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Ehrenamt mit Füßen getreten

„Wilder Müll“ an der Totenbrettgruppe ärgert Mitglieder des Trachtenvereins – auch, weil dies ein Ort der Erinnerung ist.
Von Hermann Schropp

Diese wilde Müllablagerung wurde vergangene Woche neben der Totenbrettgruppe des Trachtenvereins Chamerau nach Gillisberg entdeckt.  Foto: Schropp
Diese wilde Müllablagerung wurde vergangene Woche neben der Totenbrettgruppe des Trachtenvereins Chamerau nach Gillisberg entdeckt. Foto: Schropp

Chamerau.Sepp Dobler und Rudi Altmann sind Mitglieder des Trachtenvereins Chamerau und für die Pflege und Sauberkeit an der Totenbrettergruppe zuständig. Als die beiden in dieser Woche dort den Rasen mähen wollten, mussten sie feststellen, dass wieder Unbekannte zum wiederholten Mal bei den Totenbrettern sowie in der angrenzenden Böschung Hausmüll entsorgt hatten.

Dobler und Altmann unterrichteten die Vorstandschaft des Trachtenvereins sowie die örtliche Presse über die Hinterlassenschaften auf der Straße nach Gillisberg: Unter anderem fanden sich Bierflaschen, Wasserflaschen, Blechdosen, einige (leere) Flachmänner und Hausmüll wie Plastikflaschen, -tüten und -becher sowie viele Zigarettenkippen bei den Hinterlassenschaften. Letztere hätten bei der derzeit trockenen Witterung leicht einen Böschungsbrand verursachen können.

Die Natur ist kein Wertstoffhof

„Die schöne Bescherung ist nicht nur wahllos unter den Sträuchern entsorgt, sondern auch mit Überlegung, sauber und sichtbar, abgelagert worden“, kritisierten die beiden ehrenamtlichen Mitglieder des Trachtenvereins. Da habe wohl jemand „die Natur mit dem Wertstoffhof verwechselt“. Sepp Dobler und Rudi Altmann vermuten als Verursacher Spaziergänger und Radfahrer, die Richtung Miltach unterwegs waren und eine Pause auf der Ruhebank einlegten, sowie besonders dreiste Umweltsünder.

Ein ungewöhnliches, wenn auch sehr auffallendes und prägendes Merkmal in der Landschaft des Bayerischen Waldes, also Niederbayerns oder der Oberpfalz, sind die Totenbretter, Leichenbretter, Verwahrbretter oder welche Bezeichnung es für diese Denkmäler eben sonst noch gibt. Man sieht sie neu, frisch lackiert und beschriftet, oder fast schon vermodert und bemoost mit alten, kaum leserlichen Sprüchen oder auch vom Zahn der Zeit nur leicht benagt und verwittert – senkrecht aufgestellte Bretter, die den Namen eines Verstorbenen tragen und meist auch ein passendes Sprüchlein über den Verblichenen dazu. Auch heute noch und wieder immer öfter werden sie nach alter Tradition am Wegesrand, vor Friedhöfen, an Wegen oder vor Bauernhöfen aufgestellt.

Wenn früher jemand starb, so ging die Neuigkeit von Haus zu Haus mit den Worten: „Hast es schon g’hört, der is übers Brettl g’rutscht“. „Übers Brettl rutsch’n“ war einst die Redensart, mit der man den Tod eines Mitbürgers verkündete, so erzählte Oskar Döring 1929 in einem alten Heimatkalender. Heutzutage hört man diesen Ausdruck nur noch selten. Doch woher kommt diese Redensart?

Um den Ausdruck „übers Brettl rutschen“ zu erklären, muss man einige Jahre in die Vergangenheit gehen. Erst um das Jahr 1800 wurden auf dem Land Särge bei Beerdigungen gebräuchlich. Längst gab es keinen Sarg für jeden Toten, sondern sogenannte „Ausschütttruhen“ – Särge, die im Eigentum der Kirche standen und für alle Bestattungen leihweise überlassen wurden. Am Grabe wurde der Deckel aufgeschlagen und die Leiche „in das Grab „geschüttet“. Bei diesem „Ausschütten“ wurde ein Brett benutzt, auf dem man den Toten in die Grube rutschen ließ (siehe auch Zusatzartikel).

Es war üblich, dass man den Verstorbenen das sogenannte Totenbrettl mit ins Grab legte. Auf ihm war der Tote die drei Tage bis zum Begräbnis zu Hause schon gelegen. Das Totenbrett gab man früher, da die Leiche noch ohne Sarg in das Grab gelegt wurde, dem Verstorbenen mit in die Erde. Man legte es über den Leichnam, um ihn vor Verletzungen beim Einschaufeln zu schützen.

Später, als jeder Tote einen eigenen Sarg hatte, wurde das Totenbrett bei der Beerdigung überflüssig. Was sollte man damit anfangen? Heilige Scheu verbot, das Brett noch für irgendwelche häuslichen Zwecke zu nutzen. So kam man auf den Gedanken, das Totenbrett als Andenken aufzustellen. Mit drei Kreuzen zeichnete man es. An einem Weg, meistens einem Kirchweg, an einem Baum oder an Kapellen stellte man es auf.

Mit der Zeit wurden die Totenbretter kunstfertig ausgeführt, mit Leisten und Säulchen verziert und auf viele Arten zugeschnitten. Der Maler beschrieb es dann mit dem Namen und setzte darunter einen Vers. In langen Reihen trifft man die Totenbretter an, ein schönes Stück alten Brauchtums.

Neben ernsten Inschriften auf Totenbrettern kam auch der Humor nicht zu kurz. So konnte man zum Beispiel auf dem Totenbrett eines Pfarrers Folgendes lesen: „Hier liegt Pfarrer C. Eberhart, ein Mann von alter, deutscher Art; von den Gelehrten war er keiner, aber von den Geschwinden einer. Kurz und gut haben’s die Bauern gern, drum trauern’s um ihren geschwinden Herrn“. Auf dem Brett eines Bauern kann man lesen: „Durch einen Ochsenstoß kam er in Gottes Schoß. Er fand die ewige Ruh, durch dich, oh Rindvieh du.“

Ein schlechtes Vorbild

Die Vorstandschaft des Trachtenvereins greift zum wiederholten Mal nach dem letzten Umweltfrevel die Problematik der Zuwiderhandlungen an der Totenbrettgruppe, die seit Jahrzehnten ein Ort für Heimatverbundenheit und Tradition für alle Mitglieder und der Gesamtbevölkerung sei, auf.

Zwar hilft es wenig, auf die miserable Moral der Umweltsünder zu schimpfen und den Kopf ob der Dreistigkeit der Leute zu schütteln, die ihren eigenen Dreck auf Kosten der Allgemeinheit entsorgen und offenbar nicht mal ein schlechtes Gewissen dabei haben.

Die Frage stellt sich aber schon, wes Geistes Kind diese Menschen sind, die ihren Hausmüll in der freien Natur oder, wie hier in Chamerau an der Totenbrettgruppe, an einem Ort, wo Erinnerungen an Verstorbene und Brauchtumsarbeit gepflegt wird, abladen. Fatal ist leider der Eindruck, der bei unserem Nachwuchs entstehen muss, der doch vermittelt bekommen soll, dass die Umwelt uns alle angeht.

Was mögen sich erst die Jungen und Mädchen aus den Vereinen denken, die bei diversen Dreck-weg-Aktionen alle Jahre wieder den Müll fremder Leute aufsammeln. Zumal es sich zum größten Teil um Abfälle von Erwachsenen handelt. Bleibt nur zu hoffen, dass sie die Umweltsünder trotzdem als das erkennen, was sie sind – - nämlich abschreckende Beispiele.

Wer sachdienliche Hinweise zur Müllablagerung an der Totenbrettgruppe machen kann, sollte sich bei der Gemeindeverwaltung Chamerau oder bei der Vorstandschaft des Trachtenvereins Chamerau melden. Es werden auch anonyme Hinweise zur Ermittlung des Verursachers entgegengenommen.

Alter Brauch

  • Charakteristisch:

    Totenbretter sind für unsere Gegend charakteristisch, das Aufstellen dieser Bretter ist ein alter Brauch.

  • Leinentuch:

    Als es früher noch keine Leichenhäuser gab, machte man mit dem Leichnam wenig Umstände. Man wickelte ihn nach alter Sitte in ein Leinentuch, nähte es zusammen und legte die Leiche auf ein Brett. Zwischen zwei Stühlen oder auf eine Bank gelegt, bahrte man auf dem Brett den erstarrten Leichnam bis zum Begräbnis in der Stube auf.

  • Auf dem Brett:

    Der Verstorbene wurde dann auf dem Brett festgebunden und zum Grab gebracht. Dort ließ man den Leichnam entweder mit dem Brett ins Grab hinunter oder schob ihn – mit den Füßen voran – auf dem Brett schräg in die Grube, löste die Fesseln und zog es wieder hoch, so dass der Leichnam langsam von der Unterlage auf den Grabboden rutschte.

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