mz_logo

Region Cham
Montag, 24. September 2018 13° 3

MZ-Serie

Die Zeit des Mannwerdens

Diesmal erzählt Alexander Metz: Der Stimmbruch hatte für Domspatzen auch was Gutes – Pause von ewigen Proben und Auftritten.
Von Alexander Metz

Nach dem Stimmbruch: Tenor Alexander mit dem schwarzen Talar und dem weißen Chorhemd Foto: Metz
Nach dem Stimmbruch: Tenor Alexander mit dem schwarzen Talar und dem weißen Chorhemd Foto: Metz

Cham.Er war einfach da. Niemand hatte ihn uns angekündigt oder gar vorgestellt. Als wir am letzten Tag der großen Ferien alle wieder ins Kaff, so nannten wir unser Internat, eintrudelten, kam auch er, der Neue.

Unser Zimmer war nicht größer als sechzehn Quadratmeter. Es lag im obersten Stockwerk des Schul- und Internatsgebäudes bei den Schlafsälen. Uns war es Studierraum und Schlafzimmer in einem, für vier 17-jährige Jungmänner. Die Betten standen an einer Seite, jeweils zwei hintereinander und zwei übereinander. Ich hatte das Bett unten direkt am Fenster für mich ergattert. Das war mir wichtig, wegen der frischen Luft.

Der Neue nahm das Bett über mir. Er kam herein und sagte: „Ich bin der Alexander.“ Und da ich auch so heiße, hatten wir wenigstens schon eines gemeinsam, den Namen.

Aber der Neue hatte noch mit ein paar anderen Trümpfen aufzuwarten, die ihn mir gleich von Anfang an sympathisch erscheinen ließen. Er kam aus Miltenberg. Und das war für mich als Cineasten etwas ganz Bedeutungsvolles. Auf dem Stadtplatz von Miltenberg war nämlich der Vorspann des Filmes „Das Wirtshaus im Spessart“ gedreht worden. Der bekannte Schauspieler Rudolf Vogel mimte einen Straßensänger und sang, begleitet von den tapsigen Schritten eines Braunbären „die schröckliche und wahre Geschichte von die bese Räuber“.

Frankenstein und Doktor Mabuse

Das Foto zeigt den Buben Ludwig Alexander Metz am ersten Tag mit dem Engel im Arm, den ihm seine Chamer Pflegemutter mitgegeben hatte. Er ist bald zerbrochen, aber Alex nicht. Foto: Metz
Das Foto zeigt den Buben Ludwig Alexander Metz am ersten Tag mit dem Engel im Arm, den ihm seine Chamer Pflegemutter mitgegeben hatte. Er ist bald zerbrochen, aber Alex nicht. Foto: Metz

Jedenfalls Miltenberg, das war etwas, womit ich was anfangen konnte. Eine weitere Gemeinsamkeit war die Tontechnik. Davon verstand der neue Alexander wirklich viel. Und weil ich mit meinem angesparten Taschengeld ein gebrauchtes Grundig-Tonbandgerät mit, was damals eine Sensation war, einem Halleffekt zu kaufen beabsichtigte, war Alexander der Neue mir bald ein guter Freund und Berater in Fragen der Tonbandaufnahmetechnik.

Auch entdeckten wir schon sehr bald unsere gemeinsame Liebe zum Film und zum Kino. Wir ließen keinen Doktor Mabuse, Frankenstein oder Edgar Wallace nach unseren sonntäglichen Zwangsspaziergängen aus, obwohl der Besuch von Kinos einerseits und der solch anrüchiger Filme andererseits und im Besonderen auch unter Nietsches Herrschaft strengstens verboten war.

Wir musterten den Neuen mit kritischen Blicken. Die, die wir schon über viele Jahre hinweg ohne die Liebe und Zuwendung von Eltern und Geschwistern im Internat zu leben gewohnt waren und unser Defizit an Liebe und Geborgenheit mit derben Späßen, manchmal aber auch gehässigen Worten und Gesten auszugleichen verstanden, sahen sofort die spätpubertären, entzündeten Pickel im Gesicht unseres Neuen, seine Adlernase und seine noch unsicheren, verhuschten Bewegungen. Er ertrug unsere kleinen und großen Taktlosigkeiten mit einer stoischen, ja fast heiligen Geduld und Nachsicht, die eigentlich zu seiner sonstigen Fahrigkeit nicht passte.

Das Leben eines Stimmbrüchigen

Warum er eines Tages der Gschwandtner genannt wurde, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Es war eigenartig und typisch für uns zugleich, dass wir uns so gut wie nie mit unseren Vornamen ansprachen. Nur wenn zwei sehr eng befreundet waren, was im Internat von den Vorgesetzten gar nicht so gerne gesehen war, redeten sie sich mit Vornamen an. Ansonsten gab es nur den Piefke, den Ritzi, den Gromodore, den Bimbo mit der Lächerlefze, den Vetter, die Unke, den Gschwandtner oder ganz schlicht in natura zum Beispiel den Grossmann. Den aber konnte keiner so richtig leiden.

Es war einer jener grauen Herbsttage, die das trübe Internatsleben und den tristen Schulbetrieb so vortrefflich zu ergänzen wussten. In der zweiten Stunde nach der großen Pause hatten wir Musik. Wir fühlten uns an diesem Tage alle noch nicht reif, wieder mit dem Singen zu beginnen. Sollte der Stimmbruch, der für uns etwas mit Mannwerden und Erwachsenwerden zu tun hatte, wirklich schon beendet sein?

„Der zerbrochene Engel“: Der 71 Jahre alte Alexander Metz präsentiert sein zweites Werk. Foto: Fischer
„Der zerbrochene Engel“: Der 71 Jahre alte Alexander Metz präsentiert sein zweites Werk. Foto: Fischer

Unser Musiklehrer, der Schwerenöter, wie wir ihn wegen seiner geradezu magischen Wirkung auf das weibliche Geschlecht nannten, hatte just an diesem tristen Herbsttag die Idee, unsere Stimmen zu prüfen, um neue Kräfte für seinen Männerchoralchor zu gewinnen. Der Schwerenöter war für die Donnerstagsämter zuständig, die keiner so recht mochte, weil es hieß, früh aufstehen und in die Kälte hinausgehen. Aber immerhin wurden wir am Donnerstag mit dem Bus zum Dom gefahren und auch wieder abgeholt. Am Donnerstag gab es auch, wie am Sonntag, einen Kakao zum Frühstück. Allerdings war der Donnerstagskakao stark mit Wasser gestreckt.

Jeder von uns musste eine Tonleiter rauf und runter singen. La la la la la ..... Ba ba ba ba ba ... Klappte es in einer Tonlage nicht, versuchte es der Schwerenöter mit einem jeden von uns hartnäckig in einer anderen. Und tatsächlich war er mit dem einen oder anderen stimmlichen Ergebnis durchaus zufrieden, obwohl es sich meist nicht sehr erbaulich anhörte, was wir aus unseren Kehlen hervorbrachten.

Wir hatten auch keine rechte Lust, uns stimmlich anzustrengen; denn als Stimmtalent entdeckt zu werden, bedeutete das Aus für das relativ angenehme Leben eines stimmbrüchigen Mutanten. Wir alle wussten sehr gut, was da auf uns früher oder später zukommen sollte: Chorproben, Choralämter im eisigkalten Dom zu unchristlicher Zeit, kurz nach Mitternacht.

Die meisten von uns gaben sich also aus gutem Grund keine große Mühe mit ihrer gesanglichen Kostprobe. Doch so sehr wir uns auch anstrengten, wir konnten die langjährige stimmliche Ausbildung, die wir als Sängerknaben einst genossen hatten, nicht verleugnen. So wurde auch ich an diesem trüben Herbsttag vom Schwerenöter als Tenor-Talent entdeckt und landete da, wo ich vor vielen Jahren begonnen hatte: beim Choralsingen.

Alle Serienteile finden Sie hier.

Endlich war auch unser Neuer, der Gschwandtner, der noch nie wie wir mit geschulter Stimme gesungen hatte, an der Reihe. Und wir alle warteten mit listigen Augen und Ohren auf das, was da kommen sollte.

Der Schwerenöter stimmte die Tonleiter auf dem Flügel an und starrte dabei erwartungsvoll auf den Gschwandtner. Der holte tief Luft und bekam dabei einen ganz roten Kopf. Er riss den Mund weit auf wie ein Karpfen, der nach Luft schnappt, aber es entfleuchte nicht ein Piepser dem Gehege seiner Zähne.

Die ersten von uns grinsten bereits breit und hämisch. Da versuchte es der Schwerenöter nochmals in einer anderen Tonlage. Er strich diesmal ein wenig ungeduldig über die Tasten und nickte dem Prüfling mit einer Geste zu, die als Zeichen eines letzten Versuches zu interpretieren war.

Der Gschwandtner riss alle seine Kräfte zusammen, bäumte sich auf, dass sein Kopf zu platzen drohte und stieß schließlich einen undefinierbaren Laut hervor. Just im selben Augenblick leuchtete die rote Feuerwolke beim Gaswerk auf und ließ Gschwandtners Urschrei zu einem bedeutungsvollen Urknall entwickeln.

Eine Sänger-Karriere

Damals glaubte noch keiner von uns so recht daran, dass aus dem Gschwandtner einmal ein richtiger und sogar erfolgreicher Sänger werden würde. Schon bald aber wurden wir eines Besseren belehrt. Der Gschwandtner hatte nach seinem stimmlichen Urknall die Liebe zum Gesang entdeckt. Er sang und trällerte überall, wo man ihm begegnete. Mal übte er im Duschraum unten im Keller, weil es dort so schön hallte, mal in unserem Klassenzimmer, ganz hinten.

Der Autor und sein Buch

  • Vita:

    Ludwig Alexander Metz wurde 1946 in Cham geboren und hier als uneheliches Kind bei einer Pflegemutter „versteckt“. Die Mutter war die Tochter aus einem Landshuter Brauerei-Gasthof, der Vater ein Zwangsarbeiter aus Serbien.

  • „Der versteckte Bua“:

    Das war der Titel eines Buches, in dem Metz seine Kindheit der Nachkriegszeit in Cham beschreibt. Eine Serie mit diesen Geschichten hat viel Resonanz gefunden.

  • „Der zerbrochene Engel“ schildert seine Erlebnisse bei den Domspatzen von 1955 bis 1966.

  • Vertrieb:

    Das Buch ist erschienen bei Books on Demand (BoD) und in einer Paperback-Ausgabe (11,99 Euro) erhältlich im Buchhandel.

Da lehnte ein Klavier an der Wand. Und davor saß oder stand unser Gschwandtner breitbeinig mit geschwellter Brust und sang: „Lässt sich Amor bei euch schauen, liebe Kinder flieht den Dieb!“ Immer wieder und immer wieder. Dieses Lied hat er sogar bei der Abiturprüfung gesungen. Er sang aber auch Schuberts Winterreise und das hohe C beim Postillon von Logimo. Er sang ohne Unterlass, und wenn man ihn suchte, brauchte man nur dem unverkennbaren Klang seiner Stimme zu folgen.

Eigentlich wollte der Alexander einmal Toningenieur werden. Er war übrigens einer der wenigen, die schon sehr bald wussten, was sie einmal werden wollten. Man erzählt, er habe nach dem Abitur in Berlin tatsächlich mit dem Studium der Tontechnik begonnen. Als er aber mitbekam, was da so alles an unfähigen Talenten vor sein Mikrofon trat, habe er sich selbst vor ebendieses und der Welt als Sänger zur Verfügung gestellt.

Wieder richtige Domspatzen

Bei Schwerenöters Talentsuche musste auch der Hannes, der Schöpfer des Namens „Gschwandtner“, eine Kostprobe seiner Sangeskunst zum Besten geben. Er landete einen Volltreffer als Bass und wurde vom Platz weg engagiert.

Bereits beim nächsten Donnerstagsamt waren Hannes, Gschwandtner, ich und einige andere Jungtalente mit dabei. Wir wurden bereits vor sechs Uhr aus dem Schlaf gerissen, schlürften schlaftrunken den Wasserkakao, schleppten uns ebenso verschlafen in den Bus, genossen noch ein kleines Nickerchen in selbigem auf dem Weg zum Dom, kleideten uns mit dem schwarzen Talar und dem weißen Chorhemd, probten kurz zusammen mit den Knabenstimmen unter Schwerenöters Leitung die Chorgesänge im spärlich beleuchteten Kreuzgang und sangen dann mit kräftiger Stimme das Kyrie, das Gloria, das Credo und das Pange Lingua bei der Prozession. Nun waren wir wieder richtige Domspatzen.

Mehr Nachrichten zu Bucherscheinungen finden Sie hier.

Aktuelle Nachrichten von mittelbayerische.de auch über WhatsApp. Hier anmelden: https://www.mittelbayerische.de/whatsapp

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht