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Diese Digital-Themen erwarten uns 2018

Hassrede, Spielsucht und der Siegeszug des Webvideos: Medien-Expertin Birgit Zwicknagel aus Stamsried erklärt die Trends.
Von Michael Gruber

Instagram und Snapchat – unter Jugendlichen sind das die Apps der ersten Wahl auf dem Smartphone. Foto: pixabay/terimakasih/Talentcube/obs |
Instagram und Snapchat – unter Jugendlichen sind das die Apps der ersten Wahl auf dem Smartphone. Foto: pixabay/terimakasih/Talentcube/obs |

Cham.Donald Trump macht es vor – ein kurzer Wisch mit dem Daumen reicht, damit die Welt fast aus den Fugen gerät. Elf Jahre ist es her, dass der frühere Apple-Chef Steve Jobs mit der Präsentation des iPhones das Internet reif für die Hosentasche gemacht hat. Und Birgit Zwicknagel kann viel darüber erzählen, welchen Fluch das über den Teenager-Alltag von heute bringt. „Wie wär’s, wenn Du Dir einfach einen Strick drehst und Dich umbringst!“, stand in dem Posting, das eine 13-jährige Schülerin aus dem Landkreis eines Tages von ihren Mitschülern aufs Handy bekam. Gleich darunter: Ein Erklärvideo, wie sich der Strick reißfest drehen lässt.

„Wir mussten am Ende den sozialpsychiatrischen Dienst einschalten. Die Schülerin fing an, sich zu ritzen und spielte tatsächlich bereits mit den schlimmsten Gedanken“, sagt die Medienexpertin aus Stamsried, die mit ihrem Beratungsdienst „Clever ins Netz“ täglich vor Schulklassen steht, um mit den Kids über die Welt hinter der Filterblase zu reden.

Mit der Beratung Clever ins Netz will Expertin Birgit Zwicknagel die Schüler aufklären.
Mit der Beratung Clever ins Netz will Expertin Birgit Zwicknagel die Schüler aufklären.

Was sind die großen Brennpunkte im Netz? Welche Apps und sozialen Netzwerke liegen 2018 bei jungen Nutzern im Trend? Und was bringt das neue Internetjahr für Erwachsene? Über diese Fragen haben wir mit der Netzpädagogin gesprochen. Und schon beim ersten Problem, beißt sich die Katze in den Schwanz: Was ist Fake, was Fakt? Sind Urlaubsfotos, Selfies und Pics von den eigenen Kindern nach dem Upload ins Netz wirklich privat? „Die Erziehung der Eltern beim Umgang mit dem Netz ist so, wie beim begleiteten Fahren mit 17 – nur sitzt keiner am Steuer, der wirklich weiß, was er tut“, sagt Zwicknagel.

Posten wie die Axt im Wald

Donald Trump macht mit seinen ausfallenden Tweets die Hassrede im Netz salonfähig. Foto: dpa
Donald Trump macht mit seinen ausfallenden Tweets die Hassrede im Netz salonfähig. Foto: dpa

Das Topthema auf der Liste der Pädagogin betrifft deshalb ein Phänomen, das sich durch alle Altersgruppen zieht: Hatespeech – zu deutsch: Hassrede. Nicht zuletzt salonfähig gemacht durch die Twitter-Tiraden von Donald Trump, färben Provokationen und Beleidigungen unter der Gürtellinie in den Kommentarspalten längst auch auf den Umgangston in den Schulklassen ab. „Besonders im letzten Jahr ist der Tonfall unter den Mitschülern deutlich verroht“, berichtet Zwicknagel. Vier Mal in der Woche ist sie mit Beratungsdienst an Schulen zwischen Weiden und Passau unterwegs. Ihr bleibt nur der Appell an die Vernunft, beim respektvollen Umgang miteinander: Emotionaler Abstand, nachdenken, dann tippen – so lautet ihr Ratschlag: „Wenn ich mich benehme wie die Axt im Wald, beschwöre ich den Hass herauf.“

Von Spielsucht sind neben Jugendlichen immer mehr Grundschüler betroffen. Foto: dpa
Von Spielsucht sind neben Jugendlichen immer mehr Grundschüler betroffen. Foto: dpa

Gewalt in Computerspielen und der Kontrollverlust bei Dauer und Häufigkeit der Nutzung ist ebenfalls ein Thema, bei dem Zwicknagel im vergangenen Jahr eine bedenkliche Entwicklung beobachtet hat – und den Fokus für ihre Arbeit im Jahr 2018 sieht. Ego-Shooter-Spiele wie „Call of Duty WWII“, die 2017 zu den großen Hypes zählten, flimmern inzwischen über die Bildschirme von Drittklässlern – dazu habe sich die Zahl von Suchterkrankungen bei E-Games in jüngster Zeit deutlich erhöht, mahnt Zwicknagel. „Immer öfter macht sich schon bei Grundschülern eine übermäßige Spielzeit von drei Stunden täglich bemerkbar.“ Doch bringt das neue Jahr in dieser Hinsicht auch eine gute Nachricht: Staatliche und kirchliche Suchtberatungsstellen in der Oberpfalz haben inzwischen gesonderte Beratungsangebote für die Computerspielsucht eingeführt – und auf den erhöhten Bedarf reagiert.

Medien-Expertin Birgit Zwicknagel schreibt regelmäßig Kolumnen für unser Medienhaus. Sie finden sie hier.

Instagram hoch im Kurs

In den sozialen Medien rollt derzeit ein weiterer großer Trend auf die Nutzer zu: Marc Zuckerberg hat auf Facebook das „goldene Zeitalter des Videos“ ausgerufen. Das Silicon Valley springt damit auf einen Trend auf, den Zwicknagel beim Verhalten Jugendlicher zwischen 12 und 19 Jahren täglich beobachtet: lesen ist out, Videos streamen in. Noch besser: Sich selbst mit dem eigenen Smartphone filmen und das Ganze hochladen oder in einer privaten Nachricht verschicken. „Bei mehr als drei Zeilen Text wird es schon schwierig mit der Aufmerksamkeit“, sagt Zwicknagel.

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„Die Erziehung der Eltern beim Umgang mit dem Netz ist so, wie beim begleiteten Fahren mit 17 – nur sitzt keiner am Steuer, der wirklich weiß, was er tut“

Birgit Zwicknagel, Clever ins Netz

Bemerkbar macht sich das auch bei den Apps, die hoch im Kurs stehen. Instagram steht bei den Teenagern ab 15 Jahren an erster Stelle – im Landkreis wie im bundesweiten Trend. Snapchat ist dagegen bei den jüngeren Nutzern gefragt. Während Facebook und der Messenger WhatsApp inzwischen für die meisten Erwachsenen zu den Standard-Anwendungen zählen, sind sie für Teenager höchstens zur „Nebenbei-App“ geworden. Der wachsende Trend zur Foto- und Videoanwendungen verschärft ein weiteres Phänomen auf den Pausenhöfen: „Sextortion“ wird die Erpressung mit den eigenen Fotos oder Videos genannt, die Jugendliche über Instagram oder Snapchat ins Netz stellen. „Aus sexueller Neugierde verschicken Jugendliche immer häufiger freizügige Fotos und Videos von sich. Das böse Erwachen kommt dann meist zu spät, wenn die Aufnahmen öffentlich ins Netz gestellt werden.“

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