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MZ-Serie

Die Stimmgewalt des Rock’n’Roll im Wald

Katharina Fischer aus Bad Kötzting beschwört am Mikro den Zauber von Woodstock, der so gar nicht zu ihrem Büroalltag passt

Seit neun Jahren steht Katharina Fischer an der Spitze von „Gentle“ und lässt mit ihrem Gesang Rock-Ikonen wie Bonnie Tyler, Janis Joplin oder CCR-Sänger John Fogerty aufleben. Foto: Gruber
Seit neun Jahren steht Katharina Fischer an der Spitze von „Gentle“ und lässt mit ihrem Gesang Rock-Ikonen wie Bonnie Tyler, Janis Joplin oder CCR-Sänger John Fogerty aufleben. Foto: Gruber

Bad Kötzting.Die E-Gitarren rumsen im Stakkato, das Schlagzeug wirbelt im Takt. Die große Zeitreise vor der Bühne im UG1 beginnt mit einem Kapitel der Rockgeschichte, in dem es niemals regnet, in Kalifornien. Wo die Blumenkinder mit das Tamburin nach Woodstock blicken. John Fogerty stand da am Mikro vor seiner Band CCR und verhexte die Fans mit einem Zauber, der ins Blut der Beat-Generation überging. Mit dem Ende der Hippie-Ära ist er gerostet: Rock für die ewig Gestrigen ist das heute, überholt von Spotify und Synthesizern, mögen die einen sagen. Wäre da nicht der Blick von Katharina Fischer, der an diesem Abend eine ganz andere Wahrheit erzählt.

Vor ihr drängen sich grauhaarige Motorrad-Rocker, dazwischen junges Partyvolk aus Bad Kötzting. Neben ihr hämmern die Bandkollegen aus der CCR-Coverband in die Saiten und die 28-Jährige tanzt sich in Trance. Die Sängerin wirft die Haare nach hinten, legt die Finger ans Mikro, holt ein letztes Mal Luft. „I put a spell on you“, weht eine zarte Stimme durch den Saal. Bis sie zum Orkan heranwächst, der dem Zauber von CCR neues Leben einhaucht. „Cause you are mine“, singt Fischer und schmückt jede Silbe mit dem aus, was über ihrer Lunge schlägt. Ein Herz, in dem der Blues-Rock wiederaufersteht.

Kappe hinten wie Stallone

„Jetzt brauch ich aber einen Schnaps“, sagt Bianca Hutter vor der Bar. „Bei dem Song hat sie mir wieder eine Gänsehaut verpasst.“ Sechs Jahre lang ist sie mit „Gentle“ durch den Landkreis getourt, erzählt die Lohbergerin. Als Lichtassistenz hat sie das Rampenlicht auf die Rockband gerichtet, die Katharina Fischer im Jahr 2009 mit ins Leben gerufen hat, ihr bis heute als Frontfrau die Stimme verleiht. Das Konzert heute ist für die Sängerin ein musikalisches Experiment: Mit den „Creedence Choogle Rockern“ aus Mühldorf betritt sie heute zum zweiten Mal die Bühne. Was in den Augen von Hutter dennoch viel verrät, warum sie Fischer wie ihre Tochter ins Herz geschlossen hat: „Sie war trotz aller Erfahrung tierisch aufgeregt, weil hier in Kötzting alle da sind, die sie kennt. Wenn sie aber auf die Bühne geht, ist Kathi wie in dem Film ‚Over the Top‘ mit Silvester Stallone beim Armdrücken. Sie dreht ihr Käppi nach hinten und lässt einfach die Sau raus.“

10 Uhr Vormittag, einige Stunden vor dem Auftritt, in Liebenstein bei Bad Kötzting duftet der Flieder. Kathi Fischer sitzt im Hof vor einem renovierten Bauernhaus, „Grüß Gott“ steht auf einem Torbogen, der früher die Bayerwald-Urlauber mit ihren Koffern begrüßte. Vor zwei Jahren hat sich die 28-Jährige in die ehemalige Pension eingemietet, wo sie gerade die Songliste für heute Abend durchgeht. Auf welches Lied sie sich am meisten freut? „Rock ‘n‘ Roll-Girls“, sagt Fischer, Stoffweste, graue Jeans, Nietengürtel, schwarzes Bandana. „Ich finde, das beschreibt ganz gut, dass ich heute als Frau an die Stelle von John Fogerty trete“.

Pflichtlektüre für Rock ‘n‘ Roll-Girls wie Katharina Fischer: die Biografie von Led Zeppelin-Sänger und Mastermind Robert Plant Foto: Gruber
Pflichtlektüre für Rock ‘n‘ Roll-Girls wie Katharina Fischer: die Biografie von Led Zeppelin-Sänger und Mastermind Robert Plant Foto: Gruber

Nicht zum ersten Mal schlüpft die Musikerin mit ihrer Stimme in die Rolle von Ikonen aus der Blütezeit des Classic-Rock: Bluesröhre Bonnie Tyler, AC/DC Sänger Bon Scott, Hippie-Diva Janis Joplin. Im Landkreis verbinden sie viele mit der Stimmgewalt an der Spitze der Rockband Gentle, die Fischer an der Seite von Leadgitarrist Dominik „Dom“ Meindl, Bassist Andreas „Mief“ Miefanger, Schlagzeuger Phillip „Phil“ Kastenholz und Rhythmus-Gitarrist Fabian „Fabi“ Riederer zum Erfolg geführt hat. Knapp 250 Auftritte hat die Truppe mit ihrer Mischung aus Coverliedern und eigenen Songs bereits hingelegt. Das Bikertreffen in Gotteszell, Auftritte im Seepark Arrach, Groitlstadl, L.A. Cham – die Fans folgen Fischer und ihrer Truppe sogar bis ins Backstage nach München. Das Geheimnis hinter dieser musikalischen Ehe: Jeder tut das, was er am besten kann. Im Fall von Kathi Fischer heißt das, die Liebe zur Musik ans Publikum weiterzugeben. „Ich liebe die Songs von John Fogerty, Janis Joplin oder Robert Plant von Led Zeppelin. Trotzdem ist es mir wichtig, beim Singen ich selbst zu bleiben und niemanden zu kopieren“, erklärt Fischer. „Das Schönste auf der Bühne ist es, wenn Du merkst, dass du das Publikum mit deiner Musik berührst.“

Lesen Sie hier alle Teile der Porträt-Serie „Köpfe aus dem Woid“

Für die 28-Jährige aus Bad Kötzting gehört das zum Ausbruch aus einer ganz anderen Welt, in die sie ihr Masterstudium geführt hat. Nach dem Wochenende schlüpft sie in ihrem Blazer vor einen Schreibtisch mit Vertriebsbilanzen. Meetings zum Geschäft in der Automotive-Sparte der Firma Zollner stehen auf dem Plan, die Leistungselektronik für die neuen Antriebssysteme von BMW-Modellen wie dem i3 oder i5 hat Abnehmer weltweit. Als gelernte Wirtschaftspädagogin ist Fischer vor zwei Jahren als Programm-Managerin zum Zandter Elektronikriesen gestoßen. Letzte Woche saß sie noch in Italien beim Business-Treffen mit hochrangigen Geschäftskunden. Wie das mit dem Rock ‘n‘ Roll-Girls von John Fogerty zusammenpasst? „Ich bin kein Mensch, der gerne in den Tag hinein lebt“, sagt Fischer. „In dieser Hinsicht bin ich konservativ. Ich wollte von vorne herein ein geregeltes Arbeitsleben haben. In meinem Job fühle ich mich auch total wohl. Mir macht dieser Spagat auch ziemlich viel Spaß. Irgendwie sind das doch auch solche Facetten, die das Leben ausmachen.“

Robert Plant verkörpert Musik

Facetten, zu denen auch die Notenzeilen gehören, die über einem Mikrofon auf ihrem linken Schulterblatt schimmern. „Lean on me“ heißt der Song von Bill Withers, den sich Fischer mit Anfang Zwanzig unter die Haut stechen ließ. Eine Erinnerung an das erste Lied, das sie auf dem Notenständer hatte, als ihr ehemaliger Musiklehrer Simon Schäffler die Realschülerin zum Gesangstraining animierte. Im Chor und in der Schulband stach Fischer mit ihrer Stimme hervor – „der Feinschliff und die richtige Atemtechnik fehlten damals aber noch“, erinnert sie sich.

Kathi Fischer mit ihren Bandkollegen nach dem Konzert in Bad Kötzting. Foto: Archiv/Dominik Meindl
Kathi Fischer mit ihren Bandkollegen nach dem Konzert in Bad Kötzting. Foto: Archiv/Dominik Meindl

Als Mezzosopran sang sie bald über vier Oktaven im Gospel-Chor in Lam, inzwischen steht sie mit Gentle, Cathy und the Choogle Rockers und der Big Band von Sigi Lee Nachreiner regelmäßig auf der Bühne. Dort findet die Musikerin auch den Sound, der für andere in ihrem Alter reif fürs Museum sein könnte: „Elektro höre ich auch gerne, aber es berührt mich nicht so wie die alte Rockmusik. Die Musik von heute ist viel schnelllebiger geworden. Die von früher hat einfach mehr Bestand, finde ich. Robert Plant zum Beispiel macht nicht nur Musik, er ist Musik.“

Im UG1 klingen die CCR-Gitarren aus, das Becken des Schlagzeugs zittert nach dem letzten Schlag. Fischers Zauberspruch hat sich seinen Weg unter die Haut der Menge gebahnt. „Herzlichen Dank Leute, ihr seid echt der Wahnsinn“, sagt Fischer zum Abschluss. Würde John Fogerty im Publikum stehen, er wäre sicher stolz darauf, was aus seinem Rock ‘n‘ Roll-Girl heute geworden ist.

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