt man Gelegenheit dazu, aus erster Hand zu erfahren, wie das mit dem Altern ist? Alles klingt mit den Worten der Hundertjährigen so einfach, dass einem die Tränen in die Augen treten. Ja, so ist das also, dieses verstetigte Innehalten auf Zeit. Tief durchatmen.

Es ist, als sei die Zeit kein Faktor auf diesem Grund. Die Unvermeidlichkeit des Todes gibt es hier nicht als Drama. Die unaufdringliche Gewissheit über die Anwesenheit des Endes führt zu einem Satz, der in seiner Tragweite gar nicht zu ermessen ist: „Wenn ich meine Urenkel sehe, dann sehe ich das werdende und mit mir selbst das vergehende Leben. Und wenn sich alle die Hände geben, gibt es mir Kraft.“

Der Blick wandert durch den schmalen Raum. Die hellblauen Sets auf der Blümchendecke, lichtgelb die Tapete mit dem graublauen Rapport aus abstrakten Gräsern. Ein Herrgottswinkel, viele Familienfotos, und davor strahlen Babettls einhundert Lebensjahre den Besucher an. Der sieht, wie sie sich das Kissen auf den Knien zurechtlegt – Wohlempfinden und Bescheidenheit. Kein Platz für fingerhebende Gesellschaftskritik, die mit Blick auf das hier vorhandene Band zwischen den Generationen aufkommen könnte.

Nein, hier ist es geradeaus. Genauso wie der immer noch recht feste Händedruck, der ihren Abschiedssatz begleitet: „Ich habe nur einen Wunsch: dass ich gut sterben darf.“ Nach einer solchen Begegnung reguliert Gelassenheit und nachdenkliche Leichtigkeit den Blick auf die Gegenwart. Kritzenast ist mit Blick auf die Karte ein Abzweig von der Staatsstraße 2400. Man fährt von ihr ab, es geht durchs Dorf, und dann nimmt sie einen wieder auf. Es scheint, als habe das Planungsbüro alles wie eine Raststätte realisiert. Die Straße schwingt in weichen Bögen, der Ort verliert sich im Grün des Rückspiegels.

Sehen Sie hier ein Porträt über Olaf Unverzart aus dem Jahr 2010:

Weitere Geschichten aus Bayern finden Sie hier.

Aktuelle Nachrichten von mittelbayerische.de auch über WhatsApp. Hier anmelden: www.mittelbayerische.de/whatsapp

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht